Ort:

Wiesbaden, Hessen

Wer:

  • Jugendinitiative Spiegelbild des Aktiven Museums Spiegelgasse für Deutsch-Jüdische Geschichte in Wiesbaden e.V.
  • gegründet 2008 (Jugendinitiative; Verein 1988)
  • 2 feste Mitarbeiter für die Jugendinitiative; der Trägerverein des Museums und der Jugendinitiative hat 200 Mitglieder, davon 50 regelmäßig ehrenamtlich Aktive
  • Finanzierung aus Mitteln der Stadt Wiesbaden, Eigenmitteln (Mitgliedsbeiträge, Workshop-Honorare), Projektförderung, Spenden und Mitteln der 2010 vom Verein ins Leben gerufenen Paul Lazarus-Stiftung
Was:

Die Jugendinitiative Spiegelbild bietet Jugendlichen und Schülern Möglichkeiten, sich unter Anleitung auf eigene Weise mit Geschichte auseinanderzusetzen. Zum Angebot gehören Projekte und Workshops für Schulen und Träger der Jugend-Bildungsarbeit. Der thematische Schwerpunkt liegt in den Bereichen Nationalsozialismus und Holocaust, deutsch-jüdische Geschichte und Demokratiebildung.

Geschichte von und für heute

Jugendinitiative Spiegelbild

Junge Leute erinnern Geschichte anders – so lautet das Credo der Jugendinitiative Spiegelbild des Wiesbadener Aktiven Museums Spiegelgasse. Das fängt bei der Frage von Teenagern an, warum man heute überhaupt zurückblicken soll und mündet in die Herausforderung, die eigene Lebenswelt mit Geschichte in Verbindung zu bringen. Wie also vermitteln zwischen eigenen Erfahrungen und Erinnerungskultur? In Wiesbaden ist die Antwort darauf klar: indem man junge Menschen mitgestalten lässt, wie sie sich jenseits üblicher Gedenkrituale mit Holocaust und Fremdenhass, aber auch mit Freiheitsansprüchen und Demokratieverständnis auseinandersetzen wollen.


„Junge Leute wissen, wie schrecklich die Zeit des Nationalsozialismus war und wollen sich damit auch auseinandersetzen“, weiß Hendrik Harteman zu berichten. „Sie wollen aber gleichzeitig Deutschland gut finden können.“ Ein unverkrampftes Verhältnis zu dem Land zu haben, in dem man lebt – ob das in Deutschland möglich sein kann, darüber gab und gibt es viele Debatten. Der Leiter der Jugendinitiative Spiegelbild ist sich jedoch sicher: „Die alten Wege der Vermittlung von Geschichte sind für Jugendliche nicht mehr zeitgemäß, die haben andere Bedürfnisse.“ Diese Erkenntnis liegt heute einige Jahre zurück, als man im Trägerverein des Aktiven Museums Spiegelgasse darüber nachdachte, wie man junge Menschen zeitgemäß an schwierige Themen in der deutschen Geschichte heranführt. Das Ergebnis ist ein konsequent partizipativer Ansatz mit einem klaren Bildungsziel: junge Menschen in Schulen und Einrichtungen der Jugendbildung über die Verbrechen des Nationalsozialismus an der jüdischen Bevölkerung aufzuklären und demokratische Werte der Gegenwart zu vermitteln. Doch der Weg dahin führt, so Harteman „über eine Öffnung des Themas – und zwar für die Erfahrungen, die die jungen Leute in ihrem Alltag machen.“

In der Praxis sieht das vielfältig aus: „Die Schülerinnen und Schüler zum Beispiel, mit denen wir arbeiten, haben ganz unterschiedliche Herkunftsgeschichten und Bildungs-Hintergründe.“ Tatsächlich ist es der Initiative wichtig, gerade auch für solche junge Leute Angebote zu machen, die geringe Bildungschancen haben oder aus einer Migrationserfahrung heraus einen anderen Blick auf deutsche Geschichte haben. „Je früher wir in die Klassen gehen können“, so Harteman, „umso leichter öffnen sich die Jugendlichen für das Thema“. Fragen nach dem Holocaust verbinden sich mit eigenen Erlebnissen mit Ausgrenzung, Rassismus, Flucht oder Verfolgung. Darüber sprechen zu können, was heute wichtig ist, macht bereit, sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen. Doch die Möglichkeit, mitzugestalten, beschränkt sich für die Teilnehmenden nicht auf die Themen an sich. Harteman: „Für uns ist wichtig, dass die jungen Leute in Workshops, Kursen und Projekten selbst etwas machen können. Nur wer Raum bekommt, hat auch Lust, sich einzubringen.“

Raum bekamen etwa die Schülerinnen und Schüler einer 7. Hauptschulklasse im Zusammenhang mit der Wander-Ausstellung „Kicker, Kämpfer und Legenden - Juden im
deutschen Fußball“, die die Jugendinitiative Spiegelbild nach Wiesbaden geholt hatte. Gemeinsam mit Harteman und seinen Kollegen entwickelten sie das Projekt „Spurensuche am Ball“ und stellten unter Anleitung eigene Recherchen zu jüdischen Sportlern aus Wiesbaden an. Dafür gab es 2011 den Julius-Hirsch-Preis, den der Deutsche Fußball Bund jedes Jahr in Erinnerung an den 1943 in Auschwitz ermordeten jüdischen Nationalspieler verleiht. „Das war ein ganz tolles Projekt. Viele denken ja, Hauptschule und Bildungsarbeit, wie geht das. Und das geht sehr gut.“ Aus der Gruppe kam schnell der Wunsch, heute in Wiesbaden lebende Juden kennen lernen zu wollen. „Bei einem Besuch in der Synagoge haben die Jungs und Mädels unserem Gesprächspartner dort Löcher in den Bauch gefragt. Ihre Lehrer waren ziemlich erstaunt, wie lebhaft die waren, so kannten die ihre Schüler gar nicht.“

