Ort:

Bretzfeld-Rappach, Baden-Württemberg

Wer:

  • Udo Grausam mit Unterstützung der Regionalen Arbeitsgruppe Baden-Württemberg von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V.
  • Anträge an den Gemeinderat und öffentliche Aktionen seit 2002
Was:

Udo Grausam engagiert sich u. a. mit Vorträgen, Mahnwachen, Seminaren und Filmvorführungen für ein angemessenes öffentliches Gedenken an den 1942 in der Gemeinde Bretzfeld-Rappach von der Gestapo hingerichteten Zwangsarbeiter Czesław Trzciński.

Von Schildern und „Schild“-Bürgern

Zwangsarbeiter-Gedenken

Nicht um lustige Streiche geht es in der Auseinandersetzung zwischen einem engagierten Privatmann und seiner Familie auf der einen und einer baden-württembergische Gemeinde auf der anderen Seite. Wohl aber um ein Schild – und um die Frage, wer sich verantwortlich zeigt für das Gedenken an einen 1942 vor Ort von der Gestapo ermordeten polnischen Zwangsarbeiter.

Es geht etwas vor in der Gemeinde Bretzfeld mit dem Teilort Rappach, und das schon seit geraumer Zeit. „Ich habe viele verschiedene Vorschläge gemacht, in welcher Weise man diese ungeheuerliche Tat erinnern und ihres Opfers gedenken kann, und habe entsprechende Anträge beim Gemeinderat eingebracht.“ Bislang ohne Erfolg – daher blickt Udo Grausam auf die letzten Jahre mit einer Mischung aus Enttäuschung und Durchhaltewillen zurück. Enttäuschung über Bürgermeister und Gemeinderäte, die ein Erinnern an Ungeheuerliches in der Geschichte des Ortes rundheraus ablehnen. Und Durchhaltewillen, wenn er an die heute in Polen lebende Tochter des Ermordeten denkt, Irena Maria Baran, die er 2009 privat nach Tübingen eingeladen hatte. „Wenn mir die Tochter über dem Grab ihres Vaters die Hand reicht, dann ist das doch die beste Anerkennung, die ich mir vorstellen kann.“

11. November 1942: In der Gemeinde Rappach wird der polnische Zwangsarbeiter Czesław Trzciński von der Gestapo erhängt – als „Volksschädling“, angezeigt von seinem Arbeitgeber, weil er sich eines Verstoßes gegen Arbeits- und Verhaltensvorschriften schuldig gemacht habe. Die Exekution findet bewusst am polnischen Nationalfeiertag und vor den Augen von Trzcińskis Landsleuten statt, die wie er als Zwangsarbeiter in den umliegenden Ortschaften leben. Ein Akt des Terrors, der Demoralisierung und der Einschüchterung. 11. November 2002: Udo Grausam hält in Bretzfeld anlässlich des 60. Todestages von Czesław Trzciński einen Vortrag zum Gedenken. 21 Bürgerinnen und Bürger der Gemeinde hören ihm zu – und nicht alle finden ein Erinnern notwendig. „ Trzciński habe eine Sünde begangen“, erinnert sich Grausam etwa an die absurde Reaktion eines älteren Besuchers. „Dafür sei er bestraft worden, deshalb sei kein Gedenken notwendig“.

Grausam hält das Gedenken seither jedes Jahr präsent, mit einer Mahnwache, einem Seminar oder einer Filmvorführung – jeweils aus Anlass eines symbolischen Datums wie etwa der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar. Neben Lob und Interesse erntet er auch viel Unverständnis für seine Aktivitäten – vor allem beim Gemeinderat. Dieser weigert sich bis heute, auf seine Initiative für ein Straßenschild mit dem Namen des Ermordeten oder einer Gedenktafel einzugehen. „Man habe ein ‚Meinungsbild‘ eingeholt, das dagegen spräche. Ich weiß gar nicht, was das sein soll. Mittel der politischen Willensbildung sind nach der Gemeindeordnung von Baden-Württemberg allein Beratung, Abstimmung und Beschluss“, so Grausam. Das von der Gemeinde verschmähte Schild stellte er 2006 kurzerhand im elterlichen Vorgarten in Bretzfeld auf, wo Passanten es sehen können. „Wir wünschen uns das natürlich anders, das gehört in die Öffentlichkeit. Aber es ist immerhin ein Zeichen.“

