Ort:

Wildau, Brandenburg

Wer:

  • Ausstellungs-Projekt des Gymnasiums Villa Elisabeth in Wildau im Rahmen eines Kooperationsvertrags zwischen der Schule und der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum
  • Teilnehmende waren insgesamt 25 Schülerinnen und Schüler der Sek. II des Gymnasiums Villa Elisabeth gemeinsam mit ihrem Lehrer Dr. Jochen Fleischhacker
  • Finanzierung aus Projektfördergeldern, Sponsoring und Spenden
Was:

Die Wanderausstellung „Marie Jalowicz (1922-1998). Ich musste in die ‚Illegalität'. Eine Jüdin im Untergrund und ihre Helfer" ist das Ergebnis eines 2006 begonnenen Projekts des Gymnasiums Villa Elisabeth. Insgesamt 25 Schülerinnen und Schüler haben im Rahmen einer freiwilligen Arbeitsgemeinschaft über einen Zeitraum von drei Jahren Recherchen über das Leben von Marie Jalowicz, verh. Simon zusammengetragen, die sich als Jüdin während der Zeit des Nationalsozialismus im Untergrund verstecken musste. Die Ausstellung wurde am 15.02.2011 unter der Schirmherrschaft von Cornelia Schmalz-Jacobsen im Gymnasium Villa Elisabeth eröffnet und war bislang an verschiedenen Orten in der Region zu sehen, darunter in anderen Schulen und Seniorenheimen.

Im Untergrund

Ausstellung Marie Jalowicz - Eine Jüdin im Untergrund

Als die jüdische Zwangsarbeiterin Marie Jalowicz im Spätsommer 1941 untertauchte, war die 20-Jährige auf der Flucht vor der Deportation und Vernichtung durch die Nationalsozialisten. Ihr damaliges Schicksal beschäftigt heute die Schülerinnen und Schüler einer Arbeitsgemeinschaft des Gymnasiums Villa Elisabeth: Mehr als drei Jahre lang haben sie gemeinsam mit ihrem Lehrer Dr. Jochen Fleischhacker die Mosaiksteine eines Lebens im Versteck zusammengetragen und daraus die Ausstellung „Marie Jalowicz (1922-1998). Ich musste in die ‚Illegalität'. Eine Jüdin im Untergrund und ihre Helfer" gemacht.


„Es ist den Jugendlichen sehr nah gegangen, als sie durch Zeitzeugen-Interviews und Tondokumente zum ersten mal ganz direkt mit dem Thema ,Juden im Untergrund' konfrontiert waren“, erinnert sich Fleischhacker an einen gemeinsamen Besuch in der Berliner Gedenkstätte „Stille Helden“. Der Pädagoge, der am Gymnasium Villa Elisabeth Geschichte, Politik und Wirtschaftswissenschaften unterrichtet, beschreibt damit eine der frühen Stationen eines Projekts, das über einen Zeitraum von mehreren Jahren rund zwei Dutzend Teenager zu fesseln vermochte. „Nicht alle konnten bis zum Schluss dabei bleiben, viele haben ja inzwischen ihr Abitur gemacht und die Schule verlassen“, so Fleischhacker. Sie alle aber haben aus der gemeinsamen Arbeit mehr als nur abstraktes Wissen über jüdisches Leben  im Untergrund während der nationalsozialistischen Diktatur mitgenommen. Durch die Beschäftigung mit einer konkreten Biografie konnten sie hier vielmehr tiefe und durch die persönlichen Schicksale anschauliche Einblicke gewinnen.

Begonnen hatte diese Reise in die Vergangenheit im Oktober 2006, als das Gymnasium Villa Elisabeth mit der Stiftung Neue Synagoge – Centrum Judaicum einen Kooperationsvertrag einging. Fleischhacker: „Wir wollten uns im Unterricht stärker mit der Geschichte und Gegenwart jüdischen Lebens in Deutschland beschäftigen, und das Centrum Judaicum bot uns dabei Unterstützung an, zum Beispiel durch Materialien, Filmvorführungen oder Gespräche mit Zeitzeugen.“ Die Unterzeichnung des Vertrags durch Schulleiterin Dr. Sabine von Platen und den Direktor der Stiftung Dr. Hermann Simon war ein feierlicher Akt – und auch in anderer Hinsicht denkwürdig. Denn Simons 1998 verstorbene Mutter Marie Jalowicz hielt sich von 1941 bis zum Kriegsende unter anderem im nahen Zeuthen vor den Nazis versteckt – eine sehr persönliche Erinnerung, die Simon im Rahmen des Festakts reflektierte. Das Interesse der Jugendlichen, so Fleischhacker, war bald geweckt: „Es gibt ja nicht sehr viel Literatur über das Leben von Juden im Untergrund während des Nationalsozialismus.“ Und hier bot sich nun die Möglichkeit, in unmittelbarer Nachbarschaft den Spuren eines solchen Lebens nachzugehen.

