Ort:

Baden-Württemberg, Region Böblingen-Herrenberg-Tübingen

Wer:

  • Sektion Böblingen-Herrenberg-Tübingen der Regionalen Arbeitsgruppe Baden-Württemberg von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V.
  • gegründet 2001
  • Finanzierung der Projekte aus Spenden und Fördergeldern
Was:

Die Sektion Böblingen-Herrenberg-Tübingen engagiert sich für die Aufarbeitung der Geschichte des KZ-Außenlagers Hailfingen-Tailfingen des Konzentrationslagers Natzweiler/Elsaß. Nachdem im Juni 2010 ein Mahnmal und ein Dokumentationszentrum eingeweiht wurden, widmet sich die Sektion neuen Projekten aus dem Bereich Erinnerungsarbeit und Demokratiebildung.

Ein KZ-Außenlager vor der Haustür

Sektion Böblingen-Herrenberg-Tübingen von Gegen Vergessen - Für Demokratie e. V.

Das Wissen um ein ehemaliges Konzentrationslager in der Nachbarschaft – das war für einige Mitglieder des Vereins Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. auf der Schwäbischen Alp Aufforderung zu genaueren Nachforschungen. Ein weiter Weg war es von hier bis zur Einweihung der KZ-Gedenkstätte Hailfingen-Tailfingen am 6. Juni 2010. Sie gehört zu den bislang größten Erfolgen der Vereins-Sektion Böblingen-Herrenberg-Tübingen.

„Die Gedenkstätte beflügelt viele Menschen. Eine Frau hier aus der Gegend hat zum Beispiel vor, im Sommer dort Lesungen unter freiem Himmel zu veranstalten.“ Die ehemalige Baden-Württembergische Landtagsabgeordnete Birgit Kipfer, Sprecherin der Sektion, freut sich darüber, dass das Mahnmal auf dem Gelände des einstigen Nachtjägerflughafens der Nationalsozialisten nicht nur angenommen wird, sondern die Menschen zu eigenen Ideen für das Erinnern inspiriert. Denn das war zu Beginn nicht selbstverständlich: „Es gab auch Anfeindungen. Und ich selbst musste mich als nicht von hier Stammende oft fragen lassen: ‚Woher kommt die eigentlich und was will sie damit hier?‘“

Angefangen hatte das Engagement der zur Regionalgruppe Baden-Württemberg gehörenden Sektion im Mai 2002 – mit einer Veranstaltung unter dem bezeichnenden Titel „Alles halb so schlimm?“ in Gäufelden-Tailfingen. Zum Vortrag geladen hatte man den renommierten Tübinger Professor und Feldforscher Utz Jeggle, Spezialist für jüdisches Leben in der Region. Das Thema seines Vortrags zeigte, wie schlimm es eben doch war: Jeggle sprach über die Entstehungsgeschichte des nahegelegenen Flugplatzes, den 1944 und 1945 Zwangsarbeiter ausbauen mussten – und des dazu gehörigen KZ-Außenlagers Hailfingen-Tailfingen des Konzentrationslagers Natzweiler/Elsaß, in dem über 600 jüdische Häftlinge unter unwürdigsten Bedingungen lebten und zu großen Teilen verhungerten, ermordet oder weiter deportiert wurden.

Was lange nur halbherzig thematisiert worden war, schien inzwischen ein Thema von Relevanz: „Wir haben vielleicht 30 Leute erwartet. Es kamen 300“, so Kipfer. Das Interesse beflügelte die Sektionsmitglieder und ihre Unterstützer in der Regionalen Arbeitsgruppe, die Nachforschungen zu intensivieren. „Da haben sich vor allem meine Kollegen Volker Mall und Harald Roth sehr engagiert, sind in Archive gegangen und haben auch die Nummern der Häftlinge recherchiert.“ Durch den Austausch mit der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ließen sich viele Namen rekonstruieren – und in einigen Fällen auch der Verbleib Überlebender. Einer von ihnen ist Mordechai Ciechanower aus Polen: Er besuchte das Gäu auf Einladung der Sektion zum ersten Mal 2005 und sprach vor 500 Menschen – weitere Begegnungen folgten. „Dieser erste Besuch war für uns  Ausgangspunkt für den ernsthaften Beschluss, hier eine Gedenkstätte zu realisieren“, erinnert sich Kipfer.

