Ort:

Remagen, Rheinland-Pfalz

Wer:

  • Bündnis Remagen für Frieden und Demokratie
  • Gegründet 2009
  • 150 Mitglieder, davon 10 Personen als aktiver Kern
  • Finanzierung aus Spenden, Eigenmitteln, städtischen Mitteln sowie Preisgeldern
Was:

Das Bündnis Remagen für Frieden und Demokratie setzt sich für Friedens- und Versöhnungsarbeit und die Aufarbeitung der Geschichte der Remagener Brücke ein. Hierfür organisiert das Bündnis zusammen mit Partnern Veranstaltungen, Feste, Gottesdienste und Vorträge und leistet Aufklärungsarbeit in Schulen, politischen Gremien und in der Öffentlichkeit.

Brücken schlagen

Bündnis Remagen für Frieden und Demokratie

„Die Brücke von Remagen“ lautet der Titel eines bekannten Spielfilms von 1969. Die Geschichte – im Film wie in der Realität – ist bekannt: Über die Ludendorff-Brücke nahe der Stadt gelangen die Alliierten des Zweiten Weltkriegs am 7. März 1945 erstmals über den Rhein. Es ist der Beginn vom Ende Nazi-Deutschlands. Ab den 1970er Jahren machen friedensbewegte Remagener Bürgerinnen und Bürger die berühmte Brücke zu einem Symbol der Versöhnungsarbeit. Rund 25 Jahre später marschieren Neonazis in einem Trauerzug durch die Stadt – ein geschichtsklitternder Affront für ihre engagierten Bewohnerinnen und Bewohner, die dem rechtsextremen Blick auf die Vergangenheit des Ortes etwas entgegensetzen wollen. Das ist die Geburtsstunde des Bündnisses Remagen für Frieden und Demokratie.
„Wir haben hier vor Ort eine lange Tradition der Friedensbewegung“, erzählt Agnes Menacher, Sprecherin des Bündnisses. „Aber gleichzeitig ist die Stadt mit ihrer Brücke auch ein Anziehungspunkt für die rechte Szene und ihre Geschichtsverfälschungen.“ 2005 fand anlässlich eines Treffens der alliierten Kriegs-Veteranen zum ersten Mal ein von Neonazis organisierter Trauermarsch statt – zum für ihre Zwecke instrumentalisierten Gedenken an die Toten der sogenannten Goldenen Meile statt. „Natürlich sind in den Kriegsgefangenen-Lagern der Alliierten Menschen ums Leben gekommen“, so Menacher. „Aber es ist ein Missbrauch der Geschichte und auch ein Missbrauch des Andenkens der Toten, das nicht in den Kontext der gesamten Geschichte Nazi-Deutschlands zu stellen.“

Aus den Reihen des Arbeitskreises Stolpersteine und des ökumenischen Arbeitskreises Geschichte heraus entstand der Impuls für eine Mahnwache anlässlich des ungebetenen Aufmarsches. Und als sich der rechtsextreme Spuk 2009 wiederholte, begann die kleine Gruppe zu überlegen, wie sie ihren Widerstand professioneller gestalten könne. Menacher: „Wir wollten das nicht ignorieren und sagen: ,Lass die doch marschieren, das geht ja wieder vorbei.' Wir haben dann mit den örtlichen Pfarrern zusammengesessen und beschlossen, ein Bündnis ins Leben zu rufen.“ Ganz bewusst sollte dies einen positiv besetzten Namen tragen. So entstand das Bündnis Remagen für Frieden und Demokratie, ein rein ehrenamtlicher Zusammenschluss engagierter Menschen. „Für eine Vereinsgründung fehlen uns die personellen Ressourcen, denn jeder und jede von uns ist noch in andere Zusammenhängen aktiv, in der lokalen Politik, in der Kirche oder anderweitig. Aber wir sind auch ohne diese äußere Form sehr rege und finden langsam Anerkennung.“

