Ort:

Rostock, Mecklenburg-Vorpommern

Wer:

  • Geschichtswerkstatt Rostock e. V.
  • 1995 gegründet von damals neun Historikerinnen und Historikern, Vertreterinnen und Vertretern angrenzender Wissenschafts- und Berufsbereiche und geschichtsinteressierten Laien
  • Neben den Eigenmitteln aus Beiträgen und Einnahmen vor allem Finanzierung aus Mitteln der Hansestadt Rostock und des Landes sowie aus anderen Fördergeldern (z. B. LAG Soziokultur, Bundesprogramme)
Was:

Die Geschichtswerkstatt Rostock organisiert – meist gemeinsam mit Partnerorganisationen – Veranstaltungen, Ausstellungen und Führungen zum Thema Regionalgeschichte in Rostock und Mecklenburg-Vorpommern. Ihre Mitglieder betreuen zudem als Stadtgeschichtliche Begegnungsstätte das Kröpeliner Tor und geben die Zeitschrift „Zeitgeschichte regional. Mitteilungen aus Mecklenburg-Vorpommern“ heraus.

Geschichte(n) in der Region

Geschichtswerkstatt Rostock e. V.

Als Mitte der 1990er Jahre die Bewegung einer „Geschichte von unten“ längst weite Kreise gezogen hatte, war Rostock auf der Landkarte der Geschichtswerkstätten noch nicht verzeichnet. Eine kleine Gruppe engagierter Historiker und geschichtsinteressierter Bürger wollte dies ändern – mit Erfolg. Heute ist die Geschichtswerkstatt Rostock seit mehr als 15 Jahren fester Bestandteil eines gewachsenen Netzes an Vereinen, Initiativen und Institutionen rund um das Thema Regionalgeschichte im Raum Mecklenburg-Vorpommern. Der Brückenschlag zwischen akademischer Forschung und historischer Bildung jenseits der Universität ist dabei stets Programm.


„Das Ganze ist sozusagen auf dem Sofa entstanden“, beschreibt Mathias Rautenberg, Vorstands- und Gründungsmitglied der Geschichtswerkstatt Rostock, die Anfänge der Initiative. Man kannte sich untereinander – privat oder aus dem beruflichen Umfeld. „Die Motivation dahinter war, dem Thema Stadt- und Regionalgeschichte im Raum Rostock ein Forum zu geben“, so Rautenberg. „Ausgebildeten Historikern in den verschiedenen Berufsbereichen wollten wir damit genauso ein Angebot machen wie interessierten Laien.“ Im Zentrum stand und steht dabei – wie in allen Geschichtswerkstätten – lokale Alltagsgeschichte: Wie haben ganz konkrete Menschen an ganz konkreten Orten gelebt und gearbeitet? Was hat sie bewegt und wofür haben sie sich eingesetzt, zum Beispiel auch politisch? „Geschichte von unten“ also, „erzählte Geschichte“ und die Geschichte der „kleinen Leute“ – wer sich mit ihr beschäftigt, versteht Geschichtsarbeit auch und vor allem als kritische und basisdemokratische Bildungsarbeit.

Die erhielt nach dem Prozess der Wiedervereinigung neue Impulse für Fragen, die in der Biografieforschung, der Arbeiter-, Frauen- oder Sozialgeschichte auch zuvor eine wichtige Rolle gespielt hatten: Wie haben sich Menschen angepasst oder Widerstand geleistet, wofür oder wogegen haben sie sich engagiert, wie haben sie gesellschaftliche Veränderungen verhindert oder herbeigeführt und wie sind sie mit Unterdrückung und Verfolgung umgegangen? Zu Antworten auf diese und andere Fragen trägt die Geschichtswerkstatt Rostock mit Ausstellungen, Führungen oder Vorträgen bei – meist gemeinsam mit anderen Einrichtungen und Initiativen. Zu ihren wichtigsten Aktivitäten zählt die Herausgabe der halbjährlich erscheinenden Zeitschrift „Zeitgeschichte regional. Mitteilungen aus Mecklenburg-Vorpommern“ – die sich dem großen Erfolg des ersten Projekts der frisch aus der Taufe gehobenen Geschichtswerkstatt verdankt, einer 1996 initiierten Tagung zum Thema Zeitgeschichte in Mecklenburg-Vorpommern. Rautenberg: „Die Veranstaltung hatte gezeigt, wie groß das Interesse und der Bedarf waren, sich mit diesem Gegenstand auseinanderzusetzen und sich zu vernetzen. Es gab da eine erhebliche Lücke. Wir hatten im Anschluss eine Tagungsbroschüre herausgegeben, und da die Diskussion damit angestoßen war, suchten wir nach Wegen, das als Zeitschrift zu fortzuführen.“

