Ort:

Hennigsdorf, Brandenburg

Wer:

  • Bürgerinitiative Hennigsdorfer Ratschlag
  • gegründet im Juli 1999
  • derzeit ca. 15 Aktive
  • Finanzierung durch Spenden und Projektgelder, finanzielle Unterstützung durch andere Organisationen/Verbände bei gemeinsamen Aktionen
Was:

Im Hennigsdorfer Ratschlag kommen Bürgerinnen und Bürger aus Hennigsdorf zusammen, um gemeinsam Aktivitäten zur Unterstützung der Bewohner des örtlichen Asylbewerberheims zu planen und sich gegen Rechtsextremismus zu engagieren.

Vom Rat(schlag) zur Tat

Hennigsdorfer Ratschlag

Nicht allein um nützliche Hinweise geht es den Mitgliedern einer Initiative, die sich in Hennigsdorf gegen Rassismus und für ein demokratisches Miteinander engagieren – auch wenn sie den Ratschlag explizit im Namen führen. Dieser weist nämlich noch auf etwas ganz anderes hin: auf die Bürgertradition, zusammenzukommen und miteinander Rat zu halten. Über Ferien-Aktionen für Kinder von Asylbewerbern zum Beispiel. Oder auch darüber, wie offenem und weniger offenem Rassismus in einer kleinen Stadt in Brandenburg begegnet werden kann.

„Ganz am Anfang haben wir uns zusammengefunden, weil wir etwas für die Asylbewerber hier im Ort  tun wollten.“ Wera Quoß, Mitbegründerin der heutigen Bürgerinitiative, erinnert sich an die Anfangszeit des gemeinsamen Engagements, das damals noch keine feste Form und keinen Namen hatte – und nicht überwiegend von den Menschen vor Ort getragen wurde, sondern von Berlinern und Brandenburgern aus der Umgebung. „Das war aber schon bald der Wunsch in der Runde, dass wir Hennigsdorfer uns mehr einbringen“, erinnert sich Wera Quoß. „Wir haben dann einen Aufruf gestartet.“ Mit Erfolg: Im Juli 1999 kamen beim ersten „Hennigsdorfer Ratschlag“, wie die Zusammenkünfte seither heißen, rund 30 Interessierte zusammen. Ihr Anliegen: die Bewohner des örtlichen Asylbewerberheims zu unterstützen – und ganz besonders deren Kinder. „Denen helfen wir zum Beispiel mit Lernpatenschaften.“

Rund zehn Patinnen und Paten sind es derzeit, die 17 Kindern unter die Arme greifen. Eine von ihnen ist Marina Schneider: „Die Kinder werden ihrem Alter entsprechend eingeschult, wenn sie hier ankommen“, erklärt Schneider. „Viele von ihnen sprechen aber kein oder wenig Deutsch – wie sollen sie da dem Unterricht folgen?“ Über die schulische Hilfe hinaus werden die Paten in vielen Fällen auch zu Ansprechpartnern in allen anderen Lebensfragen und können den Kindern dabei helfen, sich besser in den deutschen Alltag zu integrieren. Aus demselben Grund setzen sich Wera Quoß und ihre Mitstreiter finanziell und organisatorisch auch dafür ein, dass sie die Möglichkeit haben, an Kinderferienlagern am Stechlinsee teilzunehmen. „In den 14 Jahren, seit wir das machen, haben wir 200 Kinder dorthin vermitteln können“, so die engagierte Frau, die nebenbei auch noch Stadtverordnete ist.  Neben Asylbewerber-Kindern kommen auch Kinder aus sozial schwachen Familien vor Ort in den Genuss dieses Angebots, das der Hennigsdorfer Ratschlag in enger Zusammenarbeit mit der Stadt macht. „Das wird sehr gut angenommen“, so Quoß, „sowohl von den Eltern als auch von den Kindern. Ich habe noch kein einziges Kind erlebt, das Heimweh bekommen und nach Hause gewollt hätte.“

Neben ihrem Einsatz für die Asylbewerber und einer allgemeinen Sensibilisierung für mehr Toleranz im Zusammenleben stehen immer wieder Aktionen gegen rassistische und rechtsextremistische Umtriebe auf dem Programm der Initiative. Wie zum Beispiel Demonstrationen gegen ein Bekleidungsgeschäft, in dem in der rechtsextremen Szene beliebte Bekleidung verkauft wurde und das inzwischen schließen musste. Oder ein Informationsabend, auf dem eine Aussteigerin aus eben diesem Umfeld berichtet – so geschehen im Januar 2011. „Das war eine gemeinsame Veranstaltung mit H.A.L.T.“, erklärt Marina Schneider – die Buchstaben stehen für das Hennigsdorfer Aktionsbündnis Lebendiger Teilhabe. Und Wera Quoß ergänzt: „H-A.L.T. ist ein Bündnis aller Hennigsdorfer Initiativen, die sich für ein gewaltfreies und respektvolles Miteinander einsetzen, sozusagen unter einem Dach. Die meisten unserer Aktivitäten machen wir gemeinsam.

Ob mit Partnern zusammen oder aus eigener Initiative – die Agenda des Hennigsdorfer Ratschlags ist mehr als gut gefüllt. Das ist auch dem Bündnis für Demokratie und Toleranz nicht verborgen geblieben, die die Initiative im Dezember 2010 mit dem Preis „Aktiv für Demokratie und Toleranz 2010“ auszeichnete. Dass die Ehrung auch ein Preisgeld beinhaltet, ist für die Geehrten ein Glücksfall – und ermöglicht ihnen eine etwas großzügigere Planung ihrer Aktivitäten, als sie das normalerweise gewohnt sind. Vor allem aber ist es eine wichtige Anerkennung. Denn: Nicht immer ist eine Wirkung des eigenen Engagements unmittelbar zu erkennen, und ebenfalls ist es nicht immer leicht, andere zum Mitmachen zu motivieren. „Wir leben schließlich in einer Demokratie, da kann jeder machen was er will“, so Schneider. Beim Hennigsdorfer Ratschlag will man vor allem eins: Demokratie mitgestalten. Und der 100. Hennigsdorfer Ratschlag – ein Jubiläum, das ebenfalls im Dezember 2010 begangen wurde – ist auf diesem Weg ganz sicher mehr als nur ein Anfang.

20.04.2011

Foto: © Hennigsdorfer Ratschlag

Kinderferienlager 2006; © Hennigsdorfer Ratschlag
10 Jahre Hennigsdorfer Ratschlag; © Mandy Oys, Oranienburger Generalanzeiger
Verleihung der Preis-Urkunde „Aktiv für Demokratie und Toleranz 2010“ des Bündnisses für Demokratie und Toleranz an Wera Quoß (links) für den Hennigsdorfer Ratschlag durch Uta Leichsenring (rechts), Mitglied des Beirats des Bündnisses für Demokratie und Toleranz sowie Leiterin der Außenstelle Halle des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik; © Bündnis für Demokratie und Toleranz
Kundgebungsplakat "Schöner leben ohne Nazis"; © Hennigsdorfer Ratschlag
Kundgebung in Hennigsdorf im März 2011, Bürgermeister von Hennigsdorf Andreas Schulz; © Marina Schneider
Kundgebung in Hennigsdorf im März 2011, 3. v. rechts Helmut Markov, Wirtschaftsminister in Brandenburg; © Marina Schneider
Flyer des Hennigsdorfer Ratschlags; © Hennigsdorfer Ratschlag