Ort:

Essen, Nordrhein-Westfalen - Sant'Anna die Stazema (Italien)

Wer:

  • Freunde der Friedensorgel Sant’Anna di Stazzema
  • als Initiative „Eine Orgel für Sant`Anna“ seit 2002 aktiv, Gründung als binationaler Verein „Freunde der Friedensorgel“ 2008
  • Die Schirmherrschaft der Initiative hatten der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau und der ehemalige italienische Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi, danach Bundespräsident Horst Köhler und der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano inne.
  • Finanzierung durch Spenden bei Benefiz-Konzerten
Was:

Das Musikerpaar Maren und Horst Westermann rief die Initiative „Eine Orgel Sant’Anna“ ins Leben. Ziel der Initiative war, der im Zweiten Weltkrieg durch SS-Truppen heimgesuchten italienischen Gemeinde Sant’Anna di Stazzema als Zeichen der Versöhnung eine neue Kirchenorgel zu stiften. Diese war im Zuge des Massakers an der Bevölkerung, das erst 2004 im Rahmen eines gerichtlichen Prozesses in Italien juristisch geahndet wurde, ebenfalls zerstört worden. Seit der Einweihung der Orgel 2007 organisiert der 2008 gegründete Verein „Freunde der Friedensorgel“ jeden Sommer vor Ort Festivals für Orgelmusik.

Eine Orgel für Sant'Anna

Freunde der Friedensorgel Sant’Anna di Stazzema

Ferien in der Toskana – für die meisten Urlauber verbindet sich mit diesen Worten die Vorstellung von idyllischen Dörfern, Mittelmeer-Kultur und landestypischer Küche. Maren und Horst Westermann aus Essen fanden – ungeplant – noch etwas ganz anderes, als sie 1997 zum ersten Mal nach Sant`Anna di Stazzema in der Nord-Toskana kamen: die in Deutschland lange Zeit unbekannte Geschichte dieses Dorfes, das im Zweiten Weltkrieg zum Schauplatz deutscher Kriegsverbrechen wurde. Im Mittelpunkt des Engagement des Paares, das auf ihren Besuch in der Region folgte, stehen drei Dinge: Erinnern, Freundschaft – und eine Kirchenorgel.


„Wir sind Musiker, da lag es für uns nah, uns um eine neue Orgel für das Dorf zu bemühen“ erklärt Maren Westermann ihre Motivation für ein Projekt, das sie und ihren Mann seit über zehn Jahren begleitet. Entstanden ist es ursprünglich aus einer ersten Begegnung mit einem älteren Herrn in dessen kleinem Museum in Sant'Anna, das die dortigen Gräueltaten der SS im August 1944 dokumentiert. „Er hatte das Massaker überlebt und erzählte uns seine Geschichte. Wir waren sehr berührt.“ Enio Mancini hieß dieser Mann, und das Ehepaar Westermann wiederholte seine Besuche in dem italienischen Bergdorf in den folgenden Jahren. So entstanden zunächst immer engere freundschaftliche Bande – und dann eine erste Idee. „Musik ist eine universelle Sprache, und wir wollten damit einen Beitrag zu Versöhnung leisten“, so Maren Westermann. Gemeinsam mit ihrem Mann, den beiden Zeitzeugen Mancini und Enrico Pieri und einer befreundeten Lehrerin aus Lucca initiierte sie zunächst einen Jugendaustausch der besonderen Art: Ein Schulorchester aus Deutschland gab im Jahr 2000 am Mahnmal des Ortes ein Konzert.

„Das war ein großes Ereignis, 70 Kinder waren mit dabei“, so die Musikerin. Am Rande der Veranstaltung kam die Sprache auf die bei den schrecklichen Ereignissen der Vergangenheit ebenfalls zerstörte Kirchenorgel. Westermann: „Das war dann die letztliche Initialzündung für uns. Hier bot sich nun die Möglichkeit, abseits üblicher Wege etwas zur Aufarbeitung von Geschichte beizutragen.“ Dafür war es zunächst einmal nötig, gemeinsam als Initiative „Eine Orgel für  Sant'Anna“ weitere Kreise zu ziehen – und in Deutschland wie auch in der Toscana für das Projekt zu werben. In Italien konnten Vertreter verschiedenster toskanischer Einrichtungen ebenso gewonnen werden wie der italienische Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi.

