Ort:

Berlin

Wer:

  • Verein Stark ohne Gewalt e.V.
  • Gegründet im Januar 2007 als ehrenamtliche Initiative, Vereinsgründung im Dezember 2008
  • Seit 2009 als Modellprojekt im Rahmen des Teilprogramms „Soziale Stadt“ (Programm „Zukunftsinitiative Stadtteil“) des Berliner Senats gefördert
  • Aktuell ca. 100 Mitglieder
  • Finanzierung aus Projektmitteln
  • Zusammenwirken von festen Mitarbeiten, Honorarkräften und ehrenamtlichen Helfern
Was:

Der Verein Stark ohne Gewalt e.V. ist ein Präventionsprojekt, das im Rahmen verschiedener Projekte und Aktivitäten jungen Menschen Möglichkeiten aufzeigen will, gewaltfrei und respektvoll miteinander umzugehen. Die Angebote des Vereins reichen von Deeskalations-Trainings über Nachhilfe und Berufsberatung bis hin zu Gruppenreisen. Besondere Projekte sind gemeinsame Kiezstreifen mit der Spandauer Polizei und das Projekt „Stark ohne Gewalt on tour“ zusammen mit den Berliner Verkehrsbetrieben.

Stärke zeigen

 

Stark ohne Gewalt e. V.

Als 2006 bei einer Kirmes im Berliner Bezirk Spandau ein Streit unter Jugendlichen beinahe eskalierte, bot dies einigen Bürgerinnen und Bürgern Anlass, eine Initiative gegen Gewalt unter jungen Leuten und für ein demokratisches Miteinander ins Leben zu rufen. Heute ist der Verein Stark ohne Gewalt e. V. über die Grenzen Spandaus hinaus bekannt, und die Polizei gehört ebenso zu den Partnern der jungen Menschen, die sich hier engagieren, wie die Berliner Verkehrsbetriebe. Der Weg dahin war ebenso ungewöhnlich wie zielgerichtet – inzwischen ist die zweite Generation an Jugendlichen auf Kiezstreife und anderswo unterwegs.

„Das hat hier alles angefangen als rein ehrenamtliches Projekt, nur um der guten Sache willen“, erklärt Julian Ingenbold. „Und seit 2009 sind wir nun Modellprojekt mit zwei finanzierten Stellen.“ Den Rahmen dafür bildet das Programm Soziale Stadt des Berliner Senats – und Ingenbold ist einer von zwei Pädagogen und Mitarbeitern, die für Stark ohne Gewalt e. V. neue Projekte entwickeln und durchführen. Zudem begleiten und koordinieren er und sein Kollege die bestehenden Aktivitäten. „Das erste Projekt war die Kiezstreife, und die besteht immer noch“, so der ehemalige Kraftfahrzeugmeister. Seit sechs Jahren gehen Spandauer Kontaktbeamte des Abschnitts 21 mit jungen Leuten auf Streife und sprechen Menschen im Kiez an, darunter auch Heranwachsende, die bereits durch Gewalt auffällig geworden sind oder potenziell gefährdet sind, gewalttätig zu werden. Die jugendlichen Streifengänger sind dabei die Brücke zu den Beamten – sie sind ebenfalls jung und kennen die Bedürfnisse und Probleme ihrer Altersgenossen sehr genau.

Veränderungen kommen nicht über Nacht – aber wenn verschiedene Menschen und Einrichtungen willens sind, ihr unmittelbares Miteinander zu gestalten, dann entstehen Initiativen wie diese. Ingenbold: „Das war gleich zu Beginn ein breites Bündnis, Politiker, Vereine, ganz normale Bürger, und eben auch die Polizei. Dort war man gleich interessiert, etwas zu machen.“ Wichtige Anstöße bis hin zur Vereinsgründung hatte der Fraktionsvorsitzende der SPD im Berliner Abgeordnetenhaus, Raed Saleh, gegeben, und andere zogen mit ihm an einem Strang. „Es war einfach klar, dass nach den Vorfällen auf der Kirmes etwas geschehen musste“, so Ingenbold. Rund 70 Jugendliche waren damals in der Spandauer Neustadt aufeinander losgegangen, die Polizei konnte eine völlige Eskalation verhindern. Dennoch sollten Angebote geschaffen werden – und zwar positiv besetzte, die sich nicht einfach nur gegen Gewalt aussprechen, sondern für einen respektvollen Umgang miteinander.

