Ort:

Berlin

Wer:

  • Audiowalk „kudamm'31. eine unerhörte geschichte. audiowalk auf den spuren eines pogroms.“
  • Projekt von 12 Studierenden des Seminars „Geschichte darstellen“ im Master-Studiengang Public History an der Freien Universität im Wintersemester 2011/2012.
  • Dozenten: Christine Bartlitz (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam), Sebastian Brünger (Dramaturg beim Künstler-Kollektiv Rimini Protokoll)
Was:

Der Audiowalk kudamm'31 ist ein Studierenden-Projekt und erinnert mit multimedialen Mitteln an ein Pogrom, das am 12. September 1931 am und rund um den Berliner Kurfürstendamm stattfand. Das Projekt leistet einen Beitrag zur Vermittlung zeithistorischer Erkenntnisse über Antisemitismus in der Weimarer Republik.

Geschichts-Orte, Geschichts-Worte

kudamm'31. eine unerhörte geschichte. audiowalk auf den spuren eines pogroms.

Eine Nebenstraße des Berliner Kurfürstendamms heute, Häuser und Läden, Menschen gehen vorbei. Das Smartphone in der Hand zeigt eine Hörblase an, ein Text gelangt ins Ohr. Er erzählt von 1931, dieselben Häuser damals, andere Menschen, eine andere Zeit. Diese Zeit kommt nah, die Stimme berichtet von einem Pogrom, in dessen Verlauf hier Bürgerinnen und Bürger überfallen wurden, Juden und Menschen die für jüdisch gehalten wurden. Der Weg führt weiter, rechts oder links, in der nächsten Straße neue Hörblasen, sie enthüllen weitere Blickwinkel auf dasselbe ungeheuerliche Geschehen rund zwei Jahre vor der sogenannten Machtergreifung. So holt der Audiowalk „kudamm'31. eine unerhörte geschichte“ mit modernen Mitteln das heute weitgehend vergessene Pogrom am 12. September 1931 in das öffentliche Bewusstsein zurück – Geschichts-Studierende aus Berlin haben ihn mit ihren Dozenten entwickelt.

„Wir wollten keine Ausstellung machen, sondern multimedial arbeiten“, beschreibt Annemarie Hühne den ursprünglichen Impuls für das Projekt kudamm'31. Hervorgegangen ist es aus dem Seminar „Geschichte darstellen“ im Master-Studiengang Public History an der Freien Universität, an dem Hühne und elf weitere Studierende im Wintersemester 2011/2012 teilgenommen hatten. Die Dozenten: Christine Bartlitz vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und Sebastian Brünger, Dramaturg beim Künstler-Kollektiv Rimini Protokoll – historische Expertise und kreative Formen ihrer Umsetzung und Vermittlung treffen bereits in dieser Konstellation aufeinander. „Für uns war das eine doppelt spannende Herausforderung: auf ein weitgehend unbekanntes Pogrom noch vor 1933 aufmerksam zu machen und uns damit historisch fundiert mit Antisemitismus in der Weimarer Republik auseinanderzusetzen und gleichzeitig bei der Vermittlung von historischem Wissen neue Wege einzuschlagen. Mit den Mitteln des Theaters und auch auf technischer Seite“, so Hühne.

Der Audiowalk enthält tatsächlich beide Elemente: Die sorgfältig in Archiven recherchierten Geschehnisse von damals werden via Smartphone als szenische Lesungen originaler Dokumente nachvollzogen. Hühne: „Man läuft mit seinem eigenen Smartphone oder einem von uns geliehenen Gerät auf dem Ku'damm und in den Seitenstraßen entlang, zur Orientierung gibt es eine Karte des Bereichs. An bestimmten Orten öffnen sich sogenannte Hörblasen, die etwas darüber erzählen, was an diesem Ort an jenem Abend geschah.“ Alternativ sind die Töne auch im Internet abrufbar, ebenso wie die Karte, auf denen die Hörblasen im Stadtplan verzeichnet sind. Die Erfahrung vor Ort beinhaltet aber eine Ebene, die über das Internet nicht greifbar ist: „Im Internet gehe ich thematisch vor, auf dem realen Ku'damm aber kann ich mich von einem Ort anziehen lassen und erst dann etwas über seine Geschichte erfahren, also den umgekehrten Weg gehen“, erklärt Hühne. „Wir hoffen, so eine breitere Zielgruppe zu erreichen, die nicht so sehr vom Thema ausgeht, sondern sich erst einmal für den Ort interessiert.“

