Ort:

Tostedt, Niedersachsen

Wer:

  • Forum für Zivilcourage
  • als Bürgerinitiative gegründet 1998, Vereinsgründung 2013
  • ca. 15 Aktive, bei besonderen Veranstaltungen wie Festen oder Demonstrationen rund 30 Helferinnen und Helfer
  • Finanzierung durch Spenden und Fördergelder, darunter Mittel der Richtlinie Demokratie und Toleranz des Landes Niedersachsen
Was:

Das Tostedter Forum für Zivilcourage setzt sich mit Präventionsprojekten in Schulen sowie mit Bürgerfesten für ein demokratisches und tolerantes Miteinander in Tostedt ein.

Mit langem Atem und Courage

Forum für Zivilcourage

Ende der 1990er Jahre gehören Skinheads zum Bild des Tostedter Ortszentrums. Als eine junge Frau von Rechtsextremen durch die Straßen gejagt wird und sich mit einem Sprung durch eine Scheibe zu retten versucht, werden Lehrer und Eltern einer Tostedter Schule aktiv. Aus einem lockeren Gesprächskreis wird bald eine engagierte Bürgerinitiative. Seither hat das Forum für Zivilcourage Tostedt viel versucht – und viel erreicht.

„Das waren hier Zustände wie in einer Westernstadt – die Skinheads wollten durch demonstrative Präsenz im Ort klarmachen, wer hier ihrer Meinung nach das Sagen hat“, erinnert sich Uli Grass an die Situation vor gut 15 Jahren. Jugendliche mit Migrationshintergrund hätten zentrale Plätze zunehmend gemieden – als unerträglich habe nicht nur er das empfunden. Nach einer Hetzjagd, der eine junge Frau nur mit schweren Verletzungen entkam, wurde das Thema immer dringlicher: „Wir wollten möglichst viel Öffentlichkeit für den Fall schaffen, damit die Täter nicht davonkommen“, so der Lehrer und Mitinitiator des Gesprächskreises. Die Verantwortlichen konnten nicht ermittelt werden, die Unzufriedenheit war groß, und den Mitgliedern der Eltern-Lehrer-Runde war klar: So kann und soll es nicht weitergehen.

Der Kreis wurde größer und ab 1998 zu einer festen Einrichtung. Schon bald stand nicht nur zur Diskussion, wogegen man sich konkret wenden wolle, sondern auch, wofür es sich einzusetzen gelte. Grass: „Das war ein langer Klärungsprozess, bei dem wir viele mitnehmen konnten.“ Einige sprangen ab, weil ihnen die Ziele nicht radikal genug waren, andere, weil sie ihnen nicht konservativ genug erschienen. Aber viele blieben, so Grass. „Progressiv-bürgerlich würde ich unser Spektrum beschreiben, darunter Lehrer, Vertreter aus den Kirchen, von der Polizei und aus verschiedenen Einrichtungen und natürlich ganz normale Bürgerinnen und Bürger.“

Zu Beginn sei es nicht so einfach gewesen, eine breite Öffentlichkeit und die Lokalpolitik davon zu überzeugen, dass man gegen rechts und für Zivilcourage gemeinsam und sichtbar an einem Strang ziehen müsse. „Inzwischen haben wir großen Zuspruch und viel Unterstützung für unsere Arbeit“, so Grass. Eine wichtige Rolle spielen hierbei die drei weiterführenden Schulen in Tostedt – hier hatte schon der Gesprächskreis seinen Ausgang genommen und hier finden in Zusammenarbeit mit rund zehn engagierten Lehrerinnen und Lehrern auch viele Projekte mit Schülerinnen und Schüler statt. „Das nimmt ganz unterschiedliche Formen an, Zeitzeugen-Begegnungen, Theater-Projekte, Ausstellungen“, berichtet Grass. Und ergänzt nicht ohne Stolz, dass inzwischen alle drei Schulen sogenannte Schulen ohne Rassismus – Schulen mit Courage sind. Schulen mit diesem Siegel verpflichten sich, sich mit regelmäßigen Aktionen und Projekten für Vielfalt und Toleranz einzusetzen – wichtige Signale, die über die Schülerinnen und Schüler hinaus in die Kleinstadt hineinwirken.

„Die Zusammenarbeit mit Schulen und die dortige Präventionsarbeit ist tatsächlich einer unserer beiden Schwerpunkte“, so Grass. Ein weiterer Fokus liegt auf Bürgerfesten, die in Tostedt inzwischen viermal stattgefunden haben. „Wir möchten damit auch zeigen, dass wir Bürger entgegen der Presse, die Tostedt lange Zeit als Nazi-Kaff einsortiert hat, gegen braune Umtriebe Widerstand leisten, weltoffen sind und andere Menschen willkommen heißen.“ Zu den Festen mit internationalem Buffet lädt das Forum für Zivilcourage gezielt auch Mitbürgerinnen und Mitbürger mit Migrationshintergrund ein, zusammen mit anderen Tostedter Initiativen.

