Ort:

Markt Schwaben, Bayern

Wer:

  • Gesprächsreihe unter wechselndem Namen (1992-1998 Sonntagsgespräche, 1999-2004 Sommerbegegnungen, seit 2005 Schwabener Sonntagsbegegnungen)
  • ca. vier Veranstaltungen pro Jahr mit jeweils zwei Gesprächspartnern
  • Initiator der Reihe ist Bernhard Winter (Psychologe und ehemaliger Bürgermeister von Markt Schwaben (2002 bis 2011)
  • Finanzierung durch Spenden
Was:

Seit 1992 organisiert Bernhard Winter in Markt Schwaben eine Gesprächsreihe, die seit 2005 den Namen „Schwabener Sonntagsbegegnungen“ trägt – mit dem Ziel, vermeintliche Gegensätze in Berührung zu bringen. Meist prominente Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur, Kirche und Medien tauschen sich dabei zu unterschiedlichen Themen aus. Aus der Gesprächsreihe und den dabei entstehenden Kontakten haben sich in der Vergangenheit Projekte ergeben wie die Partnerschaft mit einer Schule in Breslau, Polen oder wie zuletzt die Initiative „JA“, die Menschen mit unterschiedlichen sozialen, kulturellen, beruflichen und religiösen Hintergründen zusammenbringt, um so den gesellschaftlichen Dialog und Zusammenhalt zu fördern.

Immer wieder sonntags

Schwabener Sonntagsbegegnungen

Schwabener Sonntagsbegegnungen – der Name ist Programm. Seit 1992 treffen in Markt Schwaben rund viermal im Jahr unter dieser Überschrift Größen aus Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur, Politik und Kirche aufeinander, um sich im wahrsten Sinne des Wortes über Gott und die Welt auszutauschen. Initiiert hat die Reihe der Psychologe, Lyriker und ehemalige Markt Schwabener Bürgermeister Bernhard Winter – und so vielseitig, wie seine eigene Vita aussieht, so bunt gestaltet sich der inhaltliche Bogen, den seine Veranstaltungen seit fast 20 Jahren spannen. Es geht um „Politik und Anstand“, „Evangelium und Gesetz“ oder aktuell um das Thema „Alt werden“.

„An erster Stelle steht nicht das Thema. An erster Stelle stehen die Menschen, die über das Thema sprechen,“ beschreibt Bernhard Winter sein Vorgehen bei der Planung der Sonntagsbegegnungen. Diese sollen bewusst keine Talkshows sein, „bei denen die Moderation manchmal viel zu sehr im Mittelpunkt steht“, so der umtriebige Netzwerker. Wenn er Menschen wie die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, den Benediktinermönch und Autoren Anselm Grün oder den Journalisten Heribert Prantl nach Oberbayern holt, geht es ihm und seinen Gästen vielmehr um ein konstruktives Zwiegespräch: „Es sind immer zwei Personen, und ich achte darauf, dass da eine grundsätzliche Sympathie ist und eine fruchtbare Spannung durch unterschiedliche Ausgangspunkte.“

Die entsteht zum Beispiel, wenn der Kabarettist Dieter Hildebrandt mit der ehemaligen Bundesministerin der Justiz Herta Däubler-Gmelin über die „Seele der Politik“ diskutiert – oder wenn der Präsident des Deutschen Bundestages Norbert Lammert mit dem Schriftsteller und ehemaligen Vorsitzenden der Akademie der Künste Adolf Muschg darüber ins Gespräch kommt, was es mit dem „Lesen“ auf sich habe. Tatsächlich liest sich die Reihe derer, die sich in Markt Schwaben in den vergangenen Jahren die Klinke in die Hand gaben, in weiten Teilen wie ein Who's who politischer, kultureller und gesellschaftlicher Prominenz. Aber das maßgebliche Kriterium für die Auswahl der Gäste ist ein ganz anderes, so Winter: „Glaubwürdigkeit.“ Dass das so ist, hat auch etwas mit der Motivation zu tun, aus der heraus die Sonntagsbegegnungen lange vor seiner Dienstzeit als Bürgermeister von Markt Schwaben entstanden sind: „Als ich Anfang der 1990er Jahre als bei der Jugendhilfe tätiger Psychologe hierher kam, herrschte überall in Deutschland eine gewisse Politikverdrossenheit bei den Bürgern“, so Winter. „Die Politik hatte durch Skandale manches von ihrer Glaubwürdigkeit verloren.“ Gegen diesen Trend wollte er bürgerschaftliches Engagement setzen. „Ich fragte mich dann, was ich selbst tun kann und was mir Spaß macht.“