Das Kultusministerium gab die notwendige Unterstützung, und 1997 konnte die erste Ausgabe erscheinen. Seither berichten die Beitragenden – darunter laut Rautenberg „Historiker, Mitarbeiter in der Denkmalpflege oder in Bildungseinrichtungen und Projekten, aber auch Journalisten, Rechtsanwälte oder andere ,Berufsferne', die sich einfach in bestimmte Themengebiete eingearbeitet haben“ – über Geschichte und Geschichten aus der Region. Dazu gehören unter anderem aktuelle Forschungsergebnisse, Tagungen, Neuerscheinungen sowie Projekte der Geschichts- und Bildungsarbeit in Museen, Vereinen und Schulen. „Der Aspekt der Diskussionsplattform ist noch ausbaufähig. Aber als Informationsmedium hat sich die Zeitschrift gut etabliert. Unsere Leserinnen und Leser decken eine große Bandbreite ab, von Fachkollegen, über Pädagogen und angrenzende Berufe bis hin Menschen, die sich einfach für die Themen interessieren“, so Rautenberg, der gemeinsam mit zehn Kolleginnen und Kollegen die Redaktion bildet. Nicht immer ist der Verständigungsprozess zwischen Profis und Laien in Sachen Geschichte problemlos: „Die Bedürfnisse können durchaus unterschiedlich sein“, weiß der Redakteur, etwa wenn – aus wissenschaftlicher Perspektive – einem rein beschreibenden Text analytische Kriterien fehlten. Andere Probleme sind rein organisatorischer Art: „Zeit ist immer ein Problem, wir machen diese Arbeit ja neben den zahlreichen anderen Verpflichtungen innerhalb und außerhalb der Geschichtswerkstatt, die jeder von uns hat.“

Zu denen zählt nicht zuletzt die Betreuung des stadtgeschichtlichen Begegnungszentrums im Kröpeliner Tor: „Das war ein Angebot der Hansestadt Rostock an uns“, berichtet Rautenberg, „dass wir dieses Zentrum betreiben. Wir haben das sehr gern übernommen, da wir uns hier zum Thema Alltagsgeschichte intensiv ausleben können.“ Der aus dem 13. Jahrhundert stammenden Bau gilt als das schönste Stadttor Rostocks und beherbergt eine Dauerausstellung über die Geschichte des Tores sowie die Rostocker Stadtbefestigungsanlagen. Daneben werden regelmäßig Sonderausstellungen gezeigt – darunter Wanderausstellungen anderer Museen oder Vereine und auch selbst initiierte Projekte. Die Bandbreite reicht von Fotografie-Ausstellungen über Stadt und Region bis zu brisanten Themen wie aktuell „Ein schwieriges Kapitel deutscher Geschichte. Das Landesamt zur Regelung offener Vermögensfragen 1991-2010“. Rautenberg: „Der Besucherstrom ist in den letzten Jahren deutlich größer geworden, seit die klassische Touristenroute nicht mehr direkt von Warnemünde nach Berlin führt, sondern die Stadt Rostock als Ziel ebenfalls interessant geworden ist.“ Das Interesse gilt nicht nur den Ausstellungen, sondern auch den zahlreichen anderen Angeboten, darunter die Veranstaltungsreihe „Geschichtssalon“, Senioren-Nachmittage oder stadtgeschichtliche Führungen zu Themen wie Industriegeschichte, Protestkultur oder Brauerei-Geschichte. Eine breite Palette – an der nicht nur viele Partner mitwirken, sondern die auch in die Stadt und das Bundesland hinaus strahlt. „Die Geschichtswerkstatt Rostock ist hier in der Stadt und speziell in der Kröpeliner-Tor-Vorstadt ein wichtiger Moderator geworden zwischen der Stadt,  Unternehmen, Einrichtungen, Schulen, Kitas, wenn es um Fragen der Verortung und Vernetzung geht“, stellt Rautenberg fest. Eine gewachsene – und gelebte – demokratische Diskussionskultur. Dass dies so bleibt, ist für alle Beteiligten ein wichtiges Ziel für die Zukunft.

03.11.2011

Foto: Geschichtswerkstatt Rostock

Das Kröpeliner Tor mit der durch die Geschichtswerstatt Rostock betreuten stadtgeschichtlichen Begegnungsstätte; © Geschichtswerkstatt Rostock
Stadtteilfest "blaumachen" in der Kröpeliner-Tor-Vorstadt 2004; © Geschichtswerkstatt Rostock
Stadtrundgang der Geschichtswerkstatt Rostock; © Geschichtswerkstatt Rostock
Innenansicht des Kröpeliner Tors; © Geschichtswerkstatt Rostock
Zeitgeschichte regional. Mitteilungen aus Mecklenburg-Vorpommern (im Bild 14. Jahrgang 2010, Heft 2); © Geschichtswerkstatt Rostock
Jährliche Vereinsfahrt der Geschichtswerkstatt Rostock; © Geschichtswerkstatt Rostock