Ort:

Pirna, Sachsen

Wer:

  • Aktion Zivilcourage e. V.
  • gemeinnütziger, überparteilicher Verein, Gründung 2004
  • über 80 ehrenamtliche Mitarbeiter/innen, fünf Angestellte und ein Freiwilliger im FSJ Politik der Sächsischen Jugendstiftung (Stand 01/2011)
  • anerkannter Träger der freien Jugendhilfe nach § 75 SGB VIII
Was:

Das überparteiliche Bündnis Aktion Zivilcourage e. V. unterbreitet Beratungs- und Bildungsangebote, organisiert Kultur-, Zeitzeugen-, Vortragsveranstaltungen, Schüler/innenprojekte, Gedenkfahrten und initiiert Kampagnen aus dem Themenspektrum Gedenken und Demokratiebildung sowie Antirassismus- und Antidiskriminierungsarbeit. Die Arbeit des Vereins fokussiert sich auf den Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge.

„Wegziehen oder etwas tun"

Aktion Zivilcourage

Immer mehr Skinheads im Ort und die NPD im Stadtrat – wie so viele andere Orte bedrohte dieses Szenario Ende der 1990er Jahre auch das idyllische Pirna. Wie aus dem Unmut hierüber eine mutige Bürgerinitiative wurde, die das Gesicht der Kreisstadt im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge veränderte – das ist die Geschichte der Aktion Zivilcourage e. V. in Pirna.

Das war hier mal sozusagen eine der ,Vorzeigeregionen des Bösen’“. Sebastian Reißig, Geschäftsführer der Aktion Zivilcourage e. V. in Pirna und Mitinitiator der ersten Stunde, erinnert sich noch wie es war, als Ende der 1990er Jahre für viele Menschen in Pirna Angst das Klima prägte – Angst vor Übergriffen von rechts außen und auch vor den Konsequenzen, die ein Erstarken der NPD in der Region und auf Landesebene mit sich bringen würde. Eine Handvoll Freunde, alle selbst immer wieder mit rechtsextremer Gewalt konfrontiert, wollten dazu nicht länger schweigen, auch wenn nicht sofort klar war, was zu tun sei. Ein erster Schritt war der Runde Tisch für Zivilcourage, an den Vertreter aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens gebeten wurden. „Wir wollten möglichst breit kommunizieren, dass wir hier ein Problem haben“, so Reißig.

Nicht jeder und jede war sofort überzeugt, dass entschlossenes Handeln die richtige Option sei – Pirna lebt nicht zuletzt auch vom Tourismus, der schnell ausbleiben kann, wenn braune Umtriebe bekannt werden. Zudem war es nicht ungefährlich, aktiv zu werden: So konnten zum Beispiel die Aufrufe zu verschiedenen Aktivitäten anfangs nicht namentlich unterzeichnet werden, da die Urheber sich sonst zur Zielscheibe für rechtsextreme Gruppen gemacht hätten. Dennoch entschied man sich 2000 dafür, Gesicht zu zeigen – mit großer Resonanz. Dem Aufruf zu einer Demonstration gegen Rechts folgten 800 Bürgerinnen und Bürger aus Pirna, bei knapp 40.000 Einwohnern eine beachtliche Zahl.

Das öffentliche Bekenntnis wurde zur Initialzündung für die Gründung des Vereins „Aktion Zivilcourage“ – und dann begann eine eindrückliche Geschichte. Eine Geschichte der Vernetzung: Der Deutsche Gewerkschaftsbund wurde auf die Initiative aufmerksam und unterstützte mit Büroräumlichkeiten und Computern; andere Partner in Zivilgesellschaft und Politik, bei der Kirche und der Polizei folgten. Eine Geschichte des Wachsens: Heute zählt der Verein 85 Mitglieder, von denen rund 20 sehr aktiv sind, und beschäftigt fünf hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und vor allem eine Geschichte der Veränderung: Die Region verzeichnet einen permanenten Rückgang bei den Wahlergebnissen für rechtsextreme Parteien, Aggressionen und Straftaten mit rechtsextremem Hintergrund gehen seit Jahren zurück. Allein mit der Angst zu sein, das ist in Pirna damit inzwischen ebenfalls Geschichte.

Für Reißig und sein Team heißt das jedoch nicht, sich zurückzulehnen. „Wir wollen mit Menschen darüber diskutieren, was Demokratie für sie bedeutet, welchen Geschmack das haben kann, sich zu beteiligen. Dadurch wird das Thema Zivilcourage positiv besetzt, nicht einseitig negativ als Engagement gegen Rechts, da kriegen die Rechten viel zu viel Aufmerksamkeit, sondern als Engagement für Demokratie.“ Das Angebot ist groß: Die Vereinsmitglieder organisieren Fahrten zu Gedenkstätten und Begegnungen mit Zeitzeugen, machen Bildungs- und Beratungsangebote oder initiieren Kulturveranstaltungen wie regionale Konzert- und Partyreihen, die angesichts einer nach wie vor durch rechte Beeinflussung bedrohten Jugendszene einen geschützten Raum bietet.

Dass junge Menschen auf eine direkte Ansprache ziemlich prompt reagieren, zeigte auch eine speziell sie ansprechende Aktion: Aus der Plakat-Kampagne „Ich wähl mir eine(n)!“ resultierte bei den Kreistags-, Landrats- und Bürgermeisterwahlen 2008 die sachsenweit höchste Wahlbeteiligung. Für die Zukunft steht an, dieses Potenzial an Engagement anzusprechen und zu unterstützen, gerade auch auf dem Land. „Uns geht es nicht nur um den Studenten aus dem Szenekiez in der Großstadt, der kennt uns vielleicht ohnehin schon. Sondern auch zum Beispiel um den jungen Fußballtrainer auf dem Dorf, wenn wir den ansprechen können, und wenn der Lust hat, sich mit dem Thema Zivilgesellschaft auseinanderzusetzen, ist der auch Multiplikator.“

Und auch Unterstützung bei der Selbstorganisation ist ein Thema für die Aktion Zivilcourage. Deshalb werden die eigenen Erfahrungen gern an andere, Rat suchende Initiativen weitergegeben. Unter der Überschrift „Projektschmiede“ entwickeln Bürgerinnen und Bürger aus Pirna und Umgebung in Begleitung Ideen und Projekte, die die Demokratie stärken sollen. Denn: „Wir haben den Rechtsextemen gezeigt, dass sie eben nicht sagen, was alle denken. Die Mehrheit denkt und will nämlich etwas ganz anderes.“

 

20.12.2010

Foto: Aktion Zivilcourage e. V.

© Aktion Zivilcourage e. V.
“Die Sächsische Schweiz ist bunt.” © Aktion Zivilcourage e. V.
Besuch in Israel anlässlich eines deutsch-israelisch-palästinensischen Fachkräfteaustauschs 2010, © Aktion Zivilcourage e. V.
Besuch der Stadt Krakau 2010, © Aktion Zivilcourage e. V.
Interkulturelles Schachturnier zum Markt der Kulturen 2010, © Aktion Zivilcourage e.V.
Zeitzeugengespräch mit Michal Salomonovic 2010, © Aktion Zivilcourage e. V.