Ort:

Bremen

Wer:

  • Sportgarten Bremen e.V.
  • Vereinsgründung 1996
  • Eröffnung des Sportgartens am 1. Juli 1999
  • rund 50 Mitglieder
  • Angebot mit 18 Sportarten
  • Finanzierung aus Mitteln des Landes Bremen, Spenden, Sponsoring und Einnahmen aus Veranstaltungen
Was:

Der Sportgarten Bremen ist eine von Bremer Jugendlichen initiierte und von ihnen selbst verwaltete Einrichtung. Der Ort stellt zum einen Treffpunkt dar, auf dem Jugendliche aus den umgebenden Stadtteilen und aus ganz Bremen 18 verschiedenen Sportarten nachgehen können – betreut von Mitarbeitern, die sowohl sportlich geschult als auch in der Kinder- und Jugendarbeit ausgebildet sind. Themen wie Begegnung, Vielfalt und Demokratie stehen dabei im Vordergrund. Der Sportgarten Bremen e.V. führt regelmäßig Veranstaltungen wie den One Nation Cup und initiiert Projekte im Bremer Stadtraum und an Bremer Schulen.

Durch Sport zum Miteinander

Sportgarten Bremen e.V.

Vielfalt, Mitbestimmung, Zusammenhalt: Nicht alle Jugendlichen haben die Möglichkeit, diese gesellschaftlichen Grundwerte zu Hause oder in der Schule kennenzulernen. Wer in den Sportgarten Bremen kommt, wird von Anfang an damit konfrontiert, und zwar spielerisch. Denn wo Skateboarder und Fußballer, Boulder und Reiter aus ihren sehr unterschiedlichen Peer Groups heraus zusammenkommen, ist zwar eigentlich Stress programmiert – aber im Sportgarten können und müssen sie sich begegnen, zusammen Entscheidungen treffen und gemeinsam Verantwortung übernehmen. Das Geheimnis dahinter ist einfach: Die Anlage und ihre Nutzung wird von den jungen Leuten mitverwaltet und -bestimmt.

„Als es hier losging, war die Grundidee ein sportlicher Treffpunkt ohne Pflicht und Zwang“, erklärt Uli Barde, der den Sportgarten von Anfang an begleitet und initiiert hat. Dessen Entstehung ist eng verbunden mit der interkulturellen Kinder- und Jugendarbeit in Bremen – konkret mit dem ehemaligen Kinderhaus Schillerstraße im Bremer „Viertel“, wie die von sozialer und kultureller Vielfalt geprägten Stadtteilen Ostertor und Steintor hier genannt werden. Nachdem Mitte der 1990er Jahre immer weniger freie Spielflächen zur Verfügung standen, ging von hier die Initiative aus, ein besonderes Projekt ins Leben zu rufen: einen Ort, den Jugendliche selbst mitgestalten und betreuen. „Es gab dazu eine Anhörung in der Bremischen Bürgerschaft, und 1995 tagte dann das erste sogenannte Viertel-Parlament“, so Barde nicht ohne Stolz, „und damit das erste Kinder- und Jugendparlament in Bremen.“

Jugendliche aus dem Kiez hatten zusammen mit Barde und seinen Mitarbeitern aus dem Jugendhaus Vertreter aus Medien, Politik und Verwaltung eingeladen, um ihre ersten Ideen zu diskutieren. Bereits bei der zweiten Sitzung des Parlaments stand ein Plan: Sport sollte im Mittelpunkt stehen, und zwar keine bestimmte Sportart, sondern viele verschiedene Möglichkeiten. „Jugendliche bewegen sich in ihren Peer Groups, zu denen auch bestimmte Sportarten, oft an getrennten Orten gehören. Wenn die nicht wollen, begegnen die sich nie – bis es dann zu Auseinandersetzungen kommt zwischen den verschiedenen Gruppen.“ Die neue Location für Jugendliche sollte diesen Konflikt aufgreifen und alle zusammenbringen. Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg.

Das Projekt kam wesentliche Schritte voran, als die Klasse 8.2 der Gesamtschule Bremen Mitte das Vorhaben – in Folge des zweiten Viertel-Parlaments – zum Inhalt ihres Unterrichts machte; auch das war ein Ergebnis des 2. Viertel-Parlaments. „Die Schülerinnen und Schüler haben das Projekt in allen Schulfächern und zusätzlich in ihrer Freizeit durchgearbeitet – die buchhalterischen Aspekte in Mathematik, die stadtplanerische und politische Ebene in Welt und Umweltkunde und so weiter“, erinnert sich Barde. Das Konzept wuchs – was noch fehlte, war eine freie Fläche. Zuerst war ein Platz direkt neben dem Weserstadion im Gespräch, dann schließlich fiel die Entscheidung für den nahegelegenen ungenutzten Wurfgarten einer Bremer Sportanlage und eine Hundewiese. Inzwischen – 1996 – war aus rechtlichen Gründen auch der Verein Sportgarten Bremen e.V. gegründet worden, und nach vielen Planungen und Absprachen mit Verwaltung, Politik und Sportamt begannen 1998 die Bauarbeiten. „Am 1.7. 1999 war es dann so weit: Wir konnten den Sportgarten eröffnen“, so Barde.

