Ort:

bundesweit

Wer:

  • „!Nie wieder - Erinnerungstag im deutschen Fußball“
  • als Initiative 2004 gegründet; zu den Gründungsmitgliedern zählen die „Löwenfans gegen Rechts“.
  • bundesweit ca. 45 bis 50 Aktive, die das Anliegen der Initiative als Multiplikatoren in ihr jeweiliges Wirkungsfeld einbringen
  • Finanzierung aus privaten Mitteln und aus den eigenen Projektförderungen der jeweiligen Partner-Vereine und beteiligten Einrichtungen
Was:

„!Nie wieder – Erinnerungstag im deutschen Fußball“ ist ein Bündnis von Einzelpersonen, Fangruppen, Vereinen, Verbänden und Institutionen aus dem Fußball und der Zivilgesellschaft. Sie initiieren und fördern Aktionen in Fußball-Stadien und -Vereinen an den Spieltagen um den 27. Januar, dem „Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus“.

Erinnern in der Kurve

"!Nie wieder - Erinnerungstag im deutschen Fußball"

Fußball bewegt die Massen – und kann zugleich integrieren und ausgrenzen. Die Initiatorinnen und Initiatoren des Bündnisses „!Nie wieder – Erinnerungstag im deutschen Fußball“ wissen das und setzen sich als Fußballliebhaberinnen und -liebhaber sowie als Bürgerinnen und Bürger dafür ein, in der Kurve und auf dem Rasen rund um den Holocaust-Gedenktag am 27. Januar eine Erinnerungs-Kultur zu etablieren. Dabei geht es ihnen zum einen um das Andenken an jene, die zwischen 1933 und 1945 zuerst aus deutschen Stadien vertrieben und anschließend verfolgt und ermordet wurden. Und es geht zum anderen um Menschen, die heute an den Rand des Spielfelds und der Gesellschaft gedrängt werden. Ein Plädoyer für Vielfalt im Sport.

„Fußball ist gefährdet in Hinblick auf Ausgrenzung, Diskriminierungen von Minderheiten und Gewalt. Fußball kann umgekehrt aber auch in den Lernfeldern kulturelle Vielfalt und Toleranz andere Zielgruppen erreichen als die klassische Bildungsarbeit.“ Eberhard Schulz, Sprecher des Bündnisses „!Nie wieder - Erinnerungstag im deutschen Fußball“, fasst damit in einem Satz zusammen, warum er und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter das Erinnern in deutsche Stadien tragen wollen. Im Namen trägt ihre Initiative die Botschaft „Nie wieder“ der Überlebenden des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau. Seit genau zehn Jahren setzt sie sich dafür ein, dass es jedes Jahr am 27. Januar bei Spielen quer durch alle Ligen für ein paar Minuten nicht darum geht, dass das Runde ins Eckige muss. Mit Schweigeminuten und Stadien-Durchsagen, mit Flugblättern und vielfältigen Aktionen machen immer mehr Fan-Projekte und Ultragruppen, Vereine und Verbände darauf aufmerksam, was Gewalt und Ausgrenzung in der Geschichte bedeutet haben und dass sie heute – nicht nur – im Fußball keinen Platz mehr haben dürfen.

Begonnen hatte alles im Januar 2004. Schulz: „In einem Interview der Süddeutschen Zeitung mit Riccardo Pacifici, heute Präsident der jüdischen Gemeinde in Rom, las ich von seiner Initiative, den Holocaust-Gedenktag in italienische Fußballstadien zu bringen. Die Idee war faszinierend, und wir griffen sie sofort auf.“ Wir – das waren in dem Fall neben Fußball-Fan Schulz die Fan-Initiative „Löwenfans gegen Rechts“ des TSV 1860 München und ein Kreis von Aktiven aus Kirche, Schule und Gesellschaft rund um die Evangelische Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Schulz brachte in den dortigen Gedenk-Gottesdienst am 27. Januar 2004 den Vorschlag ein, etwas Ähnliches in Deutschland auf den Weg zu bringen. Ein Brief an den Deutschen Fußballbund, die Deutsche Fußball-Liga und die fünf größten deutschen Fußball-Clubs mit einem entsprechenden Vorschlag für das Folgejahr war schnell verfasst – und er fand Gehör. „Die Resonanz war zwar anfangs zögerlich, aber die im Brief angesprochen Themen waren aktuell, sehr brisant und setzten sich durch“, so Schulz.

Ein wichtiger Aspekt für die Arbeit des Bündnisses sei die Einbeziehung jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger, so Schulz: „Wir fördern den gemeinsamen Einsatz für ein akzeptierendes und menschenfreundliches Miteinander.“ Was dabei herauskommt sind Projekte wie die „Gedenktafel für die verfolgten und ermordeten jüdischen Mitglieder der Schalker Vereinsfamilie“. Grundsätzlich sind es immer mehr Vereine, Einrichtungen und Fan-Initiativen, die mit dem Bündnis zusammenarbeiten. „Wir erarbeiten zum 27. Januar Vorschläge für Stadion-Durchsagen und Texte für die Vereins-Magazine und -Webseiten und stellen Ideen vor, wie im Stadion und im Club-Leben ,!Nie wieder'-Aktionen klug und kreativ ins Spiel gebracht werden können“, erklärt Schulz die Vorgehensweise der Initiative.

Hinter den Empfehlungen steckt jeweils viel Arbeit – bundesweit sind es rund 40 Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, die aus ihrem jeweiligen beruflichen Umfeld im Bereich Fußball Impulse in die Arbeit einbringen und sie auch wieder zurücktragen in die Vereine, Gruppen und Projekte. Man kommt zweimal im Jahr zusammen zu vor- und nachbereitenden Arbeitstreffen, und wer die Anreise nicht finanzieren kann, bekommt sie aus den Fördermöglichkeiten der beteiligten Einrichtungen finanziert. Denn eigene Töpfe hat das Bündnis bislang nicht. „Das bringt Schwierigkeiten mit sich, beschert uns aber natürlich auch ein großes Maß an Unabhängigkeit“, so Schulz. Die besteht seit nunmehr zehn Jahren, und dieses Jubiläum feierte die Initiative zusammen mit ihren Partnern Makkabi Deutschland und der bereits erwähnten Evangelischen Versöhnungskirche mit Unterstützung des Bundesministeriums des Innern, der Bundesliga-Stiftung und der DFB-Kulturstiftung. Rund 300 jüdische und nicht-jüdische Fußball-Freunde aus dem Amateur- und dem Profifußball sowie aus den Fanszenen kamen, genauso wie Zeitzeugen, Wissenschaftler, Kulturschaffende und Journalisten. Nicht zuletzt aufgrund dieser Vielfalt war die Veranstaltung ein großer Erfolg.

Groß ist auch das Netzwerk, das rund um das Bündnis mit der Zeit entstanden ist. Die Fan-Basis, zu der man in Kontakt steht, reicht von den Ultragruppen wie der Münchner Schickeria oder der Kohorte vom MSV Duisburg bis zu Fanclubs wie dem DoppelPass vom SV Waldhof Mannheim 07. „Die Mehrzahl der Ultras, engagiert sich mit großer Leidenschaft in ihren Kurven gegen rechte Tendenzen. Das ist beispielgebend für junge Fans und das unterstützen wir natürlich“, so Schulz. Dabei spielt nicht nur die Geschichte eine Rolle, sondern auch Diskriminierung, die heute stattfindet. „Es geht immer um die Frage, wo verdrängt wird, wer ausgegrenzt wird“, so Schulz. Antisemitismus, Rassismus, Homophobie, Sexismus – wo zum Beispiel von „schwulen Pässen“ die Rede ist, Zischlaute durch das Stadion branden oder Spieler mit Migrations-Hintergrund ausgepfiffen und beleidigt werden, ist Handeln geboten, und dazu will die Initiative Mut machen.

Und die Zukunft? „2015 begehen wir ja den 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs, und im selben Jahr finden auch die Europäischen Makkabi-Spiele in Berlin statt“, erläutert Schulz. „In beide Zusammenhänge wollen wir uns mit Ideen einbringen.“ Denn auch wenn viel erreicht wurde, wissen er und seine Kolleginnen und Kollegen: „Es gibt aktuell strukturelle Parallelen und Berührungen zwischen Gewalt im Fußball und speziell rechter Gewalt. Da ist Aufklärungsarbeit gefordert.“ Die ist inzwischen auf einem guten Weg und wird in den nächsten zehn Jahren hoffentlich noch mehr Zulauf und Unterstützung bekommen – auf dem Rasen und auf den Rängen, in den Umkleidekabinen und auf der Trainerbank, in den Vereinsheimen und auf den Pressetribünen. Und in der Gesellschaft, von der Fußball ein Teil ist und umgekehrt.

14. April 2014

Foto: © "!Nie wieder - Erinnerungstag im deutschen Fußball"

Transparent der "Löwenfans gegen Rechts" zum Erinnerungstag; © "!Nie wieder - Erinnerungstag im deutschen Fußball"
"!Nie wieder"- Logo; © "!Nie wieder - Erinnerungstag im deutschen Fußball"; © "!Nie wieder - Erinnerungstag im deutschen Fußball"
Talkrunde mit Gerald Asamoah und Ali Yalpi im Rahmen der "Frankfurter Versammlung der Freunde und Freundinnen des Fußballs" 2014; © "!Nie wieder - Erinnerungstag im deutschen Fußball"
Transparente der Ultra-Fangruppen von Hannover 96 zum Erinnerungstag; © "!Nie wieder - Erinnerungstag im deutschen Fußball"
Kernteam von "!Nie wieder" auf der Versammlung 2014; © "!Nie wieder - Erinnerungstag im deutschen Fußball"
Choreographie des Ultra-Fanclubs Schickeria zu Kurt Landauer (jüdischer Fußballfunktionär, ehemaliger Präsident und posthum Ehrenpräsident des FC Bayern); © "!Nie wieder - Erinnerungstag im deutschen Fußball"
Flugblatt der Initiative "Denkmal für den unbekannten Zuschauer" des Frankfurter Fanprojekt e.V. Die Idee wird von "!Nie wieder bundesweit zur Nachahmung angeboten; © "!Nie wieder - Erinnerungstag im deutschen Fußball"
Plakat von Burussia Dortmund mit Jürgen Klopp zm 10. Geburtstag von "!Nie wieder - Erinnerungstag im deutschen Fußball"; © "!Nie wieder - Erinnerungstag im deutschen Fußball"
Text der Stadion-Durchsage zum "Erinnerungstag 2014"; © "!Nie wieder - Erinnerungstag im deutschen Fußball"
Abschluss-Worte von Riccardo Pacifici, Präsident der Jüdischen Gemeinde Rom, während der "Frankfurter Versammlung der Freunde und Freundinnen des Fußballs"; © "!Nie wieder - Erinnerungstag im deutschen Fußball"