Ort:

Frankfurt (Oder), Brandenburg

Wer:

  • Institut für angewandte Geschichte – Gesellschaft und Wissenschaft im Dialog e. V.
  • Ende der 1990er Jahre zunächst als studentische Initiative aktiv
  • 2001 Vereinsgründung unter dem Namen Transkultura
  • 2007 Namensumbenennung
  • ca. 40 Mitglieder (Stand Januar 2011)
  • bis zu 10 Mitarbeiter auf Honorarbasis und 3 Angestellte im Förderprogramm „Geschichtswerkstatt Europa“
  • Finanzierung über Projektförderung und Spenden
Was:

Das Institut für angewandte Geschichte e. V. engagiert sich ausgehend von der Oderregion grenzüberschreitend mit Seminaren, Veranstaltungen, Projekten und Exkursionen für die Vermittlung regionaler und überregionaler Geschichte in Mittel- und Osteuropa. Arbeitsschwerpunkte sind europäische Erinnerung, Brandenburg und Woiwodschaft Lebus/Lubiskie als deutsch-polnisches Grenzland sowie die Vermittlung interkultureller historisch-politischer Bildung.

Geschichte(n) im Grenzland

Institut für angewandte Geschichte – Gesellschaft und Wissenschaft im Dialog e. V.

Vor rund 10 Jahren gründeten deutsche und polnische Studierende der Europa-Universität Viadrina eine Initiative, deren Name Programm war: „Transkultura“. Sie organisierten Autorenlesungen, Filmvorführungen und Vieles mehr in ihren (Wahl-)Heimatstädten Frankfurt (Oder) und Słubice. Aus den Initiatoren sind längst Absolventen geworden – und aus dem einstigen losen Verbund eine professionell arbeitende Plattform, deren neue Bezeichnung „Institut für angewandte Geschichte e. V.“ ebenfalls beredt ist.

„Anfangs ging es rein um einen deutsch-polnischen Kulturaustausch. Das war sozusagen die erste Generation. Inzwischen haben wir den Fokus auf die Entwicklung neuer Formate in der Vermittlung lokaler Geschichte und Analyse von Erinnerungskulturen gelegt.“ Stephan Felsberg, Geschäftsführer des Instituts, beschreibt diese inhaltliche Verlagerung als eine Entwicklung, die sich ganz natürlich aus dem stark wachsenden Interesse der Aktiven – überwiegend junge Akademiker mit Abschlüssen in historischen Fächern – für die spannende Situation im Grenzland ergeben hat. „Das ist schon etwas Besonderes hier mit der Doppelstadt Frankfurt (Oder) – Słubice.“ Zum anderen ist die Geschichte der Vereinsgründung auch ein Prozess der Professionalisierung ehemals studentischen Engagements – mit allen Glücksmomenten und auch Schwierigkeiten, die damit verbunden sind.

Glücksmomente zum Beispiel, „weil es Spaß macht, gemeinsam mit anderen etwas Eigenes aufzubauen und zu sehen, das geht“, so Felsberg. Und Schwierigkeiten, weil natürlich immer das Geld knapp ist. „Ab einem bestimmten Punkt kann man Projekte, wie wir sie initiieren, ja nicht mehr im engeren Sinne ehrenamtlich und neben dem Studium machen. Das muss irgendwie finanziert werden.“ Zumal die Palette an Angeboten sehr breit ist. Zu den Highlights der letzten Jahre gehören neben zahlreichen Ausstellungen, Vorträgen, Seminaren und Veranstaltungen etwa ein gemeinsam mit Studierenden der Viadrina erarbeiteter Audio-Stadtführer, der jüdisches Leben in Frankfurt (Oder) hör- und sichtbar macht, die 1. Internationale Sommerakademie „Geschichte durch Kunst erkunden“ in Krzyżowa/Kreisau (Polen) oder die Dokumentarfilmreise „Border Speaking“ entlang der ehemaligen innereuropäischen Grenze. Nicht zu vergessen auch die alljährliche Einladung an alle Bürger von Frankfurt und Słubice in die OderStrandBar, um gemeinsam zu „Baden wie zu Omas Zeiten“.

