Ort:

Emmerich am Rhein, Nordrhein-Westfalen - bundesweit

Wer:

  • culture.net e. V. gemeinsam mit Karl Philipp Schmitz
  • GG19-Workshops seit 2007
Was:

Im Rahmen der GG19-Workshops erarbeiten sich die Teilnehmenden mit unterschiedlichen kreativen Herangehensweisen Zugänge zu den 19 Artikeln des Grundgesetzes und beziehen dabei ihre eigenen Erfahrungen und Lebensumstände mit ein.

Die Schatzsucher

GG 19 - Der Workshop

Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland hat zweifellos Geschichte gemacht, als Basis für ein friedliches Zusammenlebens in der Demokratie. Der Stoff aber, aus dem Romane gestrickt werden, steckt für die meisten Menschen weniger darin – zumindest auf den ersten Blick. Die Teilnehmer der GG19-Workshops schauen sich den abstrakten Gesetzestext genauer an – und stellen sich die Frage: Was wäre, wenn?

Was wäre, wenn die Würde des Menschen nicht unantastbare wäre? Wenn es keine Pressefreiheit gäbe und kein Recht auf Versammlung? Kurz: wenn das Grundgesetz mit seinen 19 Paragraphen nicht existieren würde? Den Versuch, sich eine solche Welt als Gegenwart vorzustellen – oder sich auszumalen was geschehen würde, wenn Staat oder Bürger die Grundrechte missbrauchen würden – machte sich zunächst der Regisseur und Produzent Harald Siebler. 2007 kam sein in Zusammenarbeit mit 18 überwiegend noch jungen Regisseuren entstandener und u.a. prominent besetzter Episodenfilm „GG 19 – Deutschland in 19 Artikeln“ ins Kino. „Und danach stellten wir uns die Frage, wie man diesen Film weiter nutzen und die Geschichte der Grundrechte als ein wichtiges Thema weitertragen kann.“

„Wir“ – das war neben Siebler vor allem Karl Philipp Schmitz. Der Kulturpädagoge war bereits Teil des Teams um den Regisseur gewesen und hatte irgendwann die zündende Idee: in Workshops mit Menschen über das Grundgesetz ins Gespräch zu kommen, mit dem Film GG19 als Grundlage für die Diskussion. „Es kam dann eins zum anderen: Ich war in anderen Zusammenhängen bereits in Kontakt mit culture.net, das ist eine international agierendes Kulturnetzwerk, und dort war man sehr angetan von der Idee.“ Schmitz wurde Teil des Netzwerkes und entwickelte gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Kreativ-Bereichen das Konzept für den GG19-Workshop – der seit 2007 bundesweit sehr erfolgreich angeboten wird. „Das Besondere ist, dass wir in den Seminaren nicht einfach diskutieren. Die Teilnehmenden dürfen aktiv werden und sich auf ganz unterschiedliche Art und Weise mit dem Gesetzestext beschäftigen.“ Zum Beispiel in Form eigener Plakatentwürfe, eines kleinen Theaterstücks oder selbst gedrehter Videos – in das jeweilige künstlerische Feld führt immer ein Vertreter des jeweiligen Faches ein.

Was auch jeweils der kreative Ansatz ist: Im Mittelpunkt steht immer die Frage: Was haben die 19 Paragraphen des Grundgesetzes mit mir und meinem Leben zu tun? „Die Leute gehen dann tatsächlich aus den Seminaren anders raus, als sie reingekommen sind. Die nehmen etwas mit in ihren Alltag, eine Sensibilität für unsere Rechte und dafür, was für ein kostbares Gut die sind.“ Von überall her kommen inzwischen die Anfragen, von Behörden und Schulen und auch von Unternehmen. „Manchmal muss man bei den potenziellen Veranstaltern schon Überzeugungsarbeit leisten. Da sind natürlich erst einmal Vorbehalte, ob das nicht sehr trocken und wenig spannend sei als Thema, und zudem sei das Grundgesetz ja bekannt. Was nicht stimmt, wie wir immer wieder feststellen können, kaum einer kennt die 19 Paragraphen auswendig“, so Schmitz.

Worum es letzten Endes ja auch nicht geht, sondern um eine nah an der Lebenssituation der Teilnehmenden gehaltene Auseinandersetzung mit den gesetzlichen Grundlagen des eigenen Alltags, die sich über drei bis fünf Tage erstreckt. Gibt es dennoch Berührungsängste gegenüber dem Thema – oder Langweile? „Erst einmal gibt es ja den Film zu sehen, das finden die meisten schon mal ganz gut. Und dann kommt die Frage: 'Wie geht es jetzt weiter? Was machen wir jetzt damit?' Da setzen wir dann mit den Kreativmodulen an, und da kommt jedes Mal von den Teilnehmenden sehr viel an Fragen und Geschichten.“ Und die bleiben nicht Selbstzweck, sondern ermöglichen eigene und gemeinsame Erfahrungen. „Wir erleben hier zum Beispiel Menschen, die in ihrem Umfeld keinen leichten Stand haben, und die dann bei uns im Seminar die Erfahrung machen, dass sie sich zu Wort melden können und dass eine Gruppe oder die Gesellschaft Halt bieten kann. Das ist zum Beispiel auch für Menschen, die eher am Rand der Gesellschaft stehen, oft erst mal ein großes Fragezeichen, was sie von der Gemeinschaft mit ihren Regeln haben und was sie selbst auch gestalten können. Die können hier dann spüren, dass sie etwas zu sagen und etwas beizutragen haben, und sie lernen, dass nicht zuletzt das Grundgesetz sie dabei schützt.“ Ein neues Einsatzgebiet für die GG19-Workshops wird auch die Ostrale“ in  Dresden sein, eine internationale Ausstellung zeitgenössischer Kunst, bei der Schmitz das soziale Kulturmanagement leitet: „Es geht hierbei um ein realistisches Erleben von Theorie und Realität der zeitgenössischen Gesellschaft in einer globalisierten Welt.“

Auch wenn Einrichtungen und Träger für die GG19-Workshops ein Entgelt entrichten müssen – ohne das starke Engagement von Schmitz und seinen Mitstreitern wäre diese Arbeit nicht denkbar. „Das steckt viel Liebe zu Sache drin, und das Interesse an der Frage: Was ist eigentlich die Grundlage unserer Kultur? Und wie bei allen culture.net-Projekten geht es auch darum, ein Thema mit den Mitteln der Kunst zu kommunizieren.“ Eine Herangehensweise, der der Erfolg Recht gibt.

28.01.2011

Foto: Johannes Göbel

OSTRALE 2010: GG 19 - Der Film - Der Workshop, Dresden; © Johannes Göbel
GG 19 - Der Film - Die Konferenz, Düsseldorf; © Mavi Garcia
GG 19 - Der Film - Die Konferenz, Düsseldorf; © Mavi Garcia
GG 19 - Der Film - Die Ausstellung, Rathaus Mönchengladbach; © Mavi Garcia
GG 19 - Der Film - Die Konferenz, Düsseldorf; © Mavi Garcia
GG 19 - Der Film - Die Konferenz, Düsseldorf; © Mavi Garcia
OSTRALE 2010: GG 19 - Der Film - Der Workshop, Dresden; © Torsten Weiß