Ort:

Friedrichstadt, Schleswig-Holstein

Wer:

  • Eröffnet am 27.01.2003
  • Administrativ betreut durch Christiane Thomsen vom Museum Alte Münze in Friedrichstadt, Planung und Durchführung der Veranstaltungen durch Thomsen und eine Gruppe von sieben ehrenamtlich Engagierten aus Friedrichstadt
  • Finanzierung des Betriebs des Gebäudes aus Mitteln der Stadt, Finanzierung von Veranstaltungen aus Sponsoren-Mitteln und Eintrittsgeldern
Was:

Die Kultur- und Gedenkstätte Ehemalige Synagoge Friedrichstadt erinnert mit einer Ausstellung an das Schicksal der Friedrichstädter Juden während der Zeit des Nationalsozialismus. Das Haus ist zudem ein Ort für Kultur- und Vortrags-Veranstaltung zu jüdischen und vielen anderen Themen.

Alte Synagoge auf neuen Wegen

Kultur- und Gedenkstätte Ehemalige Synagoge Friedrichstadt

1847 als jüdisches Gotteshaus geweiht, ab 1941 im Privatbesitz ausgerechnet eines SS-Offiziers, nach dem Zweiten Weltkrieg Mehrfamilienhaus und heute ein Ort des Gedenkens und Kulturstätte: Das ist in kurzen Worten die bewegte Geschichte der Synagoge Friedrichstadt. Doch es braucht viel mehr als die Benennung von Stationen um zu erfassen, was an diesem Ort geschah und geschieht. Als das Gebäude 1985 in den Besitz der Stadt überging, nutzten engagierte Bürgerinnen und Bürger die Gelegenheit und erweckten seine Vergangenheit zu neuem Leben in der Gegenwart.

„Als ich noch Schülerin war, sagte ich immer: Ich gehe jetzt zu meiner Freundin in die Synagoge.“ Christiane Thomsen, Leiterin des Museums Alte Münze in Friedrichstadt, weiß noch aus eigener Erfahrung, dass das Haus Am Binnenhafen 17 im Bewusstsein der Bewohnerinnen und Bewohner des 2.500-Seelen-Städtchens immer „die Synagoge“ geblieben ist – auch in der Zeit, in der es als ganz normales Wohnhaus genutzt wurde. Aber was ist normal? Gelebtem Alltag standen zunehmend die Notwendigkeit und der Wunsch gegenüber, „etwas Würdigeres mit dem Gebäude zu machen“, so Thomsen. „Die Möglichkeit dafür ergab sich erst, als die Synagoge 1985 an die Stadt fiel.“

Was eine würdige Nutzung sein könnte, war nicht sofort klar, auch die Geldmittel für eine behutsame Instandsetzung mussten erst aufgebracht werden. Eine respektvolle Renovierung, die die Spuren der Zeit sichtbar macht, gelang schließlich mit der finanziellen Unterstützung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und des Landes Schleswig-Holstein. „Das Ergebnis ist sehr schön geworden“, beschreibt Thomsen die Umbauarbeiten. „Der Saal-Charakter im Innern wurde wieder hergestellt und die Frauen-Empore wurde als Glas-Konstruktion für die Nutzung als Ausstellungsraum ausgebaut.“ Attribute der ursprünglichen, zwischenzeitigen und neuen Nutzung vermischen sich dabei – auch an der Außenfassade: Die Maße der Fenster aus der Zeit der Nutzung als Wohngebäude dokumentieren diese Phase, aber vorgeblendete Rahmen machen sichtbar, dass es sich ursprünglich um einen sakralen Bau handelt.

Nach dem Umbau blieb die Frage, welchen Aufgaben man sich in den neu gestalteten Mauern widmen wollte. „Die Stadt ist an mich herangetreten, und ich habe sofort signalisiert, dass diese Aufgabe für eine Person zu groß ist“, erinnert sich Thomsen. Sie hat sich Unterstützung gesucht – und gefunden: Gemeinsam mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebens- und Arbeits-Bereichen, die Lust hatten und haben, sich ehrenamtlich für die alte Synagoge zu engagieren. „Wir haben inzwischen eine gute Arbeitsteilung“, so Thomsen, „ich kümmere mich um die administrativen Belange und die Gruppe gemeinsam um Veranstaltungen, Führungen und solche Dinge.“
 