Nur eins von vielen Beispielen, wie erfolgreich der partizipative Ansatz ist – und nachhaltig: „Das sind ja Erlebnisse, das nehmen die mit und vergessen das nicht wieder“, so Harteman. Nicht vergessen wird inzwischen auch die Jugendinitiative Spiegelbild selbst, wenn es in Wiesbaden um Fragen der Geschichtsvermittlung und Jugendbildung geht. „Den Verein gibt es ja schon länger“, so Harteman, „und mit der Jugendinitiative haben wir von Anfang an Netzwerke quer durch die Stadt geknüpft, um uns bekannt zu machen.“ Dazu gehört auch die Teilnahme an großen Projekten zusammen mit vielen anderen Trägern und Projekten – wie zum Beispiel 2009 eine Vielzahl an Veranstaltungen rund um die Wander-Ausstellung des Berliner Anne Frank-Zentrums „Anne Frank – eine Geschichte für heute“. Harteman: „Das war eine Riesensache, rund 3.000 Schüler haben hier in Wiesbaden die Ausstellung gesehen, an die 10.000 Besucherinnen und Besucher hatte die Ausstellung insgesamt mit allen 60 Rahmenveranstaltungen.“ Spiegelbild bildete junge Guides aus, die Jugendliche durch die Ausstellung begleiteten. „Und wir haben in Kooperation mit der Amadeo-Gemeinde eine Veranstaltung organisiert, in der Flüchtlinge aus ihrem Leben erzählt haben“, so Harteman.

Viel Engagement also – das auch Geld kostet. Wie überall in der freien Bildungsarbeit ist die Finanzierung des eigenen Angebots auch bei der Jugendinitiative Spiegelbild ein wichtiges Thema. „Wenn man nicht gerade Mainstream ist, ist das Füllhorn nicht so groß“, weiß Harteman aus Erfahrung. Der Ansatz, die Vermittlung deutsch-jüdischer Geschichte zu öffnen für Themen aus der direkten Erfahrungswelt junger Menschen, macht auch vor diesem Hintergrund Sinn: „Die Themen Migration und Rassismus beschäftigen die jungen Leute zum Beispiel sehr, und für Projekte zu diesem Thema gibt es auch Geld.“ Ein gutes Beispiel ist hier der Beitrag der Jugendinitiative Spiegelbild zum Bundesprogramm Xenos, das gezielt Migrantinnen und Migranten beim Zugang zum Arbeitsmarkt unterstützt. „Für uns ist der Gedanke wichtig, dass junge Migranten Bildungschancen brauchen, um einen Job zu bekommen, und Bildung steht einfach in Verbindung mit Geschichte“, so Harteman. „Und Geschichte heißt natürlich auch: Gastarbeiter-Geschichte in Deutschland. Das ist wichtig.“

Nicht zuletzt in diesem Themenbereich sieht Harteman die Zukunft der Jugendinitiative Spiegelbild. Ganz nah liegt da auch die Teilnahme an dem großen Projekt „WIR in Wiesbaden“ zusammen mit vielen Partner-Organisationen, das 2011 zum ersten Mal stattfand und 2012 unter dem Motto steht „Teil sein, Teil haben, Vielfalt leben“. Eine Vielzahl von Veranstaltungen rund um die Themen Vielfalt, Anerkennung und Demokratie soll zeigen, dass die hessische Landeshauptstadt bunt ist – und offen dafür. Die Jugendinitiative Spiegelbild trägt mit ihrem besonderen Ansatz in der Jugendbildungsarbeit zu dieser Offenheit einen wichtigen Teil bei und löst ein, was manchmal nur Schlagwort bleibt: junge Menschen und ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen. Auch wenn das manchen tradierten Rahmen sprengt.

17.10.2012

Foto: Jugendinitiative Spiegelbild

3. Jugendgeschichtstag 2009 an der Riehl-Schule Wiesbaden - ein Projekt der Jugendinitiative Spiegelbildein Projekt der Jugendinitiative Spiegelbild; © Jugendinitiaive Spiegelbild
"Spurensuche am Ball" 2010 - ein Projekt des Trägerkreises „Erinnerungskultur und Integration“, den die Jugendinitiative Spiegelbild mit ins Leben gerufen hat; © Jugendinitiaive Spiegelbild
Jugendinitiative Spiegelbild; © Jugendinitiaive Spiegelbild
Vorbereitung der Jugend-Guides für die Ausstellung "Anne Frank - Eine Geschichte für heute" 2010 - ein Projekt des Trägerkreises „Erinnerungskultur und Integration“; © Jugendinitiaive Spiegelbild
Projekt "1,2,3 ... heimisch" 2010 - ein Projekt der Jugendinitiative Spiegelbild; © Jugendinitiaive Spiegelbild