Tatsächlich sind die Aktivitäten des Bündnisses sehr umfangreich – und die Gruppe an sich ist gut vernetzt. Man arbeitet nicht zuletzt eng mit dem Friedensmuseum Brücke von Remagen zusammen, das Ende der 1970er Jahre vom Remagener Bürgermeister Hans Peter Kürten initiiert und 1980 eröffnet wurde und die Geschichte der Brücke dokumentiert. In der Folge entstand auch die Friedenskapelle Schwarze Madonna, die an das Leid der ehemaligen Kriegsgefangenen erinnert, „ohne jedoch den Zusammenhang zu vergessen, aus dem heraus dieses Leid entstand“, so die Bündnis-Sprecherin. Die Friedenskapelle ist immer wieder Ausgangspunkt für Veranstaltungen und Friedensfeste, die man zusammen mit Partnern aus Politik, Kirche und Gesellschaft initiiert: „Unser erstes großes Friedensfest haben wir im Mai 2010 veranstaltet“, erinnert sich Menacher. „Wir befürchteten einen neuen Nazi-Aufmarsch und wollten ein Zeichen dagegen setzen mit einem Gottesdienst an der Kapelle und mit Ausstellungen, Konzerten und Veranstaltungen an verschiedenen Orten in Remagen.“

Das Fest war ein großer Erfolg – und die Aktivitäten des Bündnisses für Frieden und Demokratie werden von den Remagener Bürgerinnen und Bürgern seither immer besser aufgenommen. „Laut zu sagen, dass man vor Ort keinen Rechtsextremismus haben will, ist akzeptabel geworden“, fasst Menacher ihre Beobachtung zusammen. „Viele wollten erst nicht offensiv mit dem Thema umgehen. Das hat sich aber geändert.“ Dazu trägt auch bei, dass die Gruppe professioneller geworden ist und sich intensiv hat beraten lassen: „Wir mussten uns ja erst einmal überhaupt kundig machen: Wie sieht die rechtsextreme Szene aus? Was können und dürfen wir dagegen tun?“

Hilfe bekam die Gruppe vom landesweiten Beratungsknoten gegen Rechtsextremismus in Rheinland-Pfalz: „Die Seminare und Fortbildungen hätten wir uns anders gar nicht leisten können“, so Menacher. Der Aufwand an Zeit und Energie hat sich gelohnt – die Gruppenmitglieder sind darüber selbst zu Experten für ihre Region geworden, die ihr Wissen in Vorträgen, gegenüber lokalen politischen Gremien und in der Kooperation mit Schulen weitergeben. Von der Zusammenarbeit mit dem örtlichen Gymnasium bis zur Überzeugungsarbeit auf politischer Ebene reicht das Spektrum. Menacher: „Das Thema Rechtsextremismus wurde auch Thema im Kreistag, und der hat im Dezember 2010 eine entsprechende Resolution verabschiedet.“ (Beispiel „braunes Haus“ entfernt)

Inzwischen wird die engagierte Arbeit des Bündnisses auch auf überregionaler Ebene wahrgenommen. Eine Delegation der Gruppe wurde zur Gedenkveranstaltung des Bundespräsidenten anlässlich der NSU-Morde nach Berlin eingeladen, und in diesem Jahr erhält das Bündnis unter anderem den Preis des Bündnisses für Demokratie und Toleranz gegen Extremismus und Gewalt. „Das ist eine wunderbare Ehre – und es bedeutet natürlich auch mehr Arbeit. Wir wurden zum Beispiel gefragt, ob wir uns in den Lokalen Aktionsplan einbringen können und haben das natürlich auch sehr gern getan“, so Menacher.

Weniger zu tun bekommen sie und ihre Kolleginnen und Kollegen auch in diesem Jahr nicht. Geplant ist etwa eine neue Auflage der 2011 ins Leben gerufenen Kunst-Aktion 2T in den Remagener Brückenpfeilern. Und nachdem im November 2012 das Bündnis zum ersten Mal gemeinsam mit dem Bürgermeister der Stadt zum Tag der Demokratie mit Infomeile, Gottesdienst, Moscheen-Besuch und einem interkulturellen Programm aufgerufen hatte, soll diese erfolgreiche Aktion 2013 wiederholt werden. Das ist ein starkes Signal auch an jene, die den Aktivitäten der Gruppe bisher eher abwartend gegenüber standen – nicht aus einer Zustimmung zum Rechtsextremismus heraus, sondern eher aufgrund einer Haltung des Sich-nicht-einmischen-Wollens. „Man muss sich aber einmischen. Man darf die Rechtsextremisten nicht einfach machen lassen und hoffen, dass das von selbst aufhört“, weiß die Bündnis-Sprecherin. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

22.02.2013

Foto: Bündnis Remagen für Frieden und Demokratie

Mahnwache am Ort der ehemaligen Synagoge, 9. November 2012 (Gestaltung der Leinwand von Gregor Brendel, initiiert vom Jugendbahnhof Remagen; © Bündnis Remagen für Frieden und Demokratie
Logo des Bündnisses Remagen - Für Frieden und Demokratie; © Bündnis Remagen für Frieden und Demokratie
Vorstellung des neