Ort:

Rothenburg ob der Tauber, Bayern

Wer:

  • Schülerinnen und Schüler aller Jahrgangsstufen der Oscar-von-Miller-Realschule in Rothenburg ob der Tauber unter Leitung von Thilo Pohle
  • 1982 von Thilo Pohle gegründet
  • finanzielle Unterstützung durch den Landkreis Rothenburg ob der Tauber, Finanzierung einzelner Projekte bislang mit Hilfe von jeweiligen Projektpartnern wie dem Auswärtigen Amt, dem Goethe-Institut, dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und den Missionswerken der katholischen wie evangelischen Kirche
Was:

Seit 1982 drehen Schülerinnen und Schüler der Oscar-von-Miller-Realschule – inzwischen in der siebten Schülergeneration – Dokumentar- und Interviewfilme. Die inhaltlichen Schwerpunkte der meist ca. 30 Minuten langen Filme umfassen die Geschichte des Nationalsozialismus und den Umgang hiermit sowie das Thema Migration. Initiator und Leiter der Gruppe ist der inzwischen pensionierte Lehrer Thilo Pohle. Die Teilnahme an der Dokumentarfilmgruppe ist für alle Schülerinnen und Schüler freiwillig, sie ist nicht Teil eines Unterrichtsfachs.

Bewegte Bilder – bewegende Bilder

Dokumentarfilmgruppe der Oscar-von-Miller-Realschule

Als Thilo Pohle 1982 seinen Schülerinnen und Schülern an der Oscar-von-Miller-Realschule in Rothenburg ob der Tauber das Medium Film nahebringen wollte, konnte niemand ahnen, was sich aus diesem Vorstoß entwickeln würde. Einen weiten Weg haben der inzwischen pensionierte Lehrer für Deutsch und Geschichte und mittlerweile sieben Schülergenerationen seither zurückgelegt – im geographischen wie im übertragenen Sinne. Die Stationen reichen von der Zusammenarbeit mit Gedenkstätten in Deutschland und im Ausland bis zu Goethe-Instituten in aller Welt. Und ein norddeutscher Filmpreis für einen bayerischen Dokumentarfilm ist auch im Gepäck.

 
„Wir saßen schon fast im Taxi zum Bahnhof, als man uns bat, noch einmal zurückzukommen“ erinnert sich Thilo Pohle an einen denkwürdigen Abend im Herbst 2005. „Und dann haben wir völlig unerwartet den Preis für den besten Dokumentarfilm gewonnen.“ Das war bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck, und der prämierte Film trug den Titel „Wenn lang die Bilder schon verblassen. KZ Theresienstadt – Propagandafilm und Wirklichkeit“. Alles an dieser Preisverleihung war besonders: Das Thema. Dass ein Schülerprojekt bei einem Festival für professionelle Filmproduktionen erst überhaupt zugelassen und dann ausgezeichnet wurde. Und dass der Protagonist des Films – der Zeitzeuge Salle Fischermann, der als dänischer Jude im KZ Theresienstadt inhaftiert war – im Publikum saß. „Das war ein großes Erlebnis für uns alle“, so Pohle. Dabei hatte es im Vorfeld durchaus – kleinere – Probleme gegeben: „Ich sollte einen Regisseur benennen, einen Kameramann und so weiter. Aber unsere Filme sind Teamarbeit, und die Schülerinnen und Schüler drehen und schneiden ja alles selbst.“

Woher sie das können, ist eine Frage, die ganz an den Anfang zurückführt. „Ich wollte damals nach Jahren der Schultheaterarbeit etwas neues beginnen, und das Medium Film bot sich an“, so der Initiator. Ein erstes Thema fand sich eher zufällig: „Wir erfuhren, dass der Großvater eines Schülers im Nachbardorf Brettheim zusammen mit zwei weiteren Männern von der SS hingerichtet worden war.“ Der Plan, die Geschichte hinter der furchtbaren Tat filmisch zu dokumentieren, war schnell gefasst – die Umsetzung dauerte sechs Jahre. Weniger technische Probleme waren hierfür der Grund, auch wenn alle Beteiligten zunächst in Sachen Film „völlig ahnungslos“ waren, so Pohle, und sich alle notwendigen Grundlagen autodidaktisch aneigneten. Zeit spielte vielmehr eine Rolle für das Verhältnis zu den betroffenen Zeitzeugen. „Wir mussten – und müssen bis heute immer von neuem – das Vertrauen der Menschen gewinnen, das ging nicht von heute auf morgen“, fasst Pohle den schwierigen Prozess von einer schrittweisen Annäherung bis zum gefilmten Interview zusammen.

Die Geduld hat sich gelohnt: „Und man wollte doch Unheil vermeiden“ ist das eindrückliche Portrait eines Dorfes während der NS-Herrschaft aus Sicht von Zeitzeugen geworden. Diese waren nach der Vorführung überaus bewegt, so Pohle – ebenso wie Zuschauer in aller Welt. Denn die „Brettheim-Filme“, neben denen 12 weitere Zeitzeugen-Filme entstanden sind, wurden und werden nicht nur zu Hause gezeigt. Neben Universitäten, Schulen und Gedenkstätten lädt auch das Goethe-Institut regelmäßig zu Vorführungen ein, die sie zudem mit der Wanderausstellung „Die Männer von Brettheim“ begleitet. Unter anderem bis nach Moskau und San Francisco haben es die – auch in englischer und russischer Sprache bearbeiteten – Filme geschafft, wenn möglich stets präsentiert von beteiligten Schülerinnen und Schülern.

Wie es zu einer so umfangreichen Kooperation kam? „Den Kontakt zum damaligen Rothenburger Goethe-Institut hatte ich noch aus meiner Zeit als Stadtrat“, erklärt Pohle. „Von dort aus habe ich mich dann bis zur Zentrale in München durchgefragt, und es entstand eine wunderbare langfristige Zusammenarbeit.“ Diesen Weg ging er auch im Hinblick auf andere potenzielle Partner – heute kommt man von selbst auf die Gruppe zu. Wie 2006 das Erzbistum Bamberg, das anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Partnerschaft mit der Diözese Thiès im Senegal bei der Dokumentarfilmgruppe ein ganz besonderes Projekt in Auftrag gab: die Fragen deutscher Jugendlicher aus dem Raum Bamberg an junge Menschen in der Partnerstadt zu richten. Die afrikanischen Jugendlichen filmten sich beim Beantworten der fragen in ihrer senegalesischen Muttersprache selbst. Pohle: „Das war einerseits aus Kostengründen wichtig, denn wir können nicht mit einer ganzen Gruppe in den Senegal reisen. Zum anderen war die Offenheit der Jugendlichen vor Ort untereinander eine ganz andere, als wenn wir aus Europa kommend die Kamera auf sie richten.“ Das Ergebnis ist ein Film, den die jungen Senegalesinnen und Senegalesen als ihren eigenen betrachten.

Die in West-Afrika gestellten Fragen sind inzwischen weitergewandert. Schülerinnen und Schüler einer von Missionaren gegründeten Schule auf dem Land mitten in Tansania haben sie inzwischen ebenso beantwortet wie indische Jugendliche aus Tiruvannamalai, zu denen die Weltmission in Nürnberg den Kontakt hergestellt hat. „Was hörst und siehst du als erstes, wenn du morgens aufwachst?“, „Wer ist dein bester Freund und warum?“, aber auch „Hast du schon mal Erfahrungen mit Drogen gemacht?“ – so und ähnlich lauten die Fragen, die überall dieselben sind. „Natürlich geben wir damit etwas vor“ erklärt Pohle, „aber es entsteht für uns eine Vergleichbarkeit.“ Was über diese Filme auch entstanden ist, ist ein weiterer Themenschwerpunkt neben dem Blick in die Vergangenheit. Pohle: „Wir hatten schon Anfang der 2000er Jahre damit begonnen, uns der Gegenwart und dem Thema Fremdenfeindlichkeit zuzuwenden. Wir wollten mit unseren Filmen zeigen, wer die Menschen sind, die hier bei uns leben.“ Die Jugend-Filmprojekte in Afrika und Asien ergänzen diese Perspektive – genauso wie eine aktuelle Produktion, in der drei Japanerinnen ihren Blick auf Rothenburg ob der Tauber festhalten. „Das Thema ist hier, wie die 'Fremden' uns sehen“, so Pohle – und so fremd sind sie (einander) dann am Ende gar nicht.

Alles in allem sind inzwischen über 40 Filme entstanden, und längst sind die Beteiligten der ersten Generation der Schule entwachsen. „Viele sind aber immer noch dabei, die mischen sich dann mit den neuen Beteiligten, und dazu kommen einige Studierende, zum Teil aus ganz unterschiedlichen Ländern, die uns zum Beispiel bei den vielen Übersetzungen in insgesamt 17 Sprachen unterstützen“, beschreibt Pohle die Mischung der Altersgruppen und Herkünfte. Und was sind die Pläne für die Zukunft? Eine Internetseite, um dort alle Filme zu präsentieren. Eine stabile Finanzierung für den teuren Erhalt der Ausrüstung und des Studios. Und vor allem: „Wir möchten die in Afrika und Indien entstandenen Filme zu den Jugendlichen vor Ort bringen.“ Dafür Partner zu finden, daran arbeitet die Gruppe. Es ist allen Beteiligten hier wie dort, vor und hinter der Kamera zu wünschen, dass sie damit – und mit allen anderen künftigen Projekten, die Generationen und Länder verbinden – Erfolg haben werden.

26.10.2011

Foto: Thilo Pohle

Dreharbeiten afrikanischer Jugendlicher für einen Interview-Film, Nordtansania 2006; © Thilo Pohle
Dreharbeiten afrikanischer Jugendlicher für einen Interview-Film, Thiès/Senegal 2006; © Thilo Pohle
Dreharbeiten zum Film „In Gabun gibt es keine roten Rosen!“ über das Deutschlandbild junger Migrantinnen und Migranten (eine Initiative des Auswärtigen Amtes), Bamberg 2009; © Thilo Pohle
Plakat zum Dokumentarfilm "Wenn lang die Bilder schon verblassen..." mit dem Augenzeugen Salle Fischermann, der während der Zeit des Nationalsozialismus im KZ Theresienstadt inhaftiert war; © Thilo Pohle
Salle Fischermann und Gunter Klabes von der New York University (Übersetzer der englischspachigen Fassung von "Wenn lange die Bilder schon verblassen...) anlässlich der Tagung "Theresienstadt und Terezin - 1941 bis heute" der Friedrich Ebert Stiftung und der TU Dresden/Institut für Soziologie, Theresienstadt 2011; © Thilo Pohle
Dreharbeiten indischer Jugendlicher für einen Interview-Film mit Kindern, Kuppayannallur in Tamil Nadu/Südindien 2011; © Thilo Pohle
Dreharbeiten indischer Jugendlicher aus Vettalam für einen Interview-Film in tamilischer Sprache mit Jugendlichen aus Tiruvannamalai, Projekt mit Unterstützung der Chennai-Mission, Indien 2011; © Thilo Pohle
Im Studio der Rothenburger Dokumentarfilmgruppe; © Thilo Pohle