Ort:

Bad Nenndorf, Niedersachsen

Wer:

  • Vorstand des Sportvereins VfL Bad Nenndorf e.V. (1.800 Mitglieder), vertreten vor allem durch Sigrid Bade und Silke Engelking; im Vorfeld von Veranstaltungen zusätzliche Helfer
  • Mitglied im Bündnis „Bad Nenndorf ist bunt – Bündnis gegen Rechtsextremismus e.V.“
  • Finanzierung des Engagements des VfL aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden und Preisgeldern
Was:

Der Sportverein VfL Bad Nenndorf e.V. beteiligt sich im Rahmen des Bürgerbündnisses „Bad Nenndorf ist bunt e.V.“ mit friedlichen Aktionen gegen die sogenannten Trauermärsche und Kundgebungen, zu der die rechtsradikale Szene seit 2006 in Bad Nenndorf im Zusammenhang mit dem Winckler-Bad aufruft. Das Bündnis „Bad Nenndorf ist bunt“, der VfL Bad Nenndorf und die Stadt Bad Nenndorf haben für Ihr Engagement verschiedene Anerkennungen erhalten, darunter die Auszeichnung der Bundesregierung als Ort der Vielfalt.

Mit Straßen-Partys gegen Neonazis

Sportverein VfL Bad Nenndorf als Mitglied im Bündnis „Bad Nenndorf ist bunt – Bündnis gegen Rechtsextremismus e.V.“

Im Vorgarten sitzen und lauthals feiern – was nach unpolitischem Sommer-Spaß klingt, hat im August 2013 in Bad Nenndorf ungeahnte Wirkung gegen rechts gezeigt. Seit 2006 ist das beschauliche Städtchen in Südost-Niedersachsen einmal im Jahr Aufmarschgebiet für Neonazis aus ganz Deutschland, und inzwischen wollen das immer mehr Bürger des Ortes nicht mehr hinnehmen. Am Rand der Wegesroute für die sogenannten Trauermärsche von Rechtsradikalen leisten sie ebenso friedlichen wie frohsinnigen Widerstand. Der Weg dahin war – und ist immer noch – nicht einfach.

„Am Anfang haben viele gesagt: ‚Lasst die doch einfach marschieren, am besten nicht beachten, dann kommen die nicht wieder‘“, berichtet Silke Engelking, Mitglied im geschäftsführenden Vorstand des VfL Bad Nenndorf und Leiterin der Geschäftsstelle. Der Sportverein gehört zu den ersten Mitgliedern des breiten Bürger-Bündnisses Bad Nenndorf ist bunt e.V., das sich 2006 auf Initiative des örtlichen Apothekers Jürgen Uebel zusammenfand. Denn die rund 10.000 Einwohner zählende Kleinstadt sah sich einem bisher nicht gekannten Problem gegenüber: Neonazis meldeten für gleich 30 Jahre im Voraus Trauermärsche über die Bahnhofstraße und Kundgebungen am sogenannten Winckler-Bad an. Engelking: „Nachdem man den Rechten in Wunsiedel keine Demos mehr genehmigt hatte, hatten sie nach einem neuen Ort und einer neuen Taktik gesucht.“

Trauermärsche waren juristisch gesehen nicht leicht zu verhindern – und die schwierige Geschichte des Bad Nenndorfer Winckler-Bads bot den Neonazis eine willkommene Gelegenheit zur einseitigen Umdeutung von Geschichte. „Das ehemalige Badehaus und heutige Ärzte- und Seniorenhaus war von 1945 bis 47 ein Internierungs-Lager der Briten, in dem den Berichten zufolge nicht alles so gelaufen ist, wie es sein sollte“, erzählt Engelking. 2005 hatten englische und deutsche Medien recherchiert, dass in dem Lager, in dem nicht nur, aber vor allem ehemalige hohe NSDAP-Funktionäre und Angehörige von NS-Organisationen und Wehrmacht verhört wurden, Foltermethoden zum Einsatz gekommen sein sollen. „Die rechte Szene ist darauf natürlich sofort aufmerksam geworden“, so Engelking, „und hat das zum Anlass genommen, ihr Weltbild nun hier bei uns zu verbreiten.“

2006 nun also marschierten Neonazis zum ersten Mal schweigend und von Trommelwirbeln begleitet durch den Ort, um mit einer Abschlusskundgebung am Winckler-Bad und der Forderung für eine Gedenktafel und ein Museum zu enden. Die Antwort der Nenndorfer: ein buntes Kulturfest im Kurpark, bei dem der VfL Bad Nenndorf aktiv mitwirkte und eine Gegendemonstration der Antifa. Engelking: „Das war grotesk: Wir mit dem Fest in der Mitte, rechts der ‚Trauermarsch‘ der Nazis, links die Demo der Antifa, alle durch die Polizei voneinander getrennt.“ Großen Zulauf hatten zu diesem Zeitpunkt weder das Fest, noch die Demo: „Viele waren der Meinung, dass unser Einsatz sinnlos sei und man den Rechtsextremen damit nur mehr Medienpräsenz verschaffen würde.“ Und auch über sich selbst und ihre Vereinskollegen sagt sie: „Wir haben das damals noch nicht realisiert, was für ein massives Problem wir da haben.“