In seiner Auseinandersetzung mit der Obrigkeit ist Grausam nicht allein: Unterstützt wird er  von der Regionalen Arbeitsgruppe Baden-Württemberg des Vereins Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. – hier ist er seit 2003 auch selbst Mitglied. „Ich habe mir den Verein ganz bewusst ausgewählt, wegen der parteiübergreifenden Ausrichtung und weil der Blick zurück in die Geschichte wichtig ist, wenn man langfristig politisch etwas erreichen möchte.“ Die Ablehnung seiner Initiative empfindet er dennoch auch als eine persönliche Demütigung – da braucht es eine starke Motivation, um weiterzumachen. Und die hat ihre speziellen Wurzeln.

Zwar hat Grausam als ausgebildeter Empirischer Kulturwissenschaftler auch einen wissenschaftlichen Bezug zum Thema Regionalforschung. In dieser Sache liegt sein Interesse jedoch anders begründet: in seinem Bewusstsein als politischer Bürger und in seiner eigenen Familiengeschichte. „Da ist mütterlicherseits die eingesessene Bauernfamilie und väterlicherseits die heimatvertriebenen Handwerker und Eisenbahner. So kommen sehr unterschiedliche Erfahrungen zusammen und entsprechend auch unterschiedliche Erzählungen über den Krieg.“ Geschichte war zu Hause also stets Thema, und hinzu kam, dass Teile der Familie seinerzeit selbst polnische Zwangsarbeiter beschäftigten. Durch Archivrecherchen konnte Grausam ihre vollständigen Namen ermitteln. Und er erfuhr noch mehr: dass die Leichen von Zwangsarbeitern der Medizinischen Fakultät der Tübinger Universität durch die Gestapo zur Verfügung gestellt und ihre Überreste auf einem Gräberfeld beigesetzt worden waren.

Hier fand er das Grab Trzcińskis – und Irena Maria Baran fand ihn. Sie hatte inzwischen über das Rote Kreuz nach dem Verbleib ihres Vaters forschen lassen und war mit der Initiative rund um Udo Grausam zusammengebracht worden. Und stand im Alter von 70 Jahren gemeinsam mit ihrem Mann, ihrem Sohn und ihrem Enkel zum ersten Mal am Grab ihres Vaters. „Sie spricht kein Deutsch und ich kein Polnisch, aber das war bewegend für uns alle“, so Grausam.

Wegen des Wegzugs des inzwischen verwitweten Vaters hat Grausam das Schild Ende Dezember 2014 aus dem Vorgarten abmontiert. In der Regionalen Arbeitsgruppen Baden-Württemberg von Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. wird jetzt überlegt, auf welche Weise das Bretzfelder Gedenken weitergeführt werden kann. Bis dahin besteht für alle Interessierten weiterhin die Gelegenheit, die Dokumentensammlung über Czeslaw Trcinski im Archiv des Hohenlohekreises in Neuenstein einzusehen. Auch bei Wikipedia gibt es inzwischen einen Eintrag.

Foto: Udo Grausam

Das Straßenschild Trzcinskiplatz im privaten Vorgarten der Familie Grausam in Bretzfeld; © Udo Grausam
Irena Maria Baran und Udo Grausam am Grab von Czeslaw Trzcinski auf dem Gräberfeld X des Tübinger Stadtfriedhofs; © Radoslaw Baran
Irena Maria Baran anlässlich Ihres Besuches in Tübingen 2009; © Radoslaw Baran
Rosen auf dem Grab von Czeslaw Trzcinski – das Foto erhielt Familie Baran an Allerheiligen zum Gruß aus Tübingen; © Udo Grausam