Ort:

Münster, Nordrhein-Westfalen

Wer:

  • gegründet 1992
  • Trägerverein von Cactus Junges Theater ist die Jugendtheaterwerkstatt e. V.
  • Finanzierung durch Projektförderung und Sponsoring
  • heute 4 bis 6 Produktionen pro Jahr mit jeweils neu zusammengesetzten Ensembles
Was:

Cactus Junges Theater ist eine Plattform für Jugendtheater, die jungen Leuten mit unterschiedlichen sozialen und kulturellen Hintergründen die Möglichkeit gibt, eigene Themen gemeinsam und unter professioneller Anleitung auf die Bühne zu bringen. Der Schwerpunkt liegt im Bereich interkultureller Arbeit und in der internationalen Vernetzung.

Alles nur Theater?

Cactus Junges Theater

Eine unter professionellen Rahmenbedingungen arbeitende  Jugendbühne, das gab es Anfang der 1990er Jahre in Münster nicht. Eine engagierte Theatermacherin änderte dies 1992, als sie das „Cactus Junge Theater“ ins Leben riefen. Was seither zur Aufführung kommt, ist nicht einfach nur jugendliche Schauspielkunst. Es ist vielmehr ein Abbild dessen, was junge Menschen bewegt.


„Im Theater im Pumpenhaus ging es mit Cactus vor über 20 Jahren los“, erinnert sich Regisseurin und Schauspielerin Barbara Kemmler über die Anfänge der Initiative, die sie ins Leben gerufen hatte. Das Pumpenhaus war damals das erste freie Theater in Nordrhein-Westfalen und Heimathafen für zahlreiche Gruppen und Projekte. „Wir experimentierten damals mit ganz neuen Formen und Ideen“, so Kemmler. „Und Jugendtheater hieß für uns: andere Orte, andere Themen, andere Zielgruppen.“ Das ist gelungen: Die Produktionen der letzten Jahre tragen – ganz dem Namen Cactus verbunden – so stachelige  Titel wie „Das Soap-Ding“ (2006), „MaulSonstAuge“ (2008) oder „Controller“ (2011), sie kommen im Pumpenhaus, auf Festivals im In- und Ausland oder schon auch mal im Münsteraner Rathaus zur Aufführung.

Und: Sie handeln von den realen Ängsten, Hoffnungen und Erfahrungen ihrer Protagonisten.  Dass das so ist, liegt vor allem am Selbstverständnis des Projekts und an der Herangehensweise. Die beschreibt Rita Roring, die bei Cactus für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, so: „Die Themen dazu bringen die jungen Leute in den offenen Trainingsgruppen selbst ein. Das ist wie ein Labor.“ Was dabei herauskommt, hat immer auch eine hohe gesellschaftliche Relevanz: Geschlechterrollen, Medienkonsum, Leistungsdruck oder Integration etwa. Wenn die an einer Produktion beteiligten Youngster sich diesen oder anderen Themen mit den Mitteln des Theaters annähern, erwerben sie Fähigkeiten, die ihnen auch jenseits der Bretter nützlich sind: „Es geht auch darum, den Teilnehmenden Werkzeuge an die Hand zu geben, um sich auszudrücken“, erklärt Roring. Längst nicht alle der jungen Theater-Begeisterten besuchen ein Gymnasium oder studieren, vielmehr kommen manche aus sozial benachteiligten Familien, haben einen Migrationshintergrund oder leben mit einem Handicap. Bei Cactus setzen sie sich nicht nur mit ihren Erfahrungen auseinander, sondern auch miteinander: „Letztlich ist das auch eine Form von sozialer Arbeit, die wir hier machen.“

