Ort:

Gersthofen, Bayern

Wer:

  • Die Webseite www.mietek-pemper.de ist ein Projekt, dass im Rahmen eines Wahlkurses Geschichte am Paul-Klee-Gymnasium in Gersthofen unter der Leitung von Dr. Bernhard Lehmann entstanden ist.  
  • Launch im Juli 2009, seither beständige Aktualisierungen
  • Finanzierung dieses und anderer Projekte durch Sponsoring, Fördergelder und Preisgelder
Was:

Auf der Webseite www.mietek-pemper.de dokumentieren Schülerinnen und Schüler des Paul-Klee-Gymnasiums unter der Leitung ihres Geschichtslehrers Dr. Bernhard Lehmann die Lebensgeschichte des am 7. Juni 2011 verstorbenen Mieczysław „Mietek“ Pempers, der während der NS-Zeit KZ-Häftling im Konzentrationslager Krakau-Płaszów war. Als persönlicher Schreiber des dortigen Kommandanten Amon Göth war er ein wichtiger Zeitzeuge und trug wesentlich dazu bei, dass über 1.200 jüdische Mithäftlinge als Oskar Schindlers Arbeitskräfte vor einer Ermordung gerettet werden konnten. Die Website bietet zudem Informationen zu Oskar Schindler und dem Massenmörder Amon Göth sowie zahlreiche Dokumente und Zeitzeugeninterviews.

Zeitzeugen 2.0

Internetseite Mietek Pemper

Geschichtsunterricht mit Projektarbeit zu verbinden – diesen Ansatz verfolgte der engagierte Lehrer Dr. Bernhard Lehmann in seinen Kursen am Paul-Klee-Gymnasium in Gersthofen schon seit vielen Jahren. Ein ganz besonderes Projekt fand 2009 seinen Höhepunkt in dem Launch einer Webseite: eine umfangreiche Dokumentation über den Zeitzeugen  Mieczysław „Mietek“ Pemper. Mit der Aufarbeitung seiner (Über-)Lebensgeschichte haben die am Projekt beteiligten Schülerinnen und Schüler einen wichtigen Beitrag zum Erinnern geleistet – zum Erinnern an einen Menschen, dessen Geschichte Steven Spielberg in seinem Filmdrama „Schindlers Liste“ verarbeitet hat.

„Ich habe meinen Schülern Geschichte immer konkret und praxisorientiert nahe bringen wollen“, sagt Lehmann – seit kurzem im Vorruhestand – über seine Zeit als Pädagoge. „Bei einem unserer früheren Projekte zu Zwangsarbeitern in Gersthofen, hat uns zum Beispiel die Frage interessiert, wie eine Stadt in der Gegenwart mit ihrer NS-Vergangenheit umgeht.“ Das war Ende der 1990er Jahre, und in diese Zeit fiel auch eine erste Begegnung mit Mietek Pemper. Der lebte – damals noch weitgehend unerkannt – in Augsburg und saß bei verschiedenen Benefiz-Veranstaltungen im Rahmen des Projekts und zugunsten der ehemaligen Zwangsarbeiter ebenfalls im Publikum. „Er kam danach auch gern mit den Künstlern ins Gespräch, die eingeladen waren“, so Lehmann, „Gerhart Polt zum Beispiel, Senta Berger oder Dieter Hildebrandt.“ Diese waren Lehmanns Einladung gern gefolgt – und der eine oder andere drängte Pemper immer wieder, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben. „Er hatte damals niemandem verraten, dass er längst damit beschäftigt war.“ Sie erschien 2005 unter dem Titel „Der rettende Weg: Schindlers Liste – die wahre Geschichte“ und sollte eine wichtige Grundlage werden für das Mietek-Pemper-Projekt am Paul-Klee-Gymnasium.

