Ort:

Mölln, Schleswig-Holstein

Wer:

  • Jugendtheater-Projekt „Mölln nach Mölln“ des Vereins „Miteinander Leben“ e.V.
  • Projektleitung: Nadeshda Gerdt und Annika Goos
  • Erarbeitung eines Theaterstücks mit zwölf Jugendlichen über die Brandanschläge von Mölln 1992
Was:

Im Rahmen des Projekts „Mölln nach Mölln“ haben Jugendliche ein Jahr lang – zwischen Dezember 2009 und November 2010 – unter der Leitung von zwei Theaterpädagoginnen ein Bühnenstück erarbeitet, das die Brandanschläge auf zwei von türkischen Familien bewohnten Häusern 1992 in Mölln thematisiert. Aus diesem Projekt ist das Theaterstück „Brandmal“ hervorgegangen, das seit Dezember 2010 vor allem in Schulen aufgeführt wird.

Erinnern an Mölln – nach Mölln

"Mölln nach Mölln"

Wer heute 18 Jahre alt oder noch jünger ist, weiß um die rechtsextrem motivierten tödlichen Anschläge von 1992 im schleswig-holsteinischen Mölln nur aus den Erzählungen Anderer. Das gilt auch für jene Jugendlichen, die hier zu Hause sind – in der Kleinstadt, in der vor fast 20 Jahren die Häuser zweier türkischer Familien brannten. Wie kann für sie erfahrbar werden, was damals die Öffentlichkeit erschütterte? Ein Jugendtheater-Projekt des Vereins „Miteinander leben e. V.“ gab ihnen die Möglichkeit, es herauszufinden.

„Das war für alle Beteiligten eine sehr persönliche Spurensuche“ beschreibt Nadeshda Gerdt das Projekt „Mölln nach Mölln“, das sie als Theaterpädagogin zusammen mit ihrer Kollegin Annika Goos leitete. Die Idee dazu stammt vom Vorsitzenden des Vereins „Miteinander leben“, Mark Sauer: „Er sprach mich auf einer Konferenz an“, so Gerdt, „und erzählte von seinem Plan: Junge Leute sollten sich mit den Mitteln des Theaters mit den Anschlägen auseinandersetzen. Ich war sofort begeistert.“ Denn wo ritualisiertes Erinnern gerade bei jungen Menschen seine Wirkung verfehlen kann, ermöglicht die Erfahrung auf – und hinter – der Bühne persönliche Einblicke. „Die Jungen und Mädchen haben nicht nur geschauspielert, sondern unter unserer Anleitung das ganze Stück selbst entwickelt.“

Dafür hieß es zunächst, in die Erinnerungen anderer einzutauchen – bei Verwandten, bei Freunden oder Nachbarn. „Vor allem die Familiengeschichten der Jugendlichen waren die Grundlage für das Stück. Und in manchen Familien wurde auf diesem Weg dann tatsächlich zum ersten Mal überhaupt darüber gesprochen, wie man das damals erlebt hat“, weiß die Pädagogin zu berichten. Zwölf junge Leute aus deutschen und türkischen Familien waren es zunächst, die dem Aufruf von „Miteinander leben“ gefolgt waren – um gemeinsam Zugänge zu entwickeln zu den Geschehnissen, die drei Todesopfer und viele Verletzte gefordert hatten. Ein Thema, das keine leichte Kost ist. Nadeshda Gerdt: „Sehr beeindruckend für die Jugendlichen war auch der Besuch eines Zeitzeugen bei uns im Projekt. Der war damals 24 Jahre alt und hatte eines seiner Kinder aus dem dritten Stock durch das Fenster nach draußen bringen und so retten müssen.“

Aus Begegnungen wie diesen und Gesprächen in den Familien entstand schließlich die fiktive – und doch ganz reale – Geschichte von Hanna, die in ihrer Freizeit mit einer rechten Clique unterwegs ist.  Als sie auf Ibo trifft, lernt sie die Welt derer kennen, gegen die sich der Hass ihrer alten Freunde richtet. Ihre rassistischen Einstellungen stoßen in Ibos Umfeld auf wenig Verständnis, und so kommt es erst zu Demütigungen und Streit – und dann zu einer folgenschweren Entscheidung. „Brandmal“ heißt die Geschichte, die fünf der am Projekt beteiligten Jungdarstellerinnen und -darsteller am Ende zur Bühnenreife gebracht haben. Dazu gehörte voller Einsatz auch hinter den Kulissen, wie Gerdt beschreibt: „Beim Bühnenbild und der Requisite haben wir mit minimalen Mitteln gearbeitet. Aber wir brauchten eine richtige Probebühne und Unterstützung im technischen Bereich, beim Licht zum Beispiel. Und beides haben wir von der Gesamtschule Mölln und der dortigen Technik-AG bekommen.“

Die Premiere fand am 30. November 2010 dann auch genau dort statt, seither folgten öffentliche Auftritte in anderen Schulen und sogar beim Jugendkongress "Gegen Extremismus – für Toleranz und Vielfalt" in Salzgitter im April 2011. „Der Erfolg war jedes Mal groß“, so Nadeshda Gerdt. „Bei der Uraufführung sind leider einige Gäste, die extra anreisen wollten, im Schneesturm stecken geblieben. Aber es wurde trotzdem sehr voll, wie bei den folgenden Vorstellungen auch.“ Die Buchungen von weiteren Schulen, auch über Mölln hinaus, halten an. Auch für die Stadt Mölln entfaltet das Stück damit einige Wirkung – auch wenn die Möllner selbst mit konkreten Reaktionen eher zurückhaltend ist: „Ich hätte mit mehr Nachfragen aus der Bevölkerung gerechnet“, so Gerdt.

Keine „Nachfragen“ kamen nach ihrer Beobachtung bislang auch aus einer anderen Ecke: „Ich komme  aus dem Alltagsrassismus-Beratungsumfeld und weiß daher, dass es in Ratzeburg eine sehr aktive rechtsextreme Szene gibt. Wir haben natürlich damit gerechnet, dass da was kommt an Gegenreaktionen. Aber bislang ist das nicht der Fall.“ Dass das so bleibt, ist dem Stück ebenso zu wünschen, wie noch eine lange weitere Reihe von „Brandmal“-Aufführungen.

04.05.2011

Foto: © Jens Butz

Die Darstellerinnen und Darsteller des Stücks "Brandmal"; © Jens Butz
"Brandmal"; © Jens Butz
"Brandmal"; © Jens Butz
"Brandmal"; © Jens Butz
"Brandmal"; © Jens Butz
"Brandmal"; © Jens Butz