Seither haben die „Sportgärtner“, wie sich Mitarbeiter wie Jugendliche hier nennen, alle Hände voll zu tun, vor Ort und im Stadtraum. Denn neben den von den Jugendlichen selbst verwalteten Aktivitäten vor Ort geht der Sportgarten auch gezielt in die Stadt hinein und initiiert Projekte wie die Sportakademie, die in Zusammenarbeit mit Bremer Schulen und Sportvereinen die Lust an Bewegung in die Schulen hineinträgt. Ein aktuelles „aushäusiges“ Projekt ist die Skateplaza, die 2004 als Zwischennutzung auf einem Investorengrundstück geschaffen wurde und bald ins ehemalige Postamt umziehen wird – in Nachbarschaft zu und in Kooperation mit dem Fablab der Universität Bremen, die Jugendlichen die Themen digitale Medien und Bildung zugänglich machen will. Hier und anderswo entstehen die Synergien und Netzwerke, in denen Jugendliche für morgen trainieren können – sportlich, kulturell und sozial. Und auch „zu Hause“ in der Pauliner Marsch gibt es nicht nur das sportliche Tagesgeschäft, sondern besondere Veranstaltungen wie den One Nation Cup in Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Fußball-Nationalspieler Marco Bode. Dabei geht um Fußball, Kulturen und Freundschaft – auf dem Rasen und darüber hinaus. 2015 wird er zum fünften Mal stattfinden.

Mit diesen und anderen Vorhaben ist der Sportgarten Bremen e.V. längst ein Player in der Stadt geworden – und Player sind es auch, die als Botschafter für das Projekt unterwegs sind. Dazu gehört der bereits erwähnte Marco Bode, der als einer der fairsten Spieler in der Geschichte der Bundesliga gilt und damit – und auch aufgrund seines Engagements für die Stiftung Jugendfußball und die Aktion Sühnezeichen – prädestiniert ist für ein Projekt wie den Sportgarten. Ihn und viele andere hat die Idee überzeugt, durch Sport zu lernen, was es heißt, in einer vielfältigen Gesellschaft zu leben. In der es übrigens auch mal Konflikte gibt. Denn, so Barde: „Gerade am Anfang war das nicht so einfach, da mussten die Jugendlichen erst mal Vorurteile untereinander abbauen. Und die Begegnungen dazu haben wir da, wo sie nicht von selbst entstanden sind, gemeinsam gezielt provoziert.“ Das Gelände an sich eignet sich dafür bereits bestens, denn auf dem Weg zu Fußballfeldern, Half Pipes oder Kletterwand läuft man sich zwangsläufig über den Weg.

Inzwischen ist der Sportgarten eine wichtige Bremer Institution in Sachen Integration und Demokratie-Förderung – und auch seine Widersacher sehen den Gewinn für alle Beteiligten.  „Es gab anfangs auch skeptische Reaktionen von verschiedenen Seiten. Einigen Politikern zum Beispiel erschien das Projekt zu unangepasst, inzwischen stehen alle Parteien hinter uns“, so Barde. Auch manche Sportvereine waren anfangs nicht ganz glücklich mit der Konkurrenz, denn als solche nahmen sie den Sportgarten zunächst wahr. „Die Befürchtung war, dass mit dem Projekt Drogen und Gewalt in den Kiez kommen, und andererseits auch, dass Jugendliche zu uns abwandern würden.“ Das Gegenteil ist der Fall: Erstere haben im Sportgarten keinen Platz, und aus dem befürchteten Abspenstigmachen ist eine Zuwanderung geworden. Bode: „Im Sportgarten entdecken viele Jugendliche überhaupt eine erste Begeisterung für eine Sportart und suchen sich dann einen Verein, wo sie dieser noch intensiver nachgehen können.“

Alles gut also, hoffentlich noch weit in die Zukunft hinein. Denn es geht um weit mehr als Kicken oder Bouldern – der 1. Präsident des Viertel-Parlaments, Kulu Kaplan, hätte es seinerzeit schöner nicht sagen können: „Wir sind die Zukunft von später mal.“

07. Oktober 2014

Foto: Sportgarten Bremen

© Sportgarten Bremen
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