Der Fokus liegt deshalb auf der Prävention, und die beginnt bereits in der Schule. „Wir arbeiten sehr viel mit Schulen zusammen und unterstützen die jungen Leute und ihre Eltern.“ Dazu gehören nicht nur Anti-Gewalt-Trainings, sondern ganz praktische Begleitung durch Nachhilfe und MSA-Vorbereitung, Bewerbungstrainings und Workshops, die jungen Schulabgängern helfen sollen herauszufinden, in welche Richtung es sie beruflich überhaupt zieht. Schulen gehören – neben Veranstaltungen im Stadtraum – zu den Schnittstellen, an denen junge Leute den Verein kennen lernen und sich entscheiden können, sich auch selbst zu engagieren – zum Beispiel im Rahmen der Kiezstreifen oder bei „Stark ohne Gewalt on tour“. Ingenbold: „Das ist ebenfalls ein sehr wichtiges Projekt für uns. Es kam immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen aus Busfahrer. Unsere Jugendlichen fahren Seite an Seite mit Vertretern von Polizei und BVG in Bussen mit und sprechen mit anderen jungen Leuten über Zivilcourage – und wie sie in Gewaltsituationen helfen können, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen.“

Darauf aufmerksam machen, wie wertvoll Respekt und ein angstfreies Zusammenleben sind, wollte auch das Projekt „Lichter des Respekts“ im Spandauer Koeltze-Park, das der Verein gemeinsam mit Vereinen, Schulen und anderen Partnern ins Leben gerufen hatte. Unter Anleitung eines Künstler-Paares gestalteten Kinder, Jugendliche und Erwachsene Laternen, die von Januar bis Februar als leuchtende Ausstellung nachts den Park erhellten – und damit einen Ort zur dunkelsten Zeit des Jahres, der in der Vergangenheit Schauplatz von Gewalt war. „Das hat sehr gut funktioniert“, so Ingenboden. „Viele Menschen sind darüber ins Gespräch gekommen, die Exponate wurden tatsächlich nicht zerstört und es ist auch sonst zu keinen Übergriffen gekommen.“

Auf dem Programm von Stark ohne Gewalt stehen zudem Gruppenfahrten – im März 2013 führte diese gemeinsam mit einigen Politikern, darunter auch Raed Saleh, und in Zusammenarbeit mit Burkhard Zimmermann vom Kinderring Berlin e.V. nach Auschwitz. Die erschütternden Erfahrungen, die die Jugendlichen während dieser Reise und im Gespräch mit Zeitzeugen machten, haben sie in die Ausstellung „Auf den Spuren der Geschichte – gemeinsam Verantwortung für die Zukunft übernehmen“ eingebracht, die seit dem 29. Mai in der Spandauer Jugendbibliothek zu sehen ist. Mit dabei: der „harte Kern“ derjenigen jungen Leute, die sich schon lange und regelmäßig im Verein engagieren und an vielen Aktivitäten teilnehmen. „Das ist eine Gruppe von vielleicht 16 bis 18 Jugendlichen mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen, mit und ohne Migrationshintergrund, und das ist jetzt schon die zweite Generation bei uns im Verein. Irgendwann kommen sie ja alle in das Alter, wo ihre Wege sie an andere Orte verschlagen, und was sie hier gemacht haben, das nehmen sie mit“, so Imboden.

Junge Multiplikatorinnen und Multiplikatoren also, die weitergeben, was sie sich angeeignet haben. Um Nachwuchs muss sich der Verein dabei keine Sorgen machen: „Das hat sich herumgesprochen in Spandau, dass wir hier eine gute und wichtige Arbeit machen“, freut sich Ingenbold. Auch für die Zukunft steht viel auf dem Programm: „Wir planen eine weitere Reise mit unseren Jugendlichen zum Thema Antirassismus, aber genauer Inhalt und Reiseziel stehen im Moment noch nicht fest.“ Und ein anderes wichtiges Thema wird zudem künftig neuen Raum einnehmen: Der Verein wird auf einen Übergriff auf einen behinderten Jugendlichen, der im März 2013 in Spandau stattgefunden hatte, mit einem neuen Projekt reagieren. Es wird den Austausch von jungen Menschen mit und ohne Behinderung zum Ziel haben – wie alle anderen Projekte des Vereins wird es dabei helfen, jungen Menschen Möglichkeiten an die Hand zu geben, sich jenseits von Gewalt auszudrücken und zu behaupten. Und solche Erfahrungen können Jugendliche nicht früh genug machen.

27. Juni 2013

Foto: Stark ohne Gewalt e. V.

Auf Kiezstreife; © Stark ohne Gewalt e. V.
Auf Kiezstreife; © Stark ohne Gewalt e. V.
Auf Kiezstreife; © Stark ohne Gewalt e. V.
Vorbereitung der Kiezstreife; © Stark ohne Gewalt e. V.
Stark ohne Gewalt on tour; © Stark ohne Gewalt e. V.