Ort:

Raum Nordhessen-Südniedersachsen

Wer:

  • Regionale Arbeitsgruppe Nordhessen-Südniedersachsen des Vereins Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V.
  • 65 Mitglieder
  • gegründet 1996
  • Arbeitskreis Rückblende – Gegen das Vergessen e. V., gemeinnütziger Verein 130 Mitglieder
  • gegründet 1995
  • Träger der Geschichtswerkstatt Volkmarsen mit der Dauerausstellung „Deutsch-Jüdisches Leben in unserer Region im Laufe der Jahrhunderte“
Was:

Die Regionale Arbeitsgruppe Nordhessen und der Verein Rückblende – Gegen das Vergessen e. V.  realisieren gemeinsam mit anderen Einrichtungen und Partnern unterschiedlichste Veranstaltung aus dem Themenspektrum jüdisches Leben, Holocaust und Nationalsozialismus und haben die Geschichtswerkstatt Volkmarsen ins Leben gerufen.

Vor Ort und in der Welt

Regionale Arbeitsgruppe Nordhessen-Südniedersachsen von Gegen Vergessen - Für Demokratie e. V.

Als Anfang der 1990er Jahre der Verein Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. gegründet wurde, riefen unabhängig davon eine Handvoll Bürger im hessischen Volkmarsen den Arbeitskreis Rückblende – Gegen das Vergessen e. V. ins Leben. Die gleichen Ziele wurden schon bald zu gemeinsamen Aktivitäten – und aus einigen Mitgliedern der „Rückblende“ wurden zugleich Begründer der Regionalen Arbeitsgruppe Nordhessen-Südniedersachsen von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V.

„Wir machen hier eigentlich alles zusammen und helfen uns gegenseitig. Da schaut niemand, wer wo Mitglied ist.“ Ernst Klein, seit 2000 Sprecher der Regionalen Arbeitsgruppe und Mitbegründer des Vereins Rückblende, ist ein Netzwerker, genauso wie seine Kolleginnen und Kollegen. Zahlreiche Partnerschaften haben sich so entwickelt, etwa mit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft oder mit Gedenkstätten. Und vor allem sind viele innige Freundschaften entstanden – mit Überlebenden des Holocausts und ihren Familien, die heute in aller Welt leben. „Das ist eigentlich ein Wunder.“

Sich mit der Geschichte regionalen jüdischen Lebens zu beschäftigen, ist seit mehr als 20 Jahren Kleins Anliegen – der „in seinem zweiten Leben“, wie er sagt, bis zu seiner Pensionierung ein Unternehmen aus der Baubranche leitete. Der Vater war es, der den Sohn auf Wohnungen und Geschäfte im Ort aufmerksam machte, in denen bis in die Zeit des Nationalsozialismus jüdische Mitbürger gelebt und gearbeitet hatten. „Im Kurhessischen lebten viele Juden, gerade in den kleinen Orten und Gemeinden.“ Aber niemand redete darüber, dass dies so war und wie es endete. „Das kann so nicht bleiben, war mein Gedanke.“

Klein gab Anfang der 1990er Jahre international Anzeigen auf, um nach ehemaligen jüdischen Einwohnern der Region und ihren Angehörigen zu suchen – und bekam Rückmeldung. „Wir haben mit dem Verein Rückblende und der Regionalen Arbeitsgruppe diese Leute dann eingeladen, und sie sind gekommen. Nach und nach sind daraus tiefe Bande geworden, die reichen in alle Welt“, so Klein. Sie bildeten die Basis für zahlreiche lebensgeschichtliche Interviews: „Für viele war es das erste Mal, dass sie über ihre Vergangenheit gesprochen haben.“

Über diese Gespräche hinaus haben Arbeitsgruppe und Verein engagiert zusammengetragen, was von einer mehrhundertjährigen deutsch-jüdischen Vergangenheit rund um Volkmarsen zeugt. Und sie haben sich mit Erfolg dafür eingesetzt, dass all die Dokumente, Fotos, Karten und Exponate einen festen Ort bekommen: in der in ihrer Art einzigartigen Dauerausstellung „Deutsch-Jüdisches Leben in unserer Region im  Laufe der Jahrhunderte“ der vereinseigenen Geschichtswerkstatt. Im Bewusstsein der Initiatoren ist sie eher ein Lernort denn ein klassisches Museum: Mittels aufklappbarer Tafeln können sich die Besucher umfangreiches Wissen zu verschiedenen Zeitabschnitten und Themenbereichen aktiv aneignen – über eine Welt, die die nationalsozialistische Terrorherrschaft zerstört hat.

