Ort:

Görlitz, Sachsen

Wer:

  • Förderkreis Görlitzer Synagoge e.V.
  • 2004 zunächst als Initiative ins Leben gerufen, im selben Jahr Vereinsgründung
  • Finanzierung aus Projekt- und Fördergeldern
Was:

Der Förderkreis Görlitzer Synagoge e.V. setzte sich zu Beginn seiner Arbeit dafür ein, dass die Görlitzer Synagoge für Veranstaltungen genutzt werden kann und somit der Öffentlichkeit zugänglich ist. Seit 2008 organisieren seine Mitglieder teilweise zusammen mit anderen Projektpartnern in der Synagoge Veranstaltungen – von Lesungen über Ausstellungen bis hin zu Diskussionsveranstaltungen – zu einem breiten Themenkreis.

Eine Synagoge kehrt ins Bewusstsein zurück

Förderkreis Görlitzer Synagoge

Die Synagoge in Görlitz ist ein Gebäude mit belasteter Vergangenheit – dies gilt in Deutschland für jeden jüdischen Sakralbau, der vor 1933 errichtet wurde. In Görlitz blieb die Geschichte der am 7. März 1911 feierlich eingeweihten Synagoge auch nach Nationalsozialismus und Holocaust über viele Jahrzehnte hinweg schwierig. Erst baulicher Verfall, dann vorläufige Rettung vor dem Abriss, Zukunftspläne und teilweise Renovierung, aber auch eine mehrjährige vorübergehende Schließung: Dass sich an diese Stationen seit einigen Jahren eine Phase neuer und behutsamer Nutzung anschließt, ist vor allem dem Engagement des Förderkreises Görlitzer Synagoge e. V. zu verdanken. Das Ziel: den einst vom Selbstbewusstsein und  Angekommensein der jüdischen Görlitzer Bürgerinnen und Bürger kündenden Bau und seine Bedeutung zurück in das Bewusstsein der Menschen zu bringen.


„Das Gebäude ist bis weit in die 1970er-Jahre hinein praktisch überhaupt nicht wahrgenommen worden“, erzählt Dr. Markus Bauer, Vorsitzende des Förderkreises und Direktor des Schlesischen Museums in Görlitz. „Und das ist bei seiner schieren Größe gar nicht mal so einfach.“ Vor dem Abriss konnten Denkmalschützer die seit den 1960er-Jahren im Besitz der Stadt befindliche Synagoge bewahren, eine vorsichtige Auseinandersetzung erfolgte aber erst in den späten 1980er-Jahren. Bauer: „Das waren zunächst vor allem Mitglieder der evangelischen Studentengemeinde, die ein bisschen nach dem Rechten sahen.“ Erst nach und nach stellte sich die Frage, wie sich die Stadt, aber auch wie sich die Bürgerinnen und Bürger zu dem einstigen Zentrum des bis 1945 in Görlitz fast gänzlich ausgelöschten jüdischen Lebens verhielten. Wofür sollte – und konnte – das Gotteshaus stehen, angesichts einer nicht mehr vorhandenen Gemeinde, die es mit sakralem Leben füllt?

1990 schließlich wurden aufwendige Sanierungsarbeiten durchgeführt – und mit den baulichen Maßnahmen, so Bauer, „ ging die Suche nach einem tragfähigen Nutzungskonzepts einher“. Zunächst fehlten hierfür sowohl das Geld als auch umsetzbare Ideen – und aufgrund noch bestehender Baumängel war selbst eine Besichtigung der Synagoge nur nach persönlicher Schlüsselübergabe bei der Stadtverwaltung und in kleinen Gruppen möglich. Die Synagoge war de facto wieder da. Von einem neuen Mittelpunkt des städtischen Lebens war man jedoch noch weit entfernt. „Für uns war das ein unhaltbarer Zustand, und deswegen haben wir Anfang 2004 in der Tagespresse einen Gründungsaufruf für eine entsprechende Initiative gestartet“, erklärt Bauer.

