Ort:

Lübtheen, Mecklenburg-Vorpommern

Wer:

  • Theater Kulturkate e. V.
  • gegründet 1998, Eröffnung am 27. Februar 1998
  • seit 2004 eingetragener Verein
  • Finanzierung aus Fördergeldern, privaten Mitteln und Eintrittsgeldern
Was:

Das Theater Kulturkate, auf einem ehemaligen Bauernhof in Neu-Lübtheen gelegen, engagiert sich in der Region für gesellschaftspolitische Verantwortung und ein demokratisches Miteinander – mit den Mitteln des Theaters.

Kultur auf dem Acker

Theater Kulturkate

Einfach Ruhe finden abseits des hektischen Theaterbetriebs der Großstadt: Das war es, was Volker Matzen und Charlotta Bjelfvenstam suchten, als sie Ende der 1990er Jahre ein altes Bauernhaus in Lübtheen kauften. Doch die Bühnenluft nahmen sie mit – und nach den Wahlerfolgen der NPD 2006 wurde diese politisch.

„Wir sind da eher reingerutscht“, beschreibt Matzen die Anfänge des Theaters Kulturkate. Zunächst standen aufwendige Restaurierungsarbeiten an, an ein Theater auf der Scholle dachte damals noch niemand. Die Idee entstand eher nebenbei, „quasi als Einstand gegenüber den Nachbarn im Ort, damit man sich besser kennenlernt“. Das war 1998, Tschechow stand auf dem Programm. „Die Idee, an diesem Ort weiterhin Theater zu machen, die ließ uns dann nicht mehr los.“

Schnell wurde es in den privaten Wohnräumen zu eng – so entstand das Freiluft-Sommertheater. „Viele konnten sich nicht vorstellen, dass das funktionieren würde auf dem platten Land. Dass da dauerhaft ein Publikum wäre und genügend Interesse“, so der Regisseur, Schauspieler und Geschäftsführer der Kulturkate. Doch die Menschen aus der Umgebung nahmen das Angebot an – als Zuschauende und als Mitwirkende. Denn das Credo „Theater für alle“ ist hier Programm: Neben professionellen Darstellern wirken an den Produktionen auch Laien aus Lübtheen und Umgebung mit. Und auch hinter der Bühne tragen Nachbarn und Freunde mit dazu bei, dass Klassiker wie Shakespeares „Was ihr wollt“ und zeitgenössische Stücke wie „Die Kanzlerin kommt“ von Simone Kollmorgen ein Erfolg werden.

Es wäre womöglich beim Theater mit und für die Region geblieben, was an sich schon bemerkenswert genug ist. Dann kamen die Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern 2006 – und ein lokales Wahlergebnis von über 16 % für die NPD. „Hier im Ort und in der Umgebung leben viele Spitzenfunktionäre der NPD.“ Und die Zustimmung in der Bevölkerung zu dieser Partei war zum damaligen Zeitpunkt hoch. In der Kulturkate wollte man darauf reagieren, und rief die Reihe „Kultur gegen rechts“ mit szenischen Lesungen und Schultheater-Aufführungen ins Leben.

„Bis dahin waren wir nur lokal bekannt, aber jetzt wurde man auch darüber hinaus auf uns aufmerksam“, so Matzen. Bis in die Bundespolitik hinein: Für sein beispielhaftes zivilgesellschaftliches Engagement wurde dem Ensemble des Theaters Kulturkate im Mai 2007 der Bündnispreis „Botschafter für Demokratie und Toleranz“ der Bundesregierung überreicht. „Seither haben wir viel Rückenwind für unsere Aktivitäten.“ Was nicht heißt, dass die weitere Arbeit immer gesichert ist. Die ambitionierten Projekte der Kulturkate wären nicht möglich, wenn Matzen und seine Mitstreiter nicht mit vollem Einsatz dahinter stehen würden, sowohl materiell als auch zeitlich: „Ich habe meine anderen beruflichen Aktivitäten aufgegeben und konzentriere mich nur noch hierauf.“

Und es steht nach wie vor viel auf dem Programm: Jeden Sommer wird die Freiluftbühne mit einer neuen Produktion bespielt – zuletzt sehr erfolgreich mit „Ende der Schonzeit“ nach Motiven von Carl Maria von Webers „Freischütz“. Einen wichtigen Schwerpunkt bildet zudem die Arbeit mit Jugendlichen in der „Laienakademie auf dem Acker“. Mit dabei sind junge Leute mit sehr unterschiedlichem Hintergrund: „Wir wollen gerade auch die erreichen, die sonst mit Theater gar nicht in Berührung kommen. Die profitieren sehr von der Arbeit auf der Bühne und entwickeln ganz neue auch sprachliche Fähigkeiten“, begeistert sich Matzen. Ziel ist, die Laien mit in die Produktionen einzubinden und ihnen damit eine Herausforderung zu bieten.

Und um noch etwas anderes geht es dabei: „Wir haben inzwischen einen Weg eingeschlagen, der integrativ sein will, nicht polarisierend.“ Gemeint ist der Umgang mit den Themen Diskriminierung und Rassismus in einer Region, in der viele mit der NPD sympathisieren, aber kaum jemand offen darüber spricht. „Wir konfrontieren die Leute nicht mehr direkt, sondern binden das als aktuelle Bezüge in unsere Produktionen ein.“ Diskussion und Auseinandersetzung sind das Ziel: Was heißt Demokratie für mich? Wie fühlt sich das an? „Wir bekommen für diesen Ansatz sehr viel positives Feedback.“

Das Theater Kulturkate in Lübtheen ist in den über 10 Jahren seines Bestehens ein Fixpunkt geworden – für sein Publikum, für die Mitwirkenden aus der Umgebung und Profi-Schauspieler aus der ganz Deutschland, die gern immer wieder an den Produktionen mitwirken. Und es sind tiefe Freundschaften entstanden zwischen den Lübtheenern und denen, die von außen kommen. Was darüber hinaus ein wichtiges Ziel für die Zukunft wäre? „Eine dauerhafte Finanzierung für eine oder anderthalb Stellen.“ Dann wäre die Weiterarbeit gesichert für ein Projekt, das sehr viel mehr ist als Kultur auf dem Acker.

20.12.2010

Foto: Mario Gremlich

© Mario Gremlich
Die Kulturkate, ein dreihundert Jahre altes Bauernhaus; © Jane Thorun
“Ahriman” aus “Ende der Schonzeit (Freischützprojekt); © Jane Thorun
© Manfred Bannenberg
Aus “Romeo und Julia aufm Acker”; © Manfred Bannenberg
Aus dem Weihnachtsprogramm 2010: “Ein Weihnachtslied” von Charles Dickens. Von r. nach l. Henriette Thorun, Sebastian Kemper, Florian Mälitz, Andreas Thorun; © Jane Thorun