Ort:

Aßling, Bayern

Wer:

  • Gemeinderat der Gemeinde Aßling bei München
  • Vereine, Initiativen. Agenda-21-Arbeitskreise und verschiedene Interessensgruppen vor Ort aus dem zivilgesellschaftlichen Spektrum
  • Bürgerinnen und Bürger von Aßling
Was:

Die Gemeinde Aßling hat sich 2010 unter Einbeziehung seiner Bürgerinnen und Bürger ein neues Leitbild gegeben, das einen Orientierungsrahmen für strukturpolitische Entscheidungen und das Engagement der Bürgerinnen und Bürger darstellt. Das Leitbild umfasst verschiedene Themenkreise von Fragen der Ortsgestaltung bis zu energie-, kultur- und umweltpolitischen Aufgaben.

Ein Leitbild für Aßling!

Gemeindeleitbild Aßling

...so lautete die Überschrift eines Aufrufs, den engagierte Bürgerinnen und Bürger der bayerischen 4.300-Seelen-Gemeinde im Herbst 2007 zusammen mit dem Gemeinderat von Aßling starteten. Dem ging viel voraus: Zahlreiche Versuche, eine gemeinsame Vision für das Zusammenleben vor Ort auf den Weg zu bringen, waren vorerst an organisatorischen Hürden gescheitert. Aber die Initiative zeigte letztlich Erfolg: In einem viele Monate dauernden Prozess diskutierten (fast) alle über (zunächst) alles, um am Ende eine konkrete Agenda für Aßling in Händen zu halten. Seit Mai 2010 ist diese in der Welt – als ein sichtbares Ergebnis demokratischer Mitgestaltungsmöglichkeiten. Der Prozess des gemeinsamen Lernens und Handelns ist damit noch lange nicht zu Ende.


„Eine der größten Herausforderungen war es, die Themen für das Leitbild zu bestimmen“, kommentiert Martin Pregler, mit 27 Jahren jüngstes Mitglied des Gemeinderats, die inzwischen schon etwas zurückliegende heiße Phase einer Konsensfindung. Denn es galt, bei allem Engagement und aller Lust an Mitgestaltung sehr viele unterschiedliche Themen und Meinungen zu koordinieren – zum Beispiel wie es mit Aßling in Sachen Energie, Kultur oder Haushalt weitergehen soll. „Sehr viele Menschen haben sich eingebracht“, so Pregler, „und natürlich waren wir uns nicht immer einig, was überhaupt ins Leitbild einfließen soll und wie wir zu den einzelnen Punkten dann jeweils stehen.“

Begonnen hatte die Suche nach einem Gesamtbild schon früher: Im Gemeinderat selbst, aber auch und gerade aus den Reihen der verschiedenen örtlichen Vereine, Initiativen und Agenda-21-Gruppen war immer wieder der Wunsch nach mehr und vor allem nach anderer Kommunikation laut geworden. Man wollte miteinander ins Gespräch kommen über gemeinsame Ziele und Projekte in und für Aßling – und man wollte mehr Verbindlichkeit für das, was dabei herauskommen sollte. Sprich: ein gemeinsames Leitbild. „Das war das Ergebnis einer Zukunftswerkstatt in November 2007“, berichtet Pregler über die Vorgeschichte. Doch Versuche, der Idee konkrete Umsetzungen folgen zu lassen, erwiesen sich zunächst als schwierig: „Es ist einfach sehr aufwendig, sich über ein so großes Ziel untereinander abzustimmen – was gehört da inhaltlich alles rein, wie kann man das eingrenzen und konkretisieren, welche Form soll es am Ende haben und so weiter. Das hat in der Größenordnung alle erst mal überfordert.“

Im Frühjahr 2009 folgte eine Umfrage bei allen örtlichen Vereinen und Initiativen, welche Themen aus ihrer Sicht wichtig seien für eine gemeinsam gestaltete Zukunft. Am 17. Oktober 2009 mündete diese schließlich in den Aufruf an alle Aßlinger Bürgerinnen und Bürger. Diesmal wollte man es richtig machen und holte sich professionelle Hilfe ins Haus – beziehungsweise ins Dorf. Die Aufgabe: einen mehrere Monate währenden Prozess erst der Ideen- und dann der Konsensfindung zu moderieren und in ein für alle Beteiligten tragbares Ergebnis zu überführen. Der Herausforderung, dieses Stück gelebte Demokratie zu begleiten, stellte sich Erich Eisenstecken vom nahen Sozialwissenschaftlichen Institut München. „Das war eine wichtige Entscheidung, dass jemand von außen dazukommt und unsere Arbeit strukturiert“, erinnert sich Pregler.

Bereits die Auftaktveranstaltung, so der junge Gemeinderatsvertreter, war sehr gut besucht: „Sehr viele Menschen haben die Gelegenheit wahrgenommen, zu sagen, was ihnen am Herzen liegt und wohin sich Aßling entwickeln soll.“ Aus der Gemengelage der vorgebrachten Punkte entstanden zunächst Oberthemen – von der Ortsgestaltung über Umweltfragen bis zu Mobilität und Verkehr – zu denen im Anschluss Gruppen gebildet wurden. Pregler: „Da wurde dann heiß diskutiert und um Positionen gerungen.“ Und nicht jeder und jede konnte sich mit seinem oder ihrer Sichtweise durchsetzen, wie auch Pregler erleben musste: „Das Thema Schuldenfreiheit war ein schwieriger Knackpunkt, auch die Forderung nach mehr Fahrradwegen war erst einmal so nicht durchsetzbar.“ Es galt also, Kompromisse zu finden. „Das hat dazu geführt, dass manche Punkte am Ende sehr offen formuliert werden mussten. Im Leitbild steht dann zum Beispiel nicht, dass dies oder jenes so oder so gemacht wird, sondern dass die Gemeinde das Ziel verfolgt, dieses oder jenes anzustreben.“

Ein wichtiges Ergebnis ist das aus „einem zunächst wilden Haufen Text über viele verschiedene Themen“ am Ende entstandene Leitbild aber dennoch: Es gibt einen roten Faden vor, der bei politischen Entscheidungen eine wichtige Rolle spielt. „Bei den Debatten im Gemeinderat argumentieren die einzelnen Mitglieder jeweils sehr stark mit dem Leitbild“, weiß Pregler zu berichten, auch wenn manche der Beteiligten eine künftig noch stärkere Verbindlichkeit des Leitbilds einfordern. Ganz wichtig ist aber auch die Tatsache, dass der ursprüngliche Wunsch nach mehr Kommunikation zwischen den verschiedenen Akteuren in Aßling sich erfüllt hat. Man kennt – und versteht – die Positionen der jeweils anderen jetzt besser, und das Gefühl, gemeinsam zu leben und mitzugestalten ist weit ausgeprägter als früher. Zumal das Thema Mitgestaltung nicht abgeschlossen ist. Pregler: „Das Ziel ist es, dass das Leitbild alle drei bis fünf Jahre überprüft wird.“ Nicht erst dann werden wieder alle Bürgerinnen und Bürger aufgerufen sein, sich einzubringen – denn miteinander zu sprechen und gemeinsam zu gestalten ist bereits jetzt in Aßling „best practice“.

21.12.2011

Foto: © Gemeinde Aßling

Assling; © Gemeinde Aßling
Aufruf zur Leitbildfindung im Herbst 2009; © Gemeinde Aßling
Auftaktveranstaltung; © Gemeinde Aßling
Auftaktveranstaltung; © Gemeinde Aßling