„Wir“ – das war zunächst ein Kreis befreundeter Bürgerinnen und Bürger aus Kultur- und Kirchenkreisen. Dem Aufruf folgten zahlreiche Interessierte – viele von ihnen sind bis heute im Förderkreis aktiv. Und Aktivität war von Beginn an gefragt: „Einerseits ging es darum, den Beschluss für die letzten notwendigen Baumaßnahmen zu erwirken, andererseits, ein Programm zu entwickeln, dass dem ursprünglichen Zweck und der Bedeutung der Synagoge und ihrer Geschichte entspricht.“ Die bauliche Aufgabe wurde bis 2008 gelöst – seither ist das Gebäude wiedereröffnet. Die inhaltliche Herausforderung ist auf einem guten Weg: „Im Prinzip“, so Bauer, „kann jeder beim Liegenschaftsamt anfragen, ob er oder sie die Synagoge für eine Veranstaltung nutzen kann, sofern das nicht zu weit von der ursprünglichen Bedeutung des Hauses wegführt. Konkret ist es aber schon so, dass die meisten Veranstaltungen aus unseren Reihen stammen oder durch uns angestoßen werden.“ Das umfangreiche Programm umfasst neben dem Thema Judentum in Geschichte und Gegenwart auch allgemeiner gefasste Inhalte wie Toleranz und Zivilcourage. Und auch spezielle Themen wie verfemte Musik, Literatur, Kunst haben hier Raum, genauso wie – inspiriert durch die Lage der Stadt – Mitteleuropa mit seinen Traditionen und Perspektiven. „Unser Ziel ist es, dass wir uns mit unserer Arbeit noch stärker auch in wichtige aktuelle Diskurse einbringen können, wie zum Beispiel Rechtsextremismus“, so der Vorsitzende des Förderkreises.

Noch ein ganz anderer und sehr naheliegender Wunsch steht weit oben auf der Agenda: dass dereinst wieder eine jüdische Gemeinde Einzug halten wird in ihr Gotteshaus. „Eine jüdische Gemeinde gibt es in Görlitz bislang zwar noch nicht wieder, aber wir wünschen uns sehr, dass in einem Nebenraum der Synagoge ein Gebetsraum eingerichtet wird“, so Bauer. Die Verhandlungen mit der Stadt sind in diesem Punkt noch schwierig – man befürchtet einen Run anderer Religionsgemeinschaften mit demselben Ziel. Auf lange Sicht ist Bauer jedoch zuversichtlich: „Es gibt viele Jüdinnen und Juden in unserer polnischen Partnerstadt Zgorzelec, für die ein Gebtsraum in der Görlitzer Synagoge ebenfalls interessant wäre. Wenn es da zu einer Zusammenarbeit käme, wäre das auch ein sehr schönes Signal für den deutsch-polnischen Austausch.“

Wichtige Signale für die Arbeit des Förderkreises kommen auch aus der Bevölkerung: Die Veranstaltungen in der Synagoge sind beliebt. 230 Menschen finden darin Platz – und bei vielen Terminen ist der riesige Hauptsaal mehr als gut gefüllt. „Es gibt hier einfach ein großes Interesse an Informationen über jüdisches Leben.“ Künftige Projekte sollen diesem Bedürfnis noch weiter entgegenkommen: „Wir arbeiten an einem Projekt 'Jüdisches Leben in Görlitz' für Schulen, an einer Stadtführung und einem Buch über die Görlitzer Juden“, berichtet Bauer. Zeit dafür bietet das kommende Jahr, denn die vorübergehende Schließung der Synagoge wegen weiterer Baumaßnahmen erlaubt dann mehr inhaltliche Arbeit. Die zu leisten, ist für den Verein keine leichte Aufgabe und fordert von Bauer und seinen Vereinskolleginnen und -kollegen viel Engagement. „Da kommen ganz unterschiedliche Beweggründe zusammen, sich einzusetzen“, weiß Bauer zu berichten. „Wir haben hier neben Mitgliedern vor allem mittleren Alters auch einige Ältere, darunter auch viele Zugezogene, die die Stadt einfach sehr schön finden und ihren Einsatz für den Verein auch als eine Möglichkeit betrachten, das Leben in der Stadt mitzugestalten.“ Dazu kommt ein breites Netzwerk – sehr gute Kontakte zu den jüdischen Gemeinden in der Umgebung, mit den Kooperationen zum Beispiel für Musik-Tourneen geplant sind und zur Stadtverwaltung, die den Vorhaben des Förderkreises sehr offen gegenüber steht. „Wir haben die realistische Hoffnung, dass wir in nicht allzu ferner Zukunft die Betreuung der Synagoge überantwortet bekommen, natürlich in enger Zusammenarbeit mit allen, die an ihrer Nutzung interessiert sind.“ Ein entsprechendes Konzept liegt der Stadt Görlitz vor – im Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger der Stadt wieder verankert ist die Synagoge schon jetzt.

21.12.2011

Außenansicht der Görlitzer Synagoge; © Förderkreis Görlitzer Synagoge e. V.
Portal; © Förderkreis Görlitzer Synagoge e. V.
Kuppel; © Förderkreis Görlitzer Synagoge e. V.