Ort:

Greifswald, Mecklenburg-Vorpommern

Wer:

  • Evangelische Studentengemeinde Greifswald rund um Studierendenpfarrer Matthias Tuve
Was:

2008 initiierten Studierende der Evangelischen Studentengemeinde Greifswald die Verlegung von elf Stolpersteinen in Greifswald, die an die Deportation und Ermordung jüdischer Bürgerinnen und Bürger durch die Nationalsozialisten erinnern. Doch am 9.November 2012 zerstörten Unbekannte die Stolpersteine. Gemeinsam mit der Stadt, den örtlichen Kirchen und der Universität organisierten heutige Mitglieder der Studentengemeinde rund um Studentenpfarrer Matthias Tuve eine Mahn- und Gedenkveranstaltung sowie eine Spendenaktion zur Wiederverlegung.

Steine, die erinnern

Studierendenpfarrer Matthias Tuve und die Evangelische Studentengemeinde Greifswald

Am 9. November 2012 reißen Unbekannte in Greifswald alle Stolpersteine aus dem Pflaster, die – wie an vielen anderen Orten in der Bundesrepublik auch – an deportierte jüdische Bürgerinnen und Bürger erinnern. Ein Aufschrei geht durch die Hansestadt – denn viele sind nicht bereit, die Schändung hinzunehmen. Eine Gedenkprozession, zu der Stadt und Kirchen aufrufen, ist eine erste Form der Verarbeitung, der eine umfangreiche Spendensammlung folgt. Im Zentrum der Aktivitäten und ihrer Vorgeschichte stehen die Evangelische Studentengemeinde Greifswald und Studierendenpfarrer Matthias Tuve.


„2008 hatten sich vier Studierende aus der Evangelischen Studentengemeinde zusammengetan und angefangen, sich mit dem Thema Stolpersteine in unserer Stadt zu beschäftigen“, beschreibt Tuve den Beginn des Engagements um die Verlegung der kleinen Boden-Gedenktafeln in Greifswald. Elf Schicksale recherchierten die jungen Leute, und elf Steine waren es dann auch, die gemeinsam mit dem Künstler und Stolperstein-Initiator Gunter Demnig im Greifswalder Pflaster verlegt wurden.

Die Studierenden zogen weg, das Engagement um das Thema blieb. Tuve: „Wir haben uns als Gemeinde dafür verantwortlich gefühlt, uns weiterhin darum zu kümmern.“ Das war bislang nicht immer einfach, denn wie in vielen Universitäts-Städten ist das Kommen und Gehen in der Studierendenschaft – und damit auch in der Evangelischen Studentengemeinde – groß. „Die jungen Leute sind oft nur kurze Zeit bei uns und die Vielfalt an Themen ist groß.“

Die Verbundenheit zu den Stolpersteinen hat jedoch seit dem 9. November 2012 eine neue Intensivierung erfahren. „Wir haben uns gleich am darauffolgenden Montag zusammengesetzt und überlegt, was man tun kann“, so Tuve. Unmittelbar zuvor hatte am 11. November in Greifswald die Ökumenische Friedensdekade unter dem Motto „Mutig für Menschenwürde“ begonnen. Die Losung hätte passender kaum sein können, und so entstand auch aus diesem Kreis heraus der Impuls, ein Zeichen zu setzen.

Und es ist ein deutliches Zeichen geworden, das die örtlichen Kirchengemeinden gemeinsam mit der Stadt, der Universität und über 300 Greifswalder Bürgerinnen und Bürgern nur eine Woche nach dem Anschlag auf die Gedenkkultur ihrer Stadt setzten: ein Gedenkweg entlang der Orte, an denen momentan nur ein Loch im Pflaster davon kündet, dass an dieser Stelle einst Jüdinnen und Juden lebten, die Opfer des Holocaust wurden. „Jede Station wurde von einer anderen Gruppe gestaltet, und überall wurden die Namen der betreffenden Menschen genannt, ein Text vorgelesen und Musik gespielt“, so Tuve. Benannt wurden die Stationen der Deportation und Ermordung, genauso wie der aktuelle Angriff auf die letzte Würde der Opfer – das Gedenken an ihre Namen. Die verlesenen Texte schlossen überall mit einer Ankündigung: dass an dieser Stelle schon bald wieder ein Stolperstein an das Leben der Menschen erinnern werde, die hier gelebt und gearbeitet hatten, bevor sie in Auschwitz, Belzec oder an anderen Orten der Vernichtung ums Leben kamen.

Diese Ankündigung wird keine solche bleiben müssen, sondern tatsächlich umgesetzt werden können. „Ich habe bereits direkt nach den Anschlägen auf die Stolpersteine zahlreiche Anrufe bekommen von Menschen, die für eine Neuverlegung spenden wollten“, berichtet Tuve. Über 6.000 € sind inzwischen zusammengekommen. „Das ist weit mehr, als wir für das Ersetzen der herausgerissenen Steine aufbringen müssen“, freut sich der Studierendenpfarrer. Deshalb ist geplant, weitere Schicksale so weit zu recherchieren, dass für die betreffenden Menschen ebenfalls die kleinen Boden-Gedenkplatten verlegt werden können. Tuve: „Eine Kollegin aus dem Arbeitskreis,Kirche und Judentum in der Pommerschen Kirche' hat sich dessen angenommen.“

In Sachen Engagement und Zivilcourage geben die Greifswalderinnen und Greifswalder damit ein Beispiel. Nicht ganz so einfach sind die Faktoren Wetter und Zeit zu handhaben: „Die Neuverlegung durch Gunter Demnig war ursprünglich für Januar oder Februar geplant“, so Tuve. „So wie es derzeit aussieht, wird der Boden bis dahin jedoch so hart gefroren sein, dass man da gar nichts hinein bekommt.“ Einen weiteren Gedenkweg jedoch wird es zu diesem für Greifswald wichtigen historischen Datum geben, der an die Deportation der letzten Jüdinnen und Juden aus Greifswald und Umgebung erinnern soll. Und ein Zeitpunkt im sehr vollen Terminkalender von Demnig wird sich auch finden. Tuve: „Regulär klappt das eigentlich erst wieder im Sommer, da der Künstler landauf, landab unterwegs ist, um überall Stolpersteine zu verlegen“. Man steht in Termin-Verhandlungen.

Und der oder die Täter oder Täterinnen? „Die Polizei hat noch keine Erkenntnisse“, weiß Tuve. Einen rechtsextremen Hintergrund kann man derzeit nur vermuten, aber nicht beweisen. „Ich habe im Internet mal dazu recherchiert“, so Tuve, „und auf einer Internetseite den makabren Eintrag gefunden, Greifswald sei nun stolpersteinfrei.“ Der oder die Schreiberin wird am Ende nicht Recht behalten. Die neuen alten und die ganz neuen Steine werden wieder an die Namen derer erinnern, die durch den Holocaust ums Leben gekommen sind. Sie werden auch daran erinnern, dass die Greifswalder Bürgerinnen und Bürger sich diesen Blick zurück nicht haben nehmen lassen.

20. Dezember 2012

Foto: Matthias Tuve

Greifswalder Stolpersteine vor ihrer Zerstörung durch Unbekannte am 9.November 2012; © Matthias Tuve