Ort:

Burg, Sachsen-Anhalt

Wer:

  • Runder Tisch gegen Rechts – Für Toleranz und Menschlichkeit
  • 2008 ins Leben gerufen
  • ca. 70 Mitglieder aus Politik, Gesellschaft und Kirche, aus Institutionen und Vereinen, Privatpersonen; davon 25-30 regelmäßige Teilnehmer
  • 2010 Einrichtung des Büros zur Förderung von Demokratie und Vielfalt (gemeinsam mit einer Integrations-Lotsen-Stelle)
  • Aufbau des Büros aus Mitteln des Lokalen Aktionsplans Burg
  • bis 2013 Finanzierung des Büros mit zwei 25-Prozent-Stellen aus Landeskirchen-Mitteln, Projektträger ist die Kirchengemeinde St. Nicolai und Unser Lieben Frauen zu Burg
Was:

Der Runde Tisch gegen Rechts und das seine Aktivitäten koordinierende Büro zur Förderung von Demokratie und Vielfalt engagieren sich für ein demokratisches Miteinander in Burg.  Dazu gehören Informations-Veranstaltungen, Feste und Aufklärungsarbeit vor Ort, sowohl zu wichtigen wiederkehrenden Terminen als auch in akuten Situationen.

Hoch-Burg gegen Rechts

Runder Tisch gegen Rechts - Für Toleranz und Menschlichkeit

Als im April 2007 eine Veranstaltung von Neonazis in der Stadthalle Burg bei Magdeburg aus formalen Gründen nicht verhindert werden kann, treten die Bürgerinnen und Bürger der Stadt in Aktion: Als ein breites Bündnis aus Politik, Kirche, Sport und Gesellschaft organisieren sie innerhalb von nur drei Tagen ein Gegenfest und einen Informationsstand. Auch der Landtagspräsident ist dabei, als ein symbolischer Kehraus der Stadthalle die Aktion abschließt. Es ist die Geburtsstunde des Runden Tisches gegen Rechts – Für Toleranz und Menschlichkeit. Was als spontanes Engagement begann, ist inzwischen in der Stadt fest verankert. Und es gibt nach wie vor viel zu tun.

„Das mit dem Gegenfest war eine gute Sache, dafür hat sich sogar eigens eine Band gegründet“, erinnert sich Fabian Borghardt. Er leitet das Büro zur Förderung von Demokratie und Vielfalt, das seit drei Jahren die Aktivitäten des Runden Tisches koordiniert. Denn aus dem Willen, sich für ein demokratisches Miteinander und damit gegen braune Umtriebe zu engagieren, ist inzwischen eine feste – und zumindest noch bis Ende 2013 finanzierte – Institution geworden. Getragen wird die Initiative von Menschen aus allen gesellschaftlichen Bereichen, Parteien, Vereinen und Verbänden bis hin zum örtlichen Job-Center und zur Bundeswehr.

„Richtig losgegangen ist es im August 2007“, beschreibt der Koordinator die Zeit nach der ersten gemeinsamen Aktion rund um die Stadthalle. Eine vietnamesische Familie aus Burg wurde zu diesem Zeitpunkt von Neonazis überfallen und musste aus ihrem Haus flüchten, die Medien berichteten auch überregional darüber. „Wir haben daraufhin eine Mahnwache abgehalten und in dem Zusammenhang überlegt, was wir darüber hinaus tun können“, so Borghardt. Bereits ein halbes Jahr später im Februar 2008 wurde der Runde Tisch gegen Rechts – Für Toleranz und Menschlichkeit ins Leben gerufen. Treibende Kräfte waren der evangelische Pfarrer Joachim Gremmes und der Burger Oberbürgermeister Bernhard Sterz – und sie und ihre Bündnis-Kolleginnen und -Kollegen hatten sich viel vorgenommen. „Eine unserer ersten Aktivitäten war, in der Stadt Burg die Aktion Noteingang ins Leben zu rufen“, erzählt Borghardt. Dieser Initiative schließen sich überall in Deutschland Geschäfte, Einrichtungen und Institutionen an und bieten damit direkt und akut von rechtsextremen Übergriffen bedrohten Menschen Zuflucht an. Ein starkes Signal, das das Problem Rechtsextremismus direkt beim Namen nennt.