Die Vorgeschichte hierfür begann mit ersten Zeitzeugen-Besuchen Pempers an der Schule im Jahr 2000. Auch wenn zunächst andere, schon länger geplante Projekte für den Geschichtsunterricht im Vordergrund standen, war schnell klar, „dass die Schülerinnen und Schüler emotional berührt sind von Pempers Erzählungen“, so Lehmann. Jeder, der „Schindlers Liste“ gesehen hat, kennt die Geschichte von Itzhak Stern – meist jedoch ohne zu wissen, dass in die Gestaltung seiner Filmperson ganz wesentlich der Lebensweg Mietek Pempers eingeflossen ist. Dieser trug während der Zeit des Nationalsozialismus wesentlich dazu bei, dass das Zwangsarbeiterlager Plaszow 1943 nicht aufgelöst wurde, was den sicheren Tod all seiner Insassen bedeutet hätte. Stattdessen wurde es aufgrund „kriegsentscheidender“ Produktionskapazitäten in der Umgebung, darunter auch Oskar Schindlers nach Brünnlitz verlegte Fabrik, in ein Konzentrationslager umgewandelt. Für jene jüdischen Arbeitskräfte, die von Stern, Pemper und anderen auf Schindlers berühmte Liste gesetzt wurden und die damit unter seinem Schutz standen, bedeutete dies die Rettung.

Die konkrete Idee, über die Protagonisten dieser wahren Geschichte – mit Mietek Pemper im Zentrum als Zeitzeuge vor Ort – eine Internet-Dokumentation zu erstellen, entstand nach einer Begegnung Lehmanns mit Pempers Nichte während der Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Stadt Augsburg an ihren berühmtesten NS-Zeitzeugen. „Wie bei den vorangegangenen Projekten bot sich auch hier die Möglichkeit, das Fach Geschichte mit den neuen Medien zu verbinden“, begründet Lehmann die Entscheidung für ein Web-Projekt. Pemper selbst stand den Schülerinnen und Schülern zu Beginn des Projekts als Berater für ihre Recherchen zur Seite, musste sich aber aufgrund seines schlechter werdenden Gesundheitszustands nach und nach aus dieser Rolle zurückziehen. Auch dem nach langer Recherche- und Webgestaltungsarbeit erfolgten Launch der Webseite konnte er nicht beiwohnen. Der fand im Juli 2009 statt und wurde im Oktober desselben Jahres offiziell und feierlich in Augsburg begangen. Gefreut hat es Pemper dennoch – auch weil die Webseite ein ähnliches Ziel verfolgt wie seine Buchveröffentlichung: „Wir möchten damit auch einigen bestehenden Publikationen entgegentreten, die eine 'Entmystifizierung' Schindlers versuchen, also eine Schmälerung seines Beitrags zur Rettung vieler Juden“, so Lehmann.

Keine leichte Kost also, die dieses Projekt an die Schülerinnen und Schüler herangetragen hat – nicht nur thematisch. Denn Lehmanns Geschichtskurse verlangten den Schülerinnen und Schülern auch einiges an Engagement ab. Der Beliebtheit seiner Kurse tat das keinen Abbruch, im Gegenteil. Lehmann: „Die Nachfrage war groß.“ Und auch die Aufmerksamkeit von außen sei beachtlich: „Wir hatten rund um unsere Projekte immer ein großes Interesse auf Seiten der Presse, das war auch bei dem Mietek-Pemper-Projekt so.“ Doch nicht jeder findet gut und richtig, was Lehmann angestoßen hat. Es habe anonyme Beschimpfungen am Telefon gegeben, so der Pädagoge. Die Webseite wird dennoch weiter aktualisiert – zuletzt allerdings mit der traurigen Nachricht, das Mietek Pemper im Juni 2011 verstorben ist. „Er war ein wirklich bemerkenswerter Mensch mit einer großen Wahrhaftigkeit“, erinnert sich Lehmann an ihn. Es ist um seinetwillen, aber auch um des Engagements seiner ehemaligen Schülerinnen und Schüler, dass er sich noch etwas mehr Aufmerksamkeit für das Internetprojekt wünscht: „Es ist wichtig, solche Arbeiten von Schülern auch zu honorieren.“

05. August 2011

Foto: © Bernhard Lehmann

Launch der Webseite; © Andreas Lode
Mietek Pemper; © Bernhard Lehmann
Mietek Pemper bei der Verleihung des Josef-Felder-Preises an Schülerinnen und Schüler des Paul-Klee-Gymnasiums am 30. Januar 2004; © Bernhard Lehmann
Die Webseite www.mietek-pemper.de; © Bernhard Lehmann