Dazu kommt die interkulturelle Ausrichtung von Cactus – der Wunsch, Verbindungen herzustellen zu denen, die (gar nicht so) anders sind als man selbst. Und auch sonst ist bei Cactus vieles anders: „Wir sind eine Plattform ohne festes Ensemble, die Besetzung wechselt bei jeder neuen Produktion“, so die Regisseurin Kemmler. Die Stücke selbst wiederum sind eher Collagen mit Raum für eigene Deutungen denn abgeschlossene Geschichten. Und die Theaterarbeit als solche entsteht nicht von oben nach unten, sondern miteinander, wie Kemmler beschreibt: „Die erfahreneren Jugendlichen nennen wir 'Cacteen', die unterstützen diejenigen, die neu dazukommen.“ All das trägt dazu bei, das Cactus den jungen Schauspielerinnen und Schauspielern im wahrsten Sinn des Wortes eine Bühne bietet. Nicht Selbstdarstellung ist dabei das Ziel, sondern Engagement für die Welt, in der sie leben. Denn auch das ist – neben dem Spaß an der Sache – ein wichtiges Ziel, wenn nicht sogar das wichtigste: für junge Leute erfahrbar zu machen, was es heißt, mitzureden.

Denn mitreden heißt, wahrgenommen zu werden. So wie aktuell mit der Produktion „einszweipolizei“, die Jugendliche zusammen mit Polizeibeamten erarbeitet haben – oder mit dem multimedialen Schauspiel „Controller“, das danach fragt, wer eigentlich wen oder was kontrolliert und warum. Die sehr erfolgreiche Premiere dieser Zusammenarbeit mit dem Multikulturellen Forum e. V. fand am 03. Juli 2011 vor vollem Haus statt. Doch nicht nur zu Hause sind die Ensembles erfolgreich: „Wir sind regelmäßig auch auf Festivals im Ausland eingeladen, dieser internationale Bezug ist uns wichtig“, betont PR-Zuständige Roring. In diesem Sommer zum Beispiel geht es zum Internationalen Amateur-Theater Festival in Tromsø. Und auch Ehrungen gibt es immer wieder: Mit dem Projekt "Alles schwarz-weiß, oder was?" wurde Cactus 2009 mit dem Preis „Aktiv für Demokratie und Toleranz“ des Bündnisses für Demokratie und Toleranz ausgezeichnet. Für die Outdoor-Performance „Balance“ gab es gleich mehrere Auszeichnungen: den vom nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten ausgelobten Preis "Kultur prägt! Künstlerinnen und Künstler begegnen Kindern und Jugendlichen 2009" und 2008 sowie 2009 den Preis „Kinder zum Olymp“ der Kulturstiftung der Länder.

Viel Ruhm und Ehr' also. Wie überall im freien Kulturbetrieb ist dabei die Finanzierung ein wichtiger Punkt, denn Cactus erhält keine fortlaufende Förderung. Möglich werden die einzelnen Produktionen durch einzelne Projektförderungen, die Unterstützung durch Partner und durch Sponsoren-Gelder. Möglich werden die Produktionen aber vor allem  durch das große Engagement aller Beteiligten auf und hinter der Bühne. Warum Kemmler, Roring, ihre Kolleginnen und Kollegen und nicht zuletzt die „Cacteen“ dieses Aufbringen? „Uns geht es darum, Jugendlichen und Jugendszenen Raum zu geben und sie zu ermutigen, sich auszudrücken und sich einzusetzen für ihre Belange“, so Kemmler. Engagement also, das wiederum Engagement hervorbringt – der Kreis schließt sich.

30. Juni 2011

Foto: © Cactus Junges Theater

Theater-Musik-Collage "Third Class Titanic" (2011); © Cactus Junges Theater
Collage "einszweipolizei" (2011); © Cactus Junges Theater
Mulimediales Schauspiel "Controller" (2011); © Cactus Junges Theater
Outdoor-Performance "Balance" (2008); © Cactus Junges Theater
Collage "Beautiful Freak(s); © Cactus Junges Theater
Plakat "Das Soap Ding" (2006); © Cactus Junges Theater