Doch die Suche danach gestaltete sich schwierig – und vor allem langwierig. Die Erinnerungen von Simons Mutter, die dieser an die Gruppe weitergeben konnte, waren ob ihres hohen Alters lückenhaft gewesen – dass unter anderem eine Zeuthener Artisten-Familie sie versteckt hatte, gehörte zu diesen Mosaiksteinen. Fleischhacker: „Wir haben dann zum Beispiel durch Zeitungsinserate, Recherchen in Archiven und Befragungen von Bürgern vor Ort versucht herauszubekommen, was für Menschen ihre Helfer waren.“ Doch die Spuren verlieren sich – wie viele andere auch. Was sich an Bruchstücken rekonstruieren ließ, verbanden die jungen Leute mit ihrem Wissen über die Zeit, das sie sich durch gemeinsame Lektüre und Ausstellungsbesuche aneigneten. „Nach über drei Jahren war dann der Punkt erreicht, wo wir die Recherchen langsam beenden mussten, um das Ganze in eine präsentierbare Form zu bringen.“ Man entwickelte schließlich ein Ausstellungskonzept, das eigene Materialien mit Leihgaben von Museen und Gedenkstätten verbindet, um das Leben im Untergrund so genau wie möglich zu dokumentieren – und ein Stück weit auch erfahrbar zu machen. „Einer der Schüler hat einen Schrank gebaut, durch den die Ausstellung betreten wird, um den Besuchern ein Gefühl dafür zu geben, wie es ist, in die Illegalität zu gehen.“ Zu den Exponaten gehören neben mit Texten und Fotos bedruckten Bannern auch Zeitzeugen-Interviews und eine Video-Dokumentation über über untergetauchte Juden. Auch eine Kiste mit Muttern und Schrauben ist darunter. Fleischhacker: „Frau Jalowicz war ja Zwangsarbeiterin in einem Werk, in dem Schrauben und Muttern hergestellt wurden. Die Zwangsarbeiter haben nun versucht, diese Arbeit zu sabotieren, indem Schrauben und Muttern nicht passend hergestellt wurden.“

Am 15. Februar 2011 konnte schließlich die Vernissage der Ausstellung im Gymnasium Villa Elisabeth stattfinden – der Höhepunkt eines Projekts, das allen Beteiligten sehr viel Engagement und Geduld abverlangt hat. Und beides hat sich mehr als gelohnt: Die Ausstellung ist sehr erfolgreich. „Wir können das nicht zuletzt den Einträgen in das Gästebuch entnehmen. Viele loben auch, dass die Ausstellung sehr professionell gemacht wurde“, erläutert Fleischhacker nicht ohne Stolz auf seine Schüler. Ihr gemeinsames Werk wird auch weiterhin an wechselnden Orten zu sehen sein. Nächste Stationen ab Herbst 2011 werden das Rathaus Wildau und das DGB-Haus in Berlin sein. Jüdische Geschichte und Gegenwart werden aber auch darüber hinaus Thema bleiben im Gymnasium Villa Elisabeth. Fleischhacker: „Das Interesse bei den Schülerinnen und Schülern ist da.“ Und der Kooperationsvertrag mit dem Centrum Judaicum für künftige Projekte geht ebenfalls weiter – für beide Seiten ein großer Gewinn.

12.07.2011

Foto: © Gymnasium Villa Elisabeth

In der Ausstellung; © Gymnasium Villa Elisabeth
Eingang zur Ausstellung durch einen Schrank; © Gymnasium Villa Elisabeth
Eingang zur Ausstellung durch einen Schrank; © Gymnasium Villa Elisabeth
Exponat; © Gymnasium Villa Elisabeth
An der Ausstellung beteiligte Schülerinnen und Schüler mit Cornelia Schmalz-Jacobsen, Schirmherrin der Ausstellung, sowie Dr. Hermann Simon, Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum bei der Ausstellungseröffnung am 15.02.2011; © Gymnasium Villa Elisabeth
Schüler des Gymnasiums Villa Elisabeth mit Dr. Jochen Fleischhacker, Leiter des Projekts; © Gymnasium Villa Elisabeth