Dass die Bürgerinnen und Bürger der kleinen Stadt bei Hamburg Gesicht zeigen, beweisen auch die rund tausend Teilnehmenden an der Demonstration „Tostedt gegen rechts“ im Februar 2012 – eine bemerkenswert hohe Zahl angesichts von rund 20.000 Einwohnern in der Samtgemeinde. „Anlass war der Freispruch in dritter Instanz für den Betreiber eines örtlichen rechten Szene-Ladens, der auch als Treffpunkt und Anwerbeort für Jugendliche funktionierte“, erklärt Grass. Der Laden ist mittlerweile geschlossen, vor allem wegen des großen öffentlichen Drucks. „Letzteres ist gut für uns, aber der Freispruch des Oberlandesgerichts, nachdem in zwei Instanzen bereits eine Verurteilung erfolgt war, war natürlich ein herber Schlag und für uns unverständlich.“

Grass und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter sind dennoch zuversichtlich, dass sie gemeinsam mit anderen Initiativen, Einrichtungen und der Gemeinde stabile Strukturen geschaffen haben, um sich gegen Neonazis zu wehren. Grass: „Inzwischen haben wir einen Präventionsrat, die lokale Politik quer durch alle Parteien zieht inzwischen mit uns an einem Strang und die Kirchen stehen hinter unserer Arbeit.“ Drohungen und Provokationen aus der rechten Szene gibt es immer mal wieder, auch gegen engagierte Jugendliche, „aber nicht zuletzt die starke Präsenz der Polizei hier vor Ort gibt uns da ein gutes Gefühl, die ist auch mit im Forum vertreten.“

Seit rund 15 Jahren besteht das Bündnis inzwischen, und 2013 wurde zusätzlich ein Verein gegründet, der die Arbeit des Forums unterstützt. „Wir werden langsam älter“, so Grass lachend. Nachwuchs-Probleme hat die Initiative jedoch keine, auch wenn Jugendliche sich eher aktionsbezogen denn als feste Mitglieder einbringen. Aus ihren Reihen kam auch ein Vorschlag zu einem neuen künftigen Themenfeld des Forums: „In naher Zukunft werden voraussichtlich in Tostedt oder einer der Nachbargemeinden Asylbewerber untergebracht werden“, so Grass. „Wir planen verschiedene Aktionen, sie herzlich willkommen zu heißen.“ Ein gemeinsames Fußballspiel, so lautet die Idee von Tostedter Schülerinnen und Schülern dazu. „Ich finde die Idee witzig“, so Grass. „Warum nicht? Fußball verbindet.“

Darüber hinaus ist geplant, das Thema Asyl an den Schulen verstärkt einzubringen, den örtlichen Treffpunkt von und für Frauen mit Migrationshintergrund zu unterstützen und die neuen Nachbarinnen und Nachbarn in die Bürgerfeste einzubeziehen. „Wir möchten diesen Menschen von Anfang an helfen, sich hier zu Hause zu fühlen.“ Dafür ist dem Forum und der ganzen Gemeinde aller Erfolg zu wünschen. Grass selbst ist nach vielen Jahren Engagement überzeugt: „Ein langer Atem lohnt sich. Wer sich einbringt, erlebt auch Enttäuschungen, aber wenn man durchhält, ändert sich am Ende auch etwas.“ In Tostedt hat sich bereits vieles geändert, und die Reise ist noch nicht zu Ende.

06. Dezember 2013

Foto: Forum für Zivilcourage Tostedt

Luftballon-Aktion - "Bunt, laut, lecker - Für Mut und Toleranz" am 24.08.2013 im Rahmen der Töster Kulturtage; © Forum für Zivilcourage Tostedt
House of Tolerance - "Bunt, laut, lecker - Für Mut und Toleranz" am 24.08.2013 im Rahmen der Töster Kulturtage; © Forum für Zivilcourage Tostedt
Infostand des Forums für Zivilcourage - "Bunt, laut, lecker - Für Mut und Toleranz" am 24.08.2013 im Rahmen der Töster Kulturtage; © Forum für Zivilcourage Tostedt
Internationales Buffet - "Bunt, laut, lecker - Für Mut und Toleranz" am 24.08.2013 im Rahmen der Töster Kulturtage; © Forum für Zivilcourage Tostedt