Nach einem politischen Kurswechsel auf Gemeindeebene wurde auch von dieser Seite Interesse signalisiert: Die Stadt Rottenburg erklärte sich bereit, auf dem Flugplatzgelände ein Mahnmal zu errichten, während im Tailfinger Rathaus ein Ausstellungs- und Dokumentationszentrum entstehen sollte. Beide wurden im Juli 2010 eröffnet – die Medienaufmerksamkeit war groß. Ein von Mall und Rother herausgegebene  Begleitbuch „Jeder Mensch hat einen Namen – Gedenkbuch für die 600 jüdischen Häftlingen im KZ-Außenlager  Hailfingen/Tailfingen“ erschien bereits 2009 – die Autoren wurden dafür mit dem Baden-Württembergischen Landespreis für Heimatforschung 2010 geehrt. Und auch ein Dokumentarfilm mit dem Titel „Das KZ-Außenlager Hailfingen/Tailfingen“ ist in Zusammenarbeit mit Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. unter der Regie von Bernhard Koch entstanden.

Ein langer, oft mühsamer und am Ende erfolgreicher Weg – für dessen Stein gewordenes Ziel sich nun nicht mehr nur die Initiatoren verantwortlich fühlen: „Es wurde natürlich befürchtet, dass das Mahnmal beschmiert oder zerstört werden könnte. Da haben dann zum Beispiel eine Zeit lang Mitglieder aus dem Hundesportverein auf dem Gelände campiert, um es zu schützen“, erzählt Kipfer. Nun ist es für sie und ihre Kollegen in der Sektion und der Regionalen Arbeitsgruppe Zeit, sich neuen Aufgaben zuzuwenden: „Träger der Gedenkstätte ist jetzt ein für diesen Zweck gegründeter Verein, in dem wir selbst teilweise auch Mitglieder sind. Als Sektion ziehen wir uns jetzt aus der Arbeit aber zurück.“ Auf die gemeinsame Zeit des Engagements für ein Gedenken, das zunächst nicht von allen gewollt war, blickt sie aber gern zurück: „Wir waren alle zusammen ein gutes Team.“

Kipfer und ihre Kollegen werden noch eine Gruppe von Jugend-Guides ausbilden – und sich dann auf anderen Wegen der Frage widmen, welche Lehren in der demokratischen Gegenwart aus der Vergangenheit gezogen werden können. „Wir möchten in künftigen Projekten noch mehr herausstellen, unter welchen Bedingungen ganz normale Menschen zu Verbrechern werden. Und wir möchten noch mehr junge Menschen erreichen.“ Die Wurzel ihrer Motivation sieht sie für sich und ihre Mitstreiter auch in ihrer Generationszugehörigkeit: „Wir sind Kinder der Tätergeneration. Wir können nichts ungeschehen machen, aber wir wollen etwas tun, das unsere Anteilnahme zeigt und wollen diese Anteilnahme auch der nächsten Generation vermitteln.“ Und ganz verlassen wird sie dabei, trotz oder gerade wegen neuer Projekte und Aktivitäten, auch das Mahnmal und das Dokumentationszentrum nicht: „Es steht nun an, die Bevölkerung hier zur Gänze davon zu überzeugen, dass das eine gute Sache ist.“

24.01.2011

Foto: Sektion Böblingen-Herrenberg-Tübingen von GVfD e. V.

Das zur KZ-Gedenkstätte Hailfingen-Tailfingen gehörenden Mahnmal auf dem Gelände der
ehemaligen Start- und Landebahn des Nachtjägerflugplatzes; © Sektion Böblingen-Herrenberg-Tübingen von GVfD
Detailansicht des Mahnmals; © Sektion Böblingen-Herrenberg-Tübingen von GVfD
Einweihung des Mahnmals am 6.6.2010; © Sektion Böblingen-Herrenberg-Tübingen von GVfD
Eröffnung der KZ-Gedenkstätte Hailfingen-Tailfingen am 6.6.2010; © Sektion Böblingen-Herrenberg-Tübingen von GVfD
Im Gedenkraum der KZ-Gedenkstätte Hailfingen-Tailfingen; © Sektion Böblingen-Herrenberg-Tübingen von GVfD
Zeitleiste mit einer von drei Video-Stelen, auf denen Besucher der KZGedenkstätte
insgesamt 15 Interviews mit Zeitzeugen aufrufen können; © Sektion Böblingen-Herrenberg-Tübingen von GVfD
Der erste Zeitzeuge, den die Sektion finden konnte: Mordechai Ciechanower aus Israel; © Sektion Böblingen-Herrenberg-Tübingen von GVfD
Interview mit dem Zeitzeugen Sam Baron aus den USA; © Sektion Böblingen-Herrenberg-Tübingen von GVfD