Ort:

Karlsruhe, Baden-Württemberg

Wer:

  • Bürgerinitiative Zivilcourage e.V. – helfen aber wie?
  • gegründet 2010
  • derzeit 12 Trainerinnen und Trainer
  • Finanzierung aus Fördergeldern, Spenden und Trainings-Entgelten
Was:

Die Bürgerinitiative Zivilcourage vermittelt in sogenannten Bürgertrainings Methoden der Deeskalation für Menschen, die sich im öffentlichen Raum entweder selbst vor gewalttätigen Übergriffen schützen oder anderen in einer solchen Situation zur Seite stehen möchten. Ziel ist es, Menschen dafür zu sensibilisieren, potenziell Gefahren zu erkennen, bevor eine Situation eskaliert, und darin gewaltfrei und opferorientiert handeln zu können.Das beinhaltet auch, andere zur Mithilfe zu mobilisieren und dadurch das Bewusstsein für gemeinsame Verantwortung im Gemeinwesen zu stärken.

Zivile Courage von Bürgern für Bürger

Bürgerinitiative Zivilcourage e.V. – helfen aber wie?

Als im September 2009 ein Münchner Geschäftsmann Jugendliche in der Münchner S-Bahn vor ihren Peinigern schützen will und daraufhin gewaltsam zu Tode kommt, erschüttert dieses Geschehen Menschen in ganz Deutschland. Der Fall wirft viele Fragen auf – nicht zuletzt auch die nach der Gefahr, die mit dem mutigen Einschreiten für Mitmenschen in Gefahr einhergehen. In Karlsruhe nimmt Gisela Konrad-Vöhringer die aufbrandenden Debatten um öffentliche Sicherheit und Zivilcourage zum Anlass, um gemeinsam mit anderen eine Bürgerinitiative ins Leben zu rufen. Das Ziel: Bürgerinnen und Bürger in die Lage zu versetzen, Gefahrensituationen zu erkennen und zu deeskalieren.

„Täter warten auf Provokationen. Sie suchen Opfer, nicht Gegner“, weiß Gisela Konrad-Vöhringer aus langjähriger Erfahrung als Supervisorin. Die Vorsitzende der Bürgerinitiative Zivilcourage erinnert sich noch, wie der Gedanke Form annahm, hier ein Angebot zu machen: „Es ging um das Thema Angst – sowohl Angst vor Übergriffen im öffentlichen Raum als auch Angst davor, was passiert, wenn man nicht selbst betroffen ist, sich aber einmischt.“ Rund 25 Menschen sind es im Herbst 2010, also rund ein Jahr später, die gemeinsam die Initiative gründen. Sie kommen überwiegend aus der Präventionsarbeit und haben bereits Erfahrung mit den Themen Gewalt und Deeskalation. Sie alle leitet der Gedanke, dass der Staat allein eine so große Aufgabe wie öffentliche Sicherheit nicht leisten kann, dass die bloße Forderung nach mehr Zivilcourage bei Bürgerinnen und Bürgern aber auch keine Lösung darstellt. So entsteht das Konzept der Bürgertrainings: Übungen für eine gewaltfreie und am Opfer orientierte Intervention, die die Handelnden und Eingreifenden nicht in Gefahr bringt. „Gerade Männer denken meiner Erfahrung nach oft, dass sie schon wüssten, was sie zu tun hätten, wenn sie selbst oder jemand in ihrer Nähe angegriffen würde. In Gesprächen stellt sich dann aber häufig heraus, dass sie etwa mit Drohungen oder Provokationen einen schon bestehenden Konflikt nur noch weiter zuspitzen würden.“

Ganz unterschiedliche Menschen nutzen die bislang elfmal pro Jahr stattfindenden Bürgertrainings, die von speziell dafür ausgebildeten Trainern abgehalten werden und für die Teilnehmenden einen geringen Unkostenbeitrag von derzeit 15 Euro entrichten: junge und ältere Menschen, Männer und Frauen, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Die größte Gruppe stellen jedoch Frauen, und hier insbesondere die Generation 60+ dar: „Sie haben einerseits am meisten Angst, selbst Opfer zu werden, sind aber gleichzeitig auch sehr hilfsbereit“, so Konrad-Vöhringer. Doch wie finanzieren sie und ihre Mitstreiter ihr Engagement – denn neben Raum- und Werbekosten fallen nicht zuletzt die – wenn auch geringen – Honorare der Trainerinnen und Trainer an. „Wir bewegen uns im Meer der Antragsteller auf Förderung“, lautet die Antwort der Vorsitzenden. Aus einer Anschubfinanzierung heraus konnte die Ausbildung im Zivilcourage-Training finanziert werden, nun geht die Suche nach Förderern und Sponsoren weiter, um die Arbeit aufrecht halten zu können.

Doch dazu gehört nicht nur die Finanzierung der ehrenamtlich arbeitenden Initiative, sondern auch deren Vernetzung. Konrad-Vöhringer hierzu: „Wir sind Teil des Netzwerkes Gewaltprävention in Karlsruhe, da findet viel Zusammenarbeit statt.“ Manches steckt dabei noch in den Kinderschuhen, weiß sie zu berichten. Aber die Initiative Zivilcourage kommt an im Bewusstsein der Karlsruher – sowohl auf institutioneller Ebene als auch bei ihrer Zielgruppe, den Bürgerinnen und Bürgern. „Wir bekommen inzwischen auch Rückmeldung von ehemaligen Teilnehmenden, die ihr Wissen schon in der Realität umsetzen mussten“, berichtet Konrad-Vöhringer. Im Zentrum steht dabei die Sensibilisierung für konflikthafte Momente in Situationen, noch bevor diese eskaliert. „Da sind die Handlungsspielräume größer“, so die erfahrene Supervisorin, die auch um die Grenzen der Zivilcourage weiß: „Es gibt Situationen, da kann man als Einzelner kaum etwas ausrichten.“

Grenzen sind auch den Möglichkeiten der Initiative als solche gesetzt – rein aus materiellen und personellen Gründen. Pläne für die Zukunft gibt es dennoch, so Konrad-Vöhringer: „Wir werden demnächst in Karlsruhe eine Vortragsveranstaltung durchführen zum Thema 'Zivilcourage – Risiko oder Herausforderung' und dort das Thema auch mit szenischen Darstellungen für ein breiteres Publikum greifbar machen.“ Und ein Herzensthema gibt es, dass sie und ihre Kolleginnen und Kollegen in der Initiative gern stärker in die Öffentlichkeit tragen möchten: „Es wird schnell der Ruf nach höheren Strafen für junge Menschen laut, die ja immer häufiger die Täter sind bei Übergriffen im öffentlichen Raum. Uns ist aber wichtig aufzuzeigen, was das für das Leben dieser Jugendlichen und auch für die Gesellschaft bedeutet, wenn die Schraube immer höher gedreht wird.“ Wie weit die Kapazitäten da sein werden, mit diesen und anderen Themen in Karlsruhe und darüber hinaus noch präsenter zu sein, wird sich zeigen. Die Bürgertrainings für Zivilcourage gehen jedenfalls 2012 in die nächste Runde – und darüber hinaus gilt für die Initiativen-Mitbegründerin: „Wir können nicht alles leisten. Aber wir haben eine Haltung zum Thema Gewaltprävention, die wir mit unserer Arbeit ausdrücken und weitergeben.“

08. 02.2012

Foto: © Bürgerinitiative Zivilcourage e.V. – helfen aber wie?

Bürgertrainings; © Bürgerinitiative Zivilcourage e.V. – helfen aber wie?
Bürgertrainings; © Bürgerinitiative Zivilcourage e.V. – helfen aber wie?
Bürgertrainings; © Bürgerinitiative Zivilcourage e.V. – helfen aber wie?