Die volle Erkenntnis, in welche Richtung sich die Dinge entwickeln, kam erst 2008, im Jahr drei der Aufmärsche: „Vereinsmitglieder berichteten von katastrophalen Zuständen mit Wasserwerfern und sehr hohem Polizeiaufkommen“, erinnert sich Engelking. Ältere Anwohner, die an der Wegstrecke des Zuges leben, seien traumatisiert gewesen. „Als wenn wieder Krieg wäre, so war ihr Eindruck.“

Für den Vorstand des VfL Bad Nenndorf stand nun fest: Wegschauen ist keine Lösung. Die kleinen Kulturfeste jenseits der Strecke und die weit an den Ortsrand verbannten Gegendemonstrationen, die weder von der Bevölkerung noch von den Rechten wahrgenommen wurden, „das reichte nicht mehr aus“, so Engelking.

Denn der Spuk verschwand nicht von allein, wie viele gehofft hatten. Im Gegenteil: Die Zahl der Teilnehmer an den sogenannten Trauermärschen hatte sich inzwischen auf mehre hundert gesteigert, und bis 2010 sollten es rund 1.000 werden. „Es musste etwas passieren“, so Engelking. Vor allem musste mehr Überzeugungsarbeit unter den Bad Nenndorfern geleistet werden: „Dafür waren wir als Sportverein in keiner schlechten Ausgangsposition. Wir haben 1.800 Mitglieder, in einer so kleinen Stadt hat das ein gewisses Gewicht.“ Um besser aufklären zu können und damit einen wichtigen Teil zur Arbeit des Bündnisses beitragen zu können, beriet man sich mit dem Landespräventionsrat und dem Landessportbund Niedersachsen, wie man sich als Verein zum Thema Rechtsextremismus verhalten könne. „Das hat uns sehr weitergeholfen“, so Engelking, die im Verein auch Übungsleiterin und damit in Kontakt mit vielen Mitgliedern ist.

Es sollte jedoch noch ein bisschen dauern, die eigenen Mitglieder und die Bad Nenndorfer Bürger in großer Zahl für den friedlichen Widerstand zu gewinnen. Am Vortag des Trauermarsches rief das Bündnis „Bad Nenndorf ist bunt“ alle Bürger zu der Aktion „Einstehen gegen Rechts“ auf – gemeinsam schmückte man die Bahnhofstraße und bildete eine Menschenkette vom Winckler-Bad zum Bahnhof. Mit dabei: Mitglieder des VfL Bad Nenndorf. Die Massen kamen hier noch nicht, aber bereits mehr Menschen als in den vergangenen Jahren und vor allem mit sehr unterschiedlichen Hintergründen – genauso wie zum ökumenischen evangelisch-katholisch-jüdischen Gottesdienst am folgenden Tag mit anschließender Demonstration und Kundgebung. „Wir waren allein 200 VfLer, erkennbar an unseren blau-gelben Trikots.“

Ein Achtungserfolg war die Veranstaltung allemal. Aber: „Das fand ja nach wie vor alles weit jenseits der Aufmarschstrecke statt, niemand hatte uns gesehen, der das nicht unbedingt wollte“, berichtet Engelking. „Uns war deshalb klar, dass wir im nächsten Jahr an die Strecke müssen.“ Und im nächsten Jahr – 2010 – war alles anders. 1.000 Rechtsradikale, ein massives Polizei-Aufgebot, Ausnahmezustand in der Stadt. „Es war alles lahm gelegt, viele Geschäfte hatten geschlossen, ab dem Vorabend kam niemand mehr von einem Teil der Stadt in den anderen“, erinnert sich Engelking. Aber noch etwas sollte sich diesmal ändern: Ein Gastwirt an der Wegstrecke hatte Mitglieder des VfL Bad Nenndorf, darunter auch der gesamt geschäftsführende Vorstand, auf seine Terrasse eingeladen. Die Polizei kooperierte und begleitete die kleine Gruppe dorthin – und ohne vorherige Planung, was man Auge in Auge mit den Rechtsradikalen würde tun wollen, nahmen die rund 25 Eingeladenen ihre Plätze ein.

