Ort:

Liebenau, Niedersachsen

Wer:

  • Dokumentationsstelle Pulverfabrik Liebenau e. V. und Junge Arbeitsgemeinschaft der Dokumentationsstelle
  • Verein in der Trägerschaft der Samtgemeinde Liebenau
  • gegründet im Mai 1999
Was:

Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, die Geschichte der NS-Zwangsarbeit in der ehemaligen Pulverfabrik in Liebenau und Steyerberg zu erforschen und zu dokumentieren. Die Ergebnisse sollen künftig in eine Gedenkstätte überführt werden. Die Junge Arbeitsgemeinschaft der Dokumentationsstelle als eigene Gruppe innerhalb des Vereins unterstützt die Arbeit des Vereins mit eigenen Aktivitäten und Beiträgen.

Eine Region stellt sich ihrer Vergangenheit

Dokumentationsstelle Pulverfabrik Liebenau e. V.

Geheimnisse umwitterten lange Zeit ein stillgelegtes Fabrikgelände im Niedersächsischen – bis zu einem Zusammentreffen mit einer ehemaligen Zwangsarbeiterin. Für den Sozialarbeiter Martin Guse, etliche Bürger der Gemeinden Liebenau und Steyerberg und eine Gruppe junger Menschen begann damit die Spurensuche.

Katerina Derewjanko besuchte uns 1998. Sie hatte uns über ein anderes Projekt gefunden, war auch sofort von der Samtgemeinde eingeladen worden und erzählte von ihrem Leben als Zwangsarbeiterin in der Pulverfabrik Liebenau. Bis dahin wusste hier ja kaum jemand etwas Genaues über die Geschichte der Anlage im Nationalsozialismus.“ Martin Guse, der sich in der Region aktiv in der Bildungs-, Kultur- und Sozialarbeit engagiert, wurde mit seinem breiten Hintergrundwissen für das Thema Nationalsozialismus zum Ansprechpartner für die Stadträte der Gemeinden Liebenau und Steyerberg. Das Anliegen: „Wir wollen hier unbedingt eine Dokumentationsstelle haben. Können Sie das mit uns auf den Weg bringen?“

Keine leichte Aufgabe. Die nach dem Zweiten Weltkrieg teils militärische, teils rüstungsindustrielle Nutzung des Geländes und die für diesen Bereich üblichen Informationssperren waren der Grund dafür gewesen, dass lange Zeit kaum jemand etwas wusste von Lagerhaft und Zwangsarbeit, von dem Tod von rund 2.000 Menschen, die hier Hunger, Misshandlungen und Hinrichtungen zum Opfer fielen. Das sollte sich nun ändern – der politische Wille dafür war ebenso da wie eine lokale Öffentlichkeit, die das Vorhaben unterstützte – ist die Anlage mit über 400 erhaltenen Produktionsgebäuden doch ein einzigartiges Monument nationalsozialistischer Terrorherrschaft.

Auf die Gründung des Vereins „Dokumentationsstelle Pulverfabrik Liebenau e. V.“ im Mai 1999 folgten erste Forschungen eines Historikerteams, finanziert aus Mitteln des Landes Niedersachsen. „Das ist eine wichtige und Basis gebende Arbeit, aber mir dauert das zu lange, bis das dann in den Schulbüchern steht und auch junge Leute davon hören. Ich wollte, dass die Jugendlichen aus der Region gleich und von Anfang an beteiligt sind“, so Guse. Die waren längst darauf aufmerksam geworden, das etwas vorging in Liebenau und dass es Spannendes zu sehen gab auf dem weitläufigen Areal. Die Führung, um die die jungen Leute baten, hatte Guse bald organisiert – das Interesse, mehr zu erfahren, war geweckt.

Den Durchbruch brachte hier ein weiterer Besuch ehemaliger Zwangsarbeiter mit Gesprächen und Workshops: für alle vor Ort eine einmalige Erfahrung – und besonders für die jungen Leute, die einige Skepsis hatten, „ob die überhaupt mit uns als Deutschen reden wollen“. Sie wollten, und so entstand in der Folge die Junge Arbeitsgemeinschaft Pulverfabrik Liebenau, „eine tolle Truppe ganz unterschiedlicher Jugendlicher und jung Gebliebener, die mit eigenen Recherchen, Zeitzeugeninterviews und Ausstellungen zur Vereinsarbeit beitragen“, so Guse.