Wie viele Menschen sich seit der Projektpräsentation im März 2012 auf den Audiowalk gemacht haben oder ihn alternativ im Web nachvollzogen haben, wissen seine Urheber nicht, denn die Downloads werden nicht registriert. Allein im Monat des Launches aber haben sich 60 Interessierte fertig präparierte Smartphones im Literaturhaus ausgeliehen, das offizieller Partner des Projekts ist. Die Rückmeldungen ähneln sich, so Hühne: „Viele Menschen sind völlig perplex, was damals vor sich gegangen ist und wie wenig darüber heute bekannt ist.“ Auch das Alleinsein mit sich und „gehörter Geschichte“ im Ohr inmitten des Lebens auf der Straße werde als sehr eindringliche Erfahrung beschrieben.

Diese vermittelt sich nicht zuletzt durch die Kraft der Darstellung: Professionelle Schauspielerinnen und Schauspieler haben – ohne Honorar – die Vernehmungsprotokolle, Augenzeugenberichte, Briefe und andere Originaldokumente eingelesen und machen das zeitlich so weit Entfernte und auch das Naheliegende plastisch und nachvollziehbar. Man erfährt von Szenen wie diesen: Junge Nationalsozialisten verschonen am Abend des jüdischen Neujahrstages 1931 – dem Abend des Pogroms – eine junge Frau, weil sie blond ist und überfallen einen Mann, der „unverkennbar jüdisch“ aussehe. Die Stereotypen sind bekannt, die gesprochenen Worte aber – zusammen mit der Ortserfahrung in der Gegenwart – lassen einen beklemmenden Film im Kopf des Zuhörenden entstehen. „Die antisemitische Stimmung am Ende der Weimarer Republik wird so sehr nachvollziehbar, und man begreift sehr gut: Das ist genau hier geschehen, und nicht erst nach 1933“, so Hühne. Damit leistet das studentische Projekt einen wichtigen Beitrag zur Wissensvermittlung über die Wege, die in den Nationalsozialismus geführt haben. Der Audiowalk deckt noch zwei weitere Schwerpunkte ab: jüdisches Leben rund um den Kurfürstendamm sowohl in der Weimarer Republik als auch in der Gegenwart. Interessierte erfahren so etwas über jüdische Unternehmen, die einst hier ansässig waren, und über heutige Meschugge-Parties oder die Bibliothek der jüdischen Gemeinde in der Fasanenstraße.

Für Hühne und ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen ist der Weg mit und nach kudamm'31 weitergegangen: „Für uns war dieses Seminar eine wunderbare Erfahrung, und die Rückmeldungen zum Ergebnis haben uns so beflügelt, dass wir da weiter ansetzen wollen.“ Der Suche nach neuen Vermittlungsformen geht die Gruppe inzwischen in der Form einer GbR nach, die sie gegründet hat. Unter dem Namen „past[at]present. Geschichte im Format“ entwickeln die jungen Historikerinnen und Historiker zusammen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus anderen Disziplinen professionelle Konzepte für eine multimediale Geschichtsvermittlung. „Das funktioniert im Team auch deshalb sehr gut, weil jeder von uns ganz eigene Stärken und Schwerpunkte einbringt. Das haben wir bereits während des Seminars gemerkt“, erklärt Hühne. Audiowalks werden auch künftig das Spezialgebiet des kleinen Unternehmens bleiben. „Wir betreuen natürlich auch weiterhin das kudamm'31-Projekt und starten im Mai 2013 wieder mit dem Verleih der Smartphones für alle die, die den Walk machen möchten, aber kein Android-fähiges Smartphone besitzen“, so Hühne. Auch die Integration des Projekts in das Berliner Themenjahr 2013 „Zerstörte Vielfalt“ wird dem Audiowalk sicherlich zu mehr Bekanntheit verhelfen – zu wünschen ist es der multimedialen Aufarbeitung eines heute fast vergessen Pogroms sehr nachdrücklich.

10.Mai 2012

Foto: past[at]present

Auf dem Audiowalk; © past[at]present
Auf dem Audiowalk; © past[at]present
Stolpersteine entlang des Audiowalks; © past[at]present
Logo des Audiowalks; © past[at]present
Die Initiatoren des Audiowalks ku'damm31: Teilnehmede des Seminars "Geschichte darstellen” des Studiengangs “Public History” mit ihren Dozenten Christine Bartlitz (ZZF Potsdam) und Sebastian Brünger (Dramaturg bei Rimini Protokoll); © Florian Steffen
Aus den Archiven: Schlagzeilen; © past[at]present