„Dann passierte etwas, womit keiner gerechnet hatte“, so Engelking. „Ein vermeintlicher Polizeiwagen fuhr die Strecke entlang, noch bevor die Neonazis marschierten, und in der Mitte der Straße fiel plötzlich eine Pyramide vom Wagen, an den sich Mitglieder der Antifa anketteten.“ Sitzblockade. Die kleine Gruppe des Sportvereins auf der Restaurant-Terrasse reagierte schnell: Wir haben die Situation erkannt, uns vor die Pyramide gesetzt und gesungen, alles ganz friedlich“, beschreibt Engelking die Situation. Gemeinsam Stärke zeigen für Toleranz war das Ziel, „und so saß da plötzlich unter anderem der gesamte geschäftsführende VfL-Vorstand auf der Straße.“

Während die spontanen Unterstützer der friedlichen Aufforderung der Polizei Folge leisteten, die Straße wieder zu räumen, konnte die massive Pyramide mit den angekettet Aktivisten nicht so schnell beseitigt werden. „Die Polizei hat ein schützendes Spalier drum herum gebildet, und mit massiver Verspätung ging dann der Marsch der Rechten los“, so Engelking. Als der Zug die Gruppe des VfL erreichte, stimmte man spontan das Schlumpfenlied an. „Das kam uns als maximal albernes Lied zuerst in den Sinn, und die Rechten hat das ziemlich geärgert, weil es ihre ‚stille Trauer‘ gestört hat.“

Die Aktion war ein Erfolg – zum ersten Mal mussten sowohl die Rechten als auch die Öffentlichkeit den Widerstand des noch kleinen, aber wachsenden Bündnisses im Zentrum der kleinen Stadt wahrnehmen und nicht an ihrem Rand. Der Bann war gebrochen und das Prinzip Party geboren: In enger Zusammenarbeit mit der Stadt und der Polizei wurde im folgenden Jahr die Bahnhofstraße zu einer kleinen privaten Feier-Meile, weil einige Anwohner zu laut-fröhlichen privaten Festen im Vorgarten oder in die anliegenden Restaurants einluden. Die Anlässe: Ein Hochzeitstag, ein Firmenjubiläum, ein Geburtstag und die Sabbatfeier der Jüdischen Gemeinde – alle mit Gästeliste und Anmeldung, um die Auflagen der Polizei zu erfüllen.

„Es sind zwar nicht alle den Einladungen gefolgt, weil manche Angst vor Konfrontationen hatten, aber es kamen doch genug Leute, um ziemlich Party-Stimmung zu machen“, so Engelking. Der Ärger in den Reihen der Rechtsextremen war groß. Und er wurde im folgenden Jahr, 2012, noch größer, denn das Beispiel des Vorjahres hatte viele Bürger inspiriert und angesteckt: „Da saß dann bereits die halbe Bahnhofstraße in den Vorgärten und hat die Musik aufgedreht und alberne Lieder gesungen.“ Für die Party-Gäste bedeutet dies gute Stimmung und Nachdenklichkeit zugleich. Engelking: „Man ist so hin und her gerissen – wir feiern, und auf der Straße laufen junge und alte Menschen, die die Geschichte total verdrehen.“

Der Rest ist – eine ebenfalls bemerkenswerte – Geschichte: Der Landkreis Schaumburg hob das Erstanmelderecht für Demonstrationen im Fall der für 30 Jahre angemeldeten Trauermärsche auf und gab Bad Nenndorf ist bunt den Vorzug – erst das Bürgerbündnis, dann die Neonazis, Erstere mit rund 1.600 Teilnehmenden, Letztere mit rund 500. Nicht nur die Reihenfolge hatte sich also diesmal umgekehrt, sondern auch die Mengenverhältnisse – und nicht nur das. Eine erneute Sitzblockade mit rund 700 Teilnehmenden verzögerte den Ablauf so sehr, dass die Rechtsradikalen am Ende ihre Kundgebung an der Rückseite des Winckler-Bads abbrachen und nach Hause fuhren.

Ist Bad Nenndorf damit am Ziel? Engelking: „Nein noch nicht. Wir werden sehen, wie es weitergeht. In einschlägigen Foren konnten wir bereits lesen, dass die Rechten das nicht hinnehmen wollen und noch dieses Jahr wiederkommen wollen. Unser Anliegen ist erst erfüllt, wenn der Trauermarsch in Bad Nenndorf nicht mehr stattfindet.“ Der VfL sehe seine Aufgabe zudem nicht nur darin, an einem Tag im Jahr gegen den Trauermarsch zu demonstrieren. Vielmehr sei es Aufgabe des Vereins, das eigene Wissen im Umgang mit Rechtsradikalismus weiterzugeben – in der nachhaltigen Präventionsarbeit mit Jugendlichen etwa oder in der bereits seit 2009 bestehenden Zusammenarbeit mit Schulen im Rahmen des Projekts „Rote Karte gegen Rechts“ . Die Karte dürfte inzwischen dunkelrot sein, und es sind immer mehr Bad Nenndorfer Bürger, die die friedlichen Aktionen unterstützen.

11.September 2013

Foto: VfL Bad Nenndorf

Privat Garten-Party "Wir wiederholen unseren Polterabend" an der Bahnhofstraße Bad Nenndorf, 2012; © VfL Bad Nenndorf
Einstehen gegen rechts - VfL'er am 02.08.2013 auf der Bahnhofstraße Bad Nenndorf; © VfL Bad Nenndorf
VfL-Party 2011 auf der Bahnhofstraße Bad Nenndorf; © TJO