Ort:

Werl, Nordrhein-Westfalen

Wer:

  • Bürgerinitiative Werler Workshop Werte
  • initiiert im Dezember 2008
  • Finanzierung über Spenden und Erlöse aus Veranstaltungen und Basaren
Was:

Der Werler Workshop Werte fand sich ursprünglich zusammen, um mit einem Festival der Toleranz zu verhindern, dass die NPD ihren Bundesparteitag in der Stadthalle Werl abhält. Seither wird das Festival mit vielfältigen Veranstaltungen jedes Jahr fortgesetzt.

In zwei Tagen mit WWW gegen die NPD

Werler Workshop Werte

Manchmal muss Engagement schnell gehen. So dachten 23 Bürger der Stadt Werl, die an einem Samstag im Dezember 2008 aus der Zeitung erfuhren, dass die NPD die örtliche Stadthalle für ihren anstehenden Parteitag angefragt hatte. Wollten sie dies verhindern, mussten sie sofort  reagieren – und kreativ werden. Was bereits zwei Tage später folgte, war ein Coup der besonderen Art: Der frisch aus der Taufe gehobene Werler Workshop Werte buchte die Stadthalle komplett aus – und die NPD hatte das Nachsehen.

„Als Jurist weiß ich, wie schwierig das ist, wenn die Stadt der NPD eine Absage erteilen will für eine öffentliche Örtlichkeit, die zugelassenen Parteien als Veranstaltungsort zur Verfügung steht. Das geht nicht einfach so.“ Mitinitiator Torsten Bechhaus erinnert sich noch gut an die Empörung, aber auch an den Tatendrang, den er und seine Frau damals empfunden haben. Das Paar ging erst einmal mit dem Hund spazieren. „Dann haben wir ein paar Leute angerufen, die wir kannten.“ 23 Menschen waren es schließlich, die sich nach dem Wochenende zusammenfanden – vom engagierten Werler Bürger bis zu Ratsmitgliedern aller Parteien. „Wir haben das bewusst auch in den Rat der Stadt und dort in alle Parteien hineingetragen, denn ein breites überparteiliches Spektrum war uns wichtig.“

Eine konkrete Idee war schnell gefunden: „Wir haben das finanzielle Risiko auf uns genommen und sofort alle freien Termine in der Stadthalle im fraglichen Zeitraum gebucht für. Dafür brauchte es natürlich ein echtes Programm mit allem Drum und Dran, um das rechtskräftig zu machen“, so Anwalt Bechhaus. Damit war die Veranstaltungsreihe „Festival der Toleranz“ geboren – und mit ihm die Gemeinschaft, die die Aktion trug und bis heute trägt: der Werler Workshop Werte. „Wir fanden das einfach sehr eingängig, WWW, das kann sich jeder merken.“ Das Bürgerbündnis ist bewusst eine Initiative geblieben und kein Verein geworden, denn: „Als Initiative sind wir flexibler. Vereinsstrukturen können der Tod für freies Engagement sein.“

Und das freie Engagement boomt: Bereits das Festival 2009 wurde mit Veranstaltungen wie einem Kinder-Zirkus, Workshops und Konzerten ein Riesenerfolg. Wie man eine solche Aktion aus dem Stegreif finanzieren kann? „Ein gewisses Risiko ist dabei, aber bislang funktioniert das bei uns sehr gut, zum Beispiel über kleine Eintrittspreise, die wir für manche der Veranstaltungen nehmen, aber auch über Sponsoren, die wir hier und da gewinnen können. Oder über den Erlös eines Weihnachtsbasars, den wir veranstaltet haben.“ Dieses Konzept ging auch 2010 auf – denn mit den Veranstaltungen ging es weiter, auch wenn es inzwischen keinen NPD-Parteitag mehr zu verhindern galt. Beim „WWW“  war man auf den Geschmack gekommen, und so ging das Festival der Toleranz in die zweite Runde.

2010 war auch in anderer Hinsicht ein besonderes Jahr für den Workshop Werler Werte: Nachdem die Mitglieder bereits den Innovationspreis der Stadt Werl erhalten hatten, folgte am 3. November der mit 2.500 € dotierte Preis „Aktiv für Demokratie und Toleranz“ des Bündnisses für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt. Bechhaus dazu:„Das Bündnis für Demokratie und Toleranz war uns über die ganze Zeit hinweg ein wichtiger Partner. Die haben uns in vielen Dingen mit Rat zur Seite gestanden.“ Die Auszeichnungen sind auch ein Ansporn für die Zukunft – und das Programm für 2011 steht bereits. „Wir werden auf jeden Fall wieder einen Jugendtag machen, die jungen Leute vom Theater- und Musik-Camp Stagedivers sind eingeladen und es gibt ein Café der Kulturen, das auch Ältere ansprechen soll. Dort kann dann jeder, der will, etwas aus seinem Herkunftsland präsentieren, Musik oder Tanz oder eine Lesung“, beschreibt der engagierte Mitveranstalter die Highlights. Der Ort wird wieder – wie schon im vergangenen Jahr – ein besonderer sein: das Kultur- und Eventzentrum Bahnhof Werl. Der „Kultur-Bahnhof“, wie das Kulturzentrum in einem stillgelegten Bahnhof der Stadt auch genannt wird, ist selbst ein Kind des örtlichen Bürgerengagements und damit die ideale Bühne für das nächste Festival der Toleranz.

Eine wichtige Rolle für die große Resonanz der Veranstaltungen spielt sicherlich, dass zu jedem Zeitpunkt die lokale und auch die überregionale Presse hinter den Aktionen des Werler Workshops Werte stand und steht. Und auch eine gewisse Vorerfahrung in Sachen Bürgerengagement, die einige Mitglieder der Initiative bereits aus anderen Aktivitäten mitbrachten, haben den Erfolg sicherlich befördert. Aber Bechhaus ist sich sicher: „Auch wenn man so etwas zum ersten Mal macht: Man muss sich einfach trauen und ausprobieren, was man in Bewegung setzen kann. Es ist nämlich ganz erstaunlich, was man alles erreichen kann.“ So wie in Werl, wo Bürger gezeigt haben, dass Protest und Spaß eine ziemlich gute Mischung sind – und sogar NPD-Parteitage verhindern können.

12.04.2011

Foto: © Torsten Bechhaus

Zirkustag beim Festival für Toleranz 2009; © Torsten Bechhaus
Zirkustag beim Festival für Toleranz 2009; © Torsten Bechhaus
Musikfestival 2009; © Torsten Bechhaus
Agendafest 2009; © Torsten Bechhaus
Agendafest 2009; © Torsten Bechhaus