Die Idee zu den „Sonntagsgesprächen“, wie die Reihe zunächst hieß, entstand 1992 bei einer Begegnung mit Renate Schmidt während einer Veranstaltung im Bildungszentrum Wildbad Kreuth. „Sie war dann noch im Sommer desselben Jahres meine erste Gastrednerin“, so Winter über die Geburtsstunde seiner Gesprächsreihe, die schnell ein großer Erfolg beim Publikum wurde. 2012 jähren sich die Anfänge zum 20. Mal – und zu diesem Jubiläum wird die ehemalige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags erneut geladen sein. Sie ist nicht die einzige, die in den vergangenen Jahren mehrmals zu Gast war: Auch Süssmuth, Hildebrandt und vor allem Hans-Jochen Vogel sind schon häufig nach Markt Schwaben gekommen – wie alle anderen Rednerinnen und Redner  stets ohne Honorar. Es ist wohl nicht zuletzt das besondere Format jenseits medialen Polit-Talks, das sie gern wiederkommen lässt. Und noch etwas anderes trägt zu den entstehenden Bindungen bei: Bernhard Winter selbst. „Ich knüpfe sehr gern Netzwerke für die gute Sache. Wenn ich bei einer Person das Gefühl habe, dass das gut in den Rahmen passt, dann trete ich auf ihn oder sie direkt zu.“ So wie zum Beispiel auf Norbert Lammert, den er nach einer Bibelstunde während eines Evangelischen Kirchentages ansprach.

Ein Netzwerk knüpfen und bürgerschaftliches Engagement stärken: Das sollen auch jene Projekte leisten, die aus den Sonntagsbegegnungen und ihren Vorgängern „Sonntagsgespräche“ und „Sommerbegegnungen“ immer wieder entstehen. So wie die Unterstützung freier Wahlen in der um Autonomie kämpfenden Provinz Bougainville auf Papua-Neuguinea: Die Initiative entstand aus einem Zusammentreffen mit dem päpstlichen Nuntius und Erzbischof Hans Schwemmer sowie dem Gouverneur der Region John Momis im Jahr 2000. „Was bringt die Welt zusammen“ war zu der Zeit die Überschrift der Gesprächsreihe gewesen, die den Blick über deutsche und europäische Grenzen – auch ganz praktisch – hinaus richtete. Um die Praxis und um ein gesellschaftliches Zusammenwachsen geht es auch im Projekt „JA“, das seit 2010 Menschen zusammenbringt, die im Alltag nicht selbstverständlich aufeinandertreffen würden: Unternehmer und verhaltensauffällige Jugendliche mit ihren Lehrern etwa, Menschen mit und ohne Behinderung, Arbeiter und Akademiker, Kirchenvertreter und Imame. „Das ist eine interessante Mischung, und da entstehen ganz neue Verbindungen“, so Winter. Auch auf diese Weise will der im März 2011 aus dem Amt als Bürgermeister geschiedene Psychologe – der seit kurzem auch mit dem Gedichtband „warum der Fuchs der Apfelbaum?“ als Autor erfolgreich ist – das Leben vor Ort mitgestalten. So wie mit den Schwabener Sonntagsbegegnungen, denen auch in Zukunft viele Stammgäste und neue Gesichter zu wünschen sind.

11.08.2011

Foto: © Ernst Zimmermann

Anselm Grün im Dialog mit Hans-Jochen Vogel zum Thema "Gott vertrauen" (2008); © Ernst Zimmermann
Gerhart Polt im Dialog mit Renate Schmidt zum Thema "Randzonen" (2009); © Ernst Zimmermann
Johannes Rau im Dialog mit Rita Süssmuth zum Thema "Das Zusammenleben der Generationen" (1997); © Ernst Zimmermann
Norbert Lammert im Dialog mit Adolf Muschg zum Thema "Lesen" (2011); © Ernst Zimmermann
Peer Steinbrück im Dialog mit Hans-Jochen Vogel zum Thema "Wie kommt das Neue in die Welt" (2007); © Ernst Zimmermann