Unter den Mitgliedern der Jungen AG sind Schüler von Förderschulen und Gymnasien, mit oder ohne Behinderung und mit unterschiedlichen sozialen, kulturellen und ethnischen Hintergründen. Das freut Guse, der die jungen Leute betreut, ganz besonders: „Das ist gelebte Integration, die wir hier umsetzen. Einfach toll.“ Man war bereits gemeinsam in der Ukraine zum Austausch mit Schülern aus denjenigen Regionen, aus denen Zwangsarbeiter nach Liebenau gebracht worden waren – die Kontakte zu den inzwischen sechs Partnerschulen stellte Guse über eine ukrainische Zwangsarbeiterstiftung her. Auch die Gegenbesuche sind jedes Mal ein Ereignis: „Da sind viele Freundschaften entstanden.“

Inzwischen nimmt ein großer Teil der Region Anteil an der Arbeit des Vereins – sei es als ideelle oder finanzielle Unterstützer oder als aktive Mitglieder, die Führungen auf dem Gelände anbieten, Öffentlichkeitsarbeit machen und an Publikationen mitwirken, sei es als Gastgeber der zahlreichen Treffen der Initiative oder für die jungen Besucher aus der Ukraine. Die Dokumentationsstelle selbst als Ort – das sind bislang noch das private Wohnhaus von Martin Guse mit Büro, Lese- und Studierzimmer nebst Teeküche sowie Räumlichkeiten in einer Schule am Rand des Fabrikgeländes. Im Hof der Schule pflanzte Katerina Derewjanko bei einem erneuten Besuch in 2001 einen Friedensbaum. Schüler der örtlichen Hauptschule erfuhren davon und gestalteten drum herum – gemeinsam mit dem Berufs-Integrationsprojekt der Jugendwerkstatt Nienburg/Lemke – einen Friedensplatz mit Flaggen aus den Heimatländern der vor Ort getöteten Zwangsarbeiter. „Wir wollen, dass hier wirklich jeder mit seinen persönlichen Fähigkeiten und Interessen mitwirken kann, wenn er oder sie das möchte“, so Guse.

Für die Zukunft stehen vor allem Antragstellungen für Mittelbeschaffung und Planungsarbeiten auf dem Programm – damit das bereits bestehende Konzept für die künftige Gedenk- und Bildungsstätte realisiert werden kann. All das bedeutet viel Arbeit und Zeit, und es gibt auch Rückschläge. So hat sich die Gemeinde Steyerberg nach einem politischen Kurswechsel inzwischen aus dem Konsens zurückgezogen. Aber: „Es sieht gut aus mit den Planungen. Wir können wohl mit Förderung und einem Baubeginn in 2012 oder 2013 rechnen.“ Die Etablierung einer „richtigen“ Dokumentationsstelle scheint also nur noch eine Frage der Zeit zu sein – als gelebtes Engagement ist sie längst vorhanden.

05.01.2011

Foto: Archiv Dokumentationsstelle Pulverfabrik

Junge Arbeitsgemeinschaft Dokumentationsstelle Pulverfabrik; © Archiv Dokumentationsstelle Pulverfabrik
Straße zum Trockenbunker auf dem Gelände der ehemaligen Pulverfabrik; © Archiv Dokumentationsstelle Pulverfabrik
Bunkerzugang auf dem Gelände der ehemaligen Pulverfabrik; © Archiv Dokumentationsstelle Pulverfabrik
Produktionsgebäude auf dem Gelände der ehemaligen Pulverfabrik; © Archiv Dokumentationsstelle Pulverfabrik
Das "Ostarbeiterlager" Steyerberg in einer zeitgenössischen Aufnahme; © Archiv SG Liebenau
Foto aus der Zwangsarbeiterkartei der Samtgemeinde Liebenau; © Archiv SG Liebenau
Pieter Koop - obere Reihe, dritter von rechts - war einer von mehr als 11.000 Fremd- und Zwangsarbeitern in Liebenau. © Archiv SG Liebenau
Kranzniederlegung zu Ehren der ca. 2.000 in Liebenau durch Erschöpfung, Folter oder Ermordung zu Tode gekommenen Zwangsarbeiter; © Archiv Dokumentationsstelle Pulverfabrik