Eins von vielen Beispielen für ganz konkretes und direktes Handeln vor Ort. Um dies möglich zu machen, treffen sich die Mitglieder des Runden Tisches nicht nur regulär vier- bis fünfmal im Jahr, sondern immer auch denn, wenn es akut nötig wird. Borghardt: „Im November 2010 wurde das DGB-Service-Büro in Burg im Stil der November-Pogrome beschmiert, mit Judensternen und Hassparolen. Darauf wollten wir natürlich reagieren und haben auch hier eine Mahnwache abgehalten und das mit Geschichts-Aufarbeitung verbunden. Das war ein Angebot, sich damit auseinanderzusetzen: Was ist damals in Burg geschehen? Und welche Parallelen gibt es dazu heute?“

Im März 2011 schließlich steht Sachsen-Anhalt kurz vor der Landtagswahl, und die Wahlprognosen für die NPD stehen bei rund fünf Prozent. Die landesweiten Plakat-Aktionen „Kein Ort für Neonazis in Sachsen-Anhalt“ und „Wähle nicht NPD“ laufen an – auch in Burg. Mit dabei sind unter anderem die Partner „Netzwerk für Demokratie und Toleranz in Sachsen-Anhalt“, der Verein Miteinander e. V. und der Runde Tisch gegen Rechts. Der hat inzwischen großen Rückhalt in der Bevölkerung: „Wir haben viel Aufklärungsarbeit leisten können“, so Borghardt, „und haben dabei viel Unterstützung gehabt, auch zum Beispiel von der Polizei und aus der Politik.“ Vertreter verschiedener Parteien gehen mit den Mitgliedern des Runden Tisches etwa durch die Geschäfte, um auf das Thema Rechtsextremismus aufmerksam zu machen – das wirkt in die Bevölkerung hinein und ist gleichzeitig auch ein Signal gegenüber der rechten Szene. Borghardt: „Mit gewalttätigen Übergriffen waren wir bislang nicht konfrontiert. Es bleibt bei Beschimpfungen wie ,linkes Pack'.“

Die Arbeit des Runden Tisches ist auch gefragt, als die Morde der NSU bundesweit bekannt werden. Borghardt führt dazu aus: „Wir haben eine eigene Resolution zum Thema NSU verfasst und an Landtags-Fraktionen geschickt. Außerdem haben wir nach einem Weg gesucht, gezielt auf Migranten zuzugehen und haben ein Fest der Begegnung organisiert.“ Familien mit Migrationshintergrund aus Burg und Umgebung waren dazu ebenso eingeladen wie jeder Interessierte. Am Ende sitzen rund 100 Menschen zusammen – und reden unter anderem über Fußball. „Die Menschen, die hier in der Sammelunterkunft leben, haben eine Mannschaft gegründet. Einen Trikot-Satz hatten sie schon gestellt bekommen.“ Ein Politiker und ein Arzt tun sich zusammen und spenden die noch fehlenden Schuhe – und das Fest der Begegnung ist nicht nur deshalb ein Erfolg. „Wir werden das fortsetzen“, so Borghardt. Genauso wie den Tag der Demokratie und Veranstaltungen an wichtigen Gedenktagen wie dem 8. Mai oder dem 10. November – und in ganz naher Zukunft findet in Burg zudem die erste Verlegung von Stolpersteinen statt. Borghardt: „Am 27. März 2013 sind die ersten fünf von insgesamt 10 Stolpersteinen an der Reihe, von denen jeder eine Patin oder einen Paten haben wird.“

Und auch wenn der Runde Tisch seit drei Jahren mit dem Büro zur Förderung von Demokratie und Vielfalt eine finanzierte Koordinierungsstelle hat, bleibt auch Netzwerk-Arbeit weiterhin wichtig. Borghardt: „Im Juni werden wir uns beim Sachsen-Anhalt-Tag in Gommern vorstellen. Da präsentieren sich die Städte und Landkreise und Städte, aber eben auch Vereine, Verbände und Initiativen.“ kunterbunt und einfallsreich wird dort das Motto sein. Das passt. Nicht nur zum Sachsen-Anhalt-Tag, sondern auch zum Runden Tisch gegen Rechts – Für Toleranz und Menschlichkeit.


14. März 2013

Foto: © Roland Stauf

Plakat-Aktion "Kein Ort für Nazis" in Burg; © Roland Stauf
Mahnwache in Burg am 27.01.2013 - verlesen wird die Resolution des Runden Tisches gegen Rechts zur NSU.; © Roland Stauf