An die vertriebenen und ermordeten jüdischen Bürger der Stadt erinnert auch die 18 Meter lange Gedenkmauer auf dem Jüdischen Friedhof in Volkmarsen mit dem angrenzenden „Platz der gegenseitigen Achtung“ – die Namensgebung regte Klein ebenso an wie den Bau der Gedenkmauer selbst. Gedenktafeln erinnern hier ebenso an die Lücken, die durch Deportationen und Ermordungen geschlagen wurden, wie bewusste Aussparungen zwischen den Mauersteinen. Die hauptsächliche Zielgruppe für diese und alle andere Formen der Vermittlung regionaler Geschichte sind die Menschen vor Ort – ein Ansatz, mit dem die Gruppe sehr erfolgreich ist. „Die Leute fahren ja nicht alle nach Kassel oder nach Frankfurt und schauen sich da etwas an. Deswegen sind wir hier in den kleinen Orten präsent und können die Menschen direkt ansprechen.“

Und angesprochen fühlen sich viele von den bis zu 50 Veranstaltungen im Jahr, darunter Filmreihen, Vorträge und Lesungen. „Am Anfang weiß man ja gar nicht, ob überhaupt jemand kommt zu den Veranstaltungen. Und wenn man dann merkt, da ist Interesse, motiviert das sehr.“ Auch viele junge Menschen sind begeistert – Kontakte entstehen hier oft über Besuche in Schule und an der Universität Kassel. Mit der Schwierigkeit, Jugendliche auch für die Vereinsarbeit zu begeistern, gehen Klein und sein Umfeld gelassen um: „Junge Leute wollen sich oft nicht an eine Organisation binden, das war bei uns auch nicht anders, als wir in dem Alter waren. Man kann die junge Generation aber sehr gut für einzelne Projekte gewinnen.“ Wichtiger als ein Vereinsbeitritt sei, ob man sich mit dem identifizieren könne, was man gemeinsam bewegen würde.

Und das ist auch in Zukunft sehr viel. Für 2011 ist unter anderem eine große Gedenkveranstaltung geplant, die zum 70. Jahrestag der ersten Deportationen von Juden aus dem Regierungsbezirk Kassel an deren Schicksal erinnert. „Wir wollen von den Wohnorten dieser Menschen aus ihren damaligen Weg zum Kasseler Bahnhof gemeinsam nachgehen.“ Auch dies wird eine Aktion sein, die dem Credo des Kreises um Ernst Klein folgt: heute erneut sichtbar zu machen, was auch damals jeder sehen konnte.

24.01.2011

Foto: Walter Schauderna, Thomas Thiel

In den Räumen der Dauerausstellung „Deutsch-Jüdisches Leben in unserer Region im Laufe der Jahrhunderte“; © Walter Schauderna und Thomas Thiel
In den Räumen der Dauerausstellung „Deutsch-Jüdisches Leben in unserer Region im Laufe der Jahrhunderte“; © Walter Schauderna und Thomas Thiel
Joachim Gauck zu Besuch in der Geschichtswerkstatt; © Walter Schauderna und Thomas Thiel
Nachstellung des 1938 verwüsteten Zimmers einer jüdischen Familie aus Volkmarsen; © Walter Schauderna und Thomas Thiel
Die Gedenkmauer auf dem Jüdischen Friedhof in Volkmarsen; © Walter Schauderna und Thomas Thiel
Gedenktafel an der Gedenkmauer auf dem Jüdischen Friedhof in Volkmarsen; © Walter Schauderna und Thomas Thiel