Ort:

Baden-Württemberg

Wer:

  • Regionale Arbeitsgruppe Baden-Württemberg von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V.
  • insgesamt 350 Mitglieder in den drei Sektionen Böblingen-Herrenberg-Tübingen, Nordbaden und Südbaden
  • gegründet 1996
  • Finanzierung der Projekte weitgehend aus eigenen Spendeneinwerbungen
Was:

Die Regionale Arbeitsgruppe Baden-Württemberg engagiert sich mit zahlreichen Veranstaltungen schwerpunktmäßig für das öffentliche Gedenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus und die Demokratiebildung in der Gegenwart und setzt sich hier besonders für die Jugendarbeit ein.

Im Südwesten viel Neues

Regionale Arbeitsgruppe Baden-Württemberg von Gegen-Vergessen - Für Demokratie e. V.

Ein Bundesland, drei Sektionen und rund 350 Mitglieder: Die Regionale Arbeitsgruppe Baden-Württemberg von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. knüpft eindrucksvoll an die demokratischen Traditionen in der Region an. Die Aufarbeitung von NS-Verbrechen und die Auseinandersetzung mit rechtsextremen Tendenzen der Gegenwart bilden bislang wichtige Schwerpunkte der Arbeit – für die Zukunft sollen aktuelle Fragen rund um das Thema Bürgerbeteiligung hinzukommen.

„Die Gründung unserer Regionalen Arbeitsgruppe geht auf ein persönliches Gespräch mit Hans-Jochen Vogel zurück“, beschreibt Dr. Alfred Geisel die Anfänge der Gruppe, der er als Sprecher vorsteht. Schon während seiner aktiven politischen Zeit als Baden-Württembergischer Landtagsvizepräsident engagierte er sich dafür, Themen wie die Erinnerungsarbeit in den parlamentarischen Diskurs einzubringen. 1996 schied er aus dem Amt – und setzt sich seither gemeinsam mit vielen Mitstreitern im Rahmen des Vereins Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. für das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und für Demokratiebildung ein.

Drei Sektionen sind es, die unter dem Dach der Regionalen Arbeitsgruppe Veranstaltungen und Projekte organisieren und zu Vorträgen oder Lesungen einladen. „Wir haben hier in Baden-Württemberg ein sehr großes Einzugsgebiet“, begründet Geisel die Aufteilung in die drei Sektionen Böblingen-Herrenberg-Tübingen, Nordbaden und Südbaden, die alle weitgehend selbständig arbeiten können. Und auch die Mitgliederzahlen sprechen für sich: „Wir waren anfangs 30 Personen, inzwischen zählen wir insgesamt rund 350 Mitglieder.“ Neue Mitstreiter stoßen dabei überwiegend durch die persönliche Ansprache hinzu – und wie vielerorts bemüht man sich auch hier verstärkt um junge Leute.

Nicht zuletzt das Angebot der Regionalen Arbeitsgruppe spiegelt dies wieder: Neben allgemein öffentlichen Gedenkveranstaltungen, Buchpräsentationen und Vorträgen stehen zahlreiche Veranstaltungen für Schülerinnen und Schüler auf dem Programm. Von  Zeitzeugenbegegnungen in Schulen bis zum Ausstellungsprojekt „70 Jahre Wiederkehr der Deportation nach Gurs“ von Jugendlichen für Jugendliche spannte sich etwa 2010 der Bogen.

Nicht nur, aber gerade auch diese Generation ist ein Adressat für die Frage, was es heute heißt, in einer Demokratie zu leben. Beteiligung heißt eines der Stichworte in diesem Zusammenhang. „Bürgerbegehren, Volksentscheide, Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung in der parlamentarischen Demokratie sind alles Themen, die es zu besprechen gilt“, so Geisel. Und die durchaus kontrovers diskutiert werden. Die Regionale Arbeitsgruppe reagiert hierauf – mit einem gemeinsam mit der Evangelischen Akademie in Bad Boll geplanten Symposium, das sich mit einem zunehmenden Widerstand vieler Bürgerinnen und Bürger gegen parlamentarisch getroffene Entscheidungen auseinandersetzen wird.

Womit auch das Thema Partner benannt wäre, denn viele der Veranstaltungen und Bildungsangebote, die die drei Sektionen jedes Jahr erneut planen, finden im Rahmen von Netzwerken statt: „Wir führen viele Veranstaltungen gemeinsam mit anderen Organisationen durch, mit denen uns teilweise schon eine lange Partnerschaft verbindet“, beschreibt Geisel die Situation. Zu diesem Netzwerk gehören auch Ansprechpartner in Kreisen, Gemeinden und Städten – die die Mitglieder der Sektionen für eine angemessene Erinnerungsarbeit gewinnen und in ihrem Engagement dafür unterstützen wollen. Die vielfältigen Kontakte  in die Politik helfen hier ebenso wie ein starkes Engagement vor Ort.

Doch nicht immer ist die öffentliche Hand dazu zu bewegen, sich der Vergangenheit zu stellen und von offizieller Seite der Opfer nationalsozialistischer Terrorherrschaft angemessen zu gedenken. Dann ergreift die Regionale Arbeitsgruppe schon mal selbst die Initiative – oder begleitet andere dabei. Wie im Falle des Gedenkens an den in der Gemeinde Bretzfeld-Rappach hingerichteten polnischen Zwangsarbeiter Czesław Trzciński: Udo Grausam wollte hier ein öffentliches Gedenken erwirken, auf Gemeinde-Ebene wollte man davon jedoch nichts wissen. Mit Unterstützung der Regionalen Arbeitsgruppe gibt es inzwischen ein Straßenschild – im Vorgarten der Familie Grausams. Ein Ersatz nur für ein öffentliches Bekenntnis zur Tat, aber als Akt der Zivilcourage ein wichtiges Zeichen.

In vielen Fällen können Geisel und seine Kolleginnen und Kollegen jedoch die Verantwortlichen in Städten, Kreisen und Gemeinden überzeugen und vor Ort – oft gemeinsam mit anderen Initiativen – viel erreichen. Die Schließung der KZ-Gedenkstätte Kochendorf etwa konnte ebenso verhindert werden wie der vollständige Abbruch der ehemaligen Gestapo-Zentrale für Württemberg in Stuttgart. Aktuell setzt sich die Gruppe beim Land Baden-Württemberg für eine Unterstützung des DDR-Museums Pforzheim ein – Ausgang offen. Und eines der ganz großen Projekte war und ist die im Sommer 2010 eingeweihte KZ-Gedenkstätte Hailfingen-Tailfingen, die ohne den jahrelangen Einsatz der Sektion Böblingen-Herrenberg-Tübingen wohl kaum entstanden wäre. Ein Höhepunkt der gemeinsamen Arbeit – und noch lange ist keine Ende in Sicht im Südwesten.

24.01.2011

Foto: Bildarchiv GVfD

© Bildarchiv GVfD