Auch in Deutschland setzte man auf Prominenz: „Bei einer Veranstaltung lernten wir die Journalistin Christiane Kohl kennen, die zuvor in mehreren Zeitungsartikeln unter anderem über dieses Massaker geschrieben hatte“, so Westermann. Kohl wurde zu einer Unterstützerin der Idee – genauso wie der zum damaligen Zeitpunkt noch amtierende Bundespräsident Johannes Rau, der sich 2003 als Schirmherr der Initiative zur Verfügung stellte. „Das hat uns manche Türen geöffnet bei der Einwerbung von Spendengeldern“, weiß Westermann. Ihre Türen öffnete auch die Kirchengemeinde Rellinghausen im heimischen Essen – und zwar für die ersten Benefizkonzerte, deren Erlös dem Neubau der Orgel in Sant'Anna zugute kommen sollte. Die Besucher kamen zahlreich – und machten mit ihren Spenden möglich, wofür sich die Initiative rund um das Musikerpaar eingesetzt hatte. „Wir haben fünf Jahre lang Geld gesammelt.“ Abgesehen von der Kraft, die ein Engagement über einen so langen Zeitraum allen Beteiligten abverlangt, spielte dabei auch die Zeit selbst eine wichtige Rolle: „Länger hätte es nicht dauern dürfen“, so die Mitinitiatorin des Projekts, „denn die betagten Zeitzeugen vor Ort sollten das Ergebnis ja noch erleben dürfen.“

Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Am 29. Juli 2007 konnte die neue Kirchenorgel von Sant’Anna di Stazzema feierlich und vor großem Publikum eingeweiht werden. Damit kehrte die Musik in die kleine Kirche des Ortes zurück – in Gestalt eines vom italienischen Orgelbauer Glauco Ghilardi  gebauten „deutschen Instruments mit italienischer Seele“, wie es auf der Webseite der Freunde der Friedensorgel heißt. Doch nach dem Spiel ist vor dem Spiel – das gilt nicht nur im Sport, sondern auch in der Musik. Westermann: „Die Orgel war nun da, und nun musste damit auch etwas gemacht werden.“ Deshalb veranstaltet der 2008 aus der ursprünglichen Initiative entstandene Verein jedes Jahr in Sant'Anna ein Festival für Orgelmusik mit bedeutenden Organisten aus Deutschland und Italien: „Inzwischen ist diese Reihe unter Organisten aus ganz Europa so bekannt, dass wir Wartelisten für Jahre im Voraus führen müssen.“ Finanziell gesichert ist die Reihe nicht, vielmehr müssen sich die Initiatoren jedes Jahr erneut darum bemühen, den Künstlerinnen und Künstlern ein zumindest symbolisches Honorar zahlen zu können. Bislang jedoch finden den ganzen Sommer hindurch jeden Sonntag Konzerte statt – jedes Jahr unter einem anderen Motto, das sich um die deutsch-italienische (Musik-)Geschichte rankt. Das Publikum kommt von überall her: aus der Umgebung genauso wie aus dem Ausland. So sind neue Netzwerke entstanden – in der Welt der Orgelmusik, zwischen den Menschen, die diese Musik lieben und zwischen den Protagonisten der Initiative. Diese steht heute auch nicht mehr allein da: Seit 2010 ist die Friedensorgel Teil des „Nationalen Friedensparks von Sant’Anna di Stazzema“. Und noch etwas ist durch die Existenz des Instruments angeregt worden: Seit 2008  finden in Sant'Anna Friedenscamps statt, bei denen junge Menschen aus Nordrhein-Westfalen im Rahmen der berufsqualifizierenden Jugendhilfe zum Beispiel die Straße zum dortigen Mahnmal ausbauen. Neue Kapitel in der langen Geschichte eines Dorfes, seiner Menschen – und seiner Orgel.

27.07.2011

Foto: © Freunde der Friedensorgel

Kirche in Sant'Anna di Stazzema; © Freunde der Friedensorgel
Die Friedensorgel; © Freunde der Friedensorgel
Konzert zur Einweihung der neuen Orgel; © Freunde der Friedensorgel
Konzert zur Einweihung der neuen Orgel; © Freunde der Friedensorgel
Banner; © Freunde der Friedensorgel
Einweihungsfest am 29.07.2007; © Freunde der Friedensorgel
Einweihungsfest am 29.07.2007; © Freunde der Friedensorgel
Mahnmal in Sant'Anna die Stazzema; © Freunde der Friedensorgel