Das eingespielte Team betreut die alte Synagoge nun inzwischen seit fast zehn Jahren als Kultur- und Gedenkstätte – so das Konzept, das nach einigen Überlegungen entstanden war. Konkret bedeutet dies, dass eine Ausstellung auf der ehemaligen Frauen-Empore an die Schicksale der Friedrichstädter Juden erinnert und im Saal Platz ist für verschiedenste Veranstaltungen. „Die Jüdische Gemeinde in Hamburg hatte sich gewünscht, dass keine christlichen Gottesdienste und keine politischen Veranstaltungen in der Synagoge stattfinden. Die Toten Hosen wären aber kein Problem“, so Thomsen lachend.

Und so finden am ehemals sakralen Ort Lesungen, Konzerte, Vorführungen und Vorträge zu jüdischen, aber auch zu vielen anderen Themen statt, zu denen Thomsen und ihr Team die Künstlerinnen und Künstler oder Vortragenden entweder direkt einladen oder die auch von außen angeboten werden. Eine Rolle bei der Programm-Gestaltung, die die Gruppe mehrmals im Jahr bespricht, spielen auch die finanziellen Mittel – die Toten Hosen wären dahingehend also wahrscheinlich doch keine ganz so einfache Sache. Thomsen: „Der Betrieb der Synagoge als Gebäude wird von der Stadt finanziert, aber es gibt kein Budget für Veranstaltungen. Das Geld dafür müssen wir durch Sponsoren oder Eintrittsgelder aufbringen, und dementsprechend können wir uns nicht alles leisten, was uns interessieren würde.“ Das Publikum kommt trotzdem – rund 30 Besucherinnen und Besucher pro Veranstaltung sind gerechnet auf rund 2.500 Friedrichstädterinnen und Friedrichstädter ein stolzes Ergebnis.

Der Zuspruch zur neuen alten Synagoge ist also groß – und Gegenwind aus der rechten Szene praktisch nicht vorhanden. „Damit haben wir Gott sei Dank gar keine Probleme hier“, so die engagierte Museumsleiterin. Gar kein Problem, sondern ein großer Grund zur Freude, sind auch die Jubiläums-Feierlichkeiten im April 2013. „Eröffnet haben wir zwar am 27. Januar 2003“, so Thomsen. „Aber wir haben uns gedacht, dass das Wetter im April einfach besser ist.“ Dem Programm wird die Abwesenheit des berühmten spätwinterlichen Landregens in Norddeutschland sicherlich gut tun: Eingeladen sind das Jüdische Theater Bimah aus Berlin und der Landesrabbiner Walter Rothschild, es wird ein Kinderprogramm mit Dreidel-Spiel geben und natürlich koschere Spezialitäten. Ein besonderer Gast wird die Filmemacherin Heike Mundzeck sein: Sie ist die Tochter des SS-Offiziers, für den das Synagogen-Gebäude während der NS-Zeit zum Wohnhaus umgebaut wurde, und anlässlich des Jubiläums der Gedenk- und Kulturstätte wird sie noch einmal – wie schon zur Eröffnung – ihren Film Wer wohnte in der Synagoge von Friedrichstadt zeigen.

Nicht nur das bevorstehende Jubiläum, auch die einzelnen Veranstaltungen im Laufe des Jahres erfordern einigen Einsatz von den Beteiligten. Doch sie bekommen auch viel zurück: den Zuspruch der begeisterten Besucherinnen und Besucher – und noch etwas anderes. Thomsen: „Wir kannten uns zu Beginn unserer Zusammenarbeit nicht. Inzwischen sind wir Freunde geworden.“ Besser kann Engagement nicht laufen.

05. März 2013

Foto: © Kultur- und Gedenkstätte Ehemalige Synagoge Friedrichstadt

Kultur- und Gedenkstätte Ehemalige Synagoge Friedrichstadt - Außenansicht; © Kultur- und Gedenkstätte Ehemalige Synagoge Friedrichstadt
Kultur- und Gedenkstätte Ehemalige Synagoge Friedrichstadt - Innenansicht mit Saal; © Kultur- und Gedenkstätte Ehemalige Synagoge Friedrichstadt
Kultur- und Gedenkstätte Ehemalige Synagoge Friedrichstadt - Innenansicht mit Saal; © Kultur- und Gedenkstätte Ehemalige Synagoge Friedrichstadt