Die Projektkoordinatoren für diese und alle anderen Aktivitäten arbeiten auf Honorarbasis – in Hochzeiten sind es bis zu zehn, und leben kann niemand von ihnen allein durch diese Arbeit. „Das geht nur, wenn man noch einen anderen Beruf hat“, so Felsberg. Weshalb er und seine Kolleginnen und Kollegen dennoch weiter machen, auch wenn dies eine mehrgleisige Berufstätigkeit bedeutet – und nicht selten ein Pendeln zwischen verschiedenen Städten? „Es ist zunächst einmal toll, sich mit Inhalten auseinanderzusetzen, die einen stark interessieren, zusammen mit anderen, die es wirklich alle drauf haben. Und dann ist da die methodische Herausforderung, also die Frage, wie man Menschen für die Geschichte ihrer Region begeistert. Wie man sie dazu anregen kann, sich mit ihrer eigenen Geschichte zu beschäftigen und für die spezielle Situation, in der wir hier sind, ein historisches Verhältnis zu entwickeln .“

Ein besonderes Angebot, das hierzu die Möglichkeit bietet, ist auch eine besondere Reisebegleitung auf historischen oder sogar – wenn gewünscht – familiären Spuren im Osten. Die Idee dazu wurde rund vier Jahren vom Verein entwickelt und aufgebaut und war ein voller Erfolg. Heute ist „HeimatReise“ ein eigenes Unternehmen und bietet auch Ausflüge und Fahrten in die geschichtsträchtige Grenzregion Ostbrandenburg – Woiwodschaft Lebus/Lubiskie. Wer ein ganz konkretes Ziel hat, kann sich seine persönliche Reise zusammenstellen lassen – zum Beispiel an den Ort der Kindheit oder in das Dorf der Großeltern, Recherche und Begleitung inklusive.

„HeimatReise“ ist nur einer von vielen Partnern und Unterstützern, mit denen das Institut für angewandte Wissenschaft zusammenarbeitet – ein anderer ist naheliegenderweise die Europa-Universität Viadrina. Besonders wichtig ist für den Verein auch die Kooperation mit der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“, für die er mit drei eigens dafür abgestellten Mitarbeitern das Förderprogramm „Geschichtswerkstatt Europa“ verwaltet. „Wir sehen das als Anerkennung unserer Arbeit, dass man uns das anvertraut hat“, so Felsberg. Der Kontakt kam ursprünglich über eigene Förderanträge und gemeinsame erfolgreiche Projekte zustande – jetzt stehen er und seine Kollegen in diesem Fall am  anderen Ende der Fördermittelvergabe. Eine Aufgabe mit Verantwortung, der sich das Institut nun schon seit drei Jahren stellt. „Das machen zu dürfen war auch für uns als Verein ein wichtiger Anstoß zur Professionalisierung, denn damit gingen ja auch einige Anforderungen und zugleich auch Möglichkeiten einher, sich neu zu strukturieren.“

Endgültig gefunden ist eine neue Struktur noch nicht, gerade auch im Hinblick auf die Finanzierung des Instituts, um die sich immer wieder neu bemüht werden muss. Auf einem spannenden Weg ist das Projekt jedoch allemal.

27.01.2011

Foto: Institut für angewandte Wissenshaft e. V.

Deutsch-polnische Ausstellung „Die Ostbahn im Spiegel der Zeit – Eine Reise von Berlin nach Königsberg“, Eröffnung Juni 2010; © Institut für angewandte Geschichte
Border Speaking 2009 – eine Dokumentarfilmreise entlang der ehemaligen innereuropäischen Grenze; © Institut für angewandte Geschichte
Historische Ansicht der Post in Frankfurt (Oder); © Institut für angewandte Geschichte
Geschichtswerkstatt – ein Programm der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“. Das Institut für angewandte Geschichte ist in Kooperation mit der Europa-Universität Viadrina für die Förderung von Projekten im Rahmen des Porgramms verantwortlich; © Institut für angewandte Geschichte
In 2009 wurden in Frankfurt (Oder) und Słubice 18 Stolpersteine verlegt; © Institut für angewandte Geschichte
HeimatReise 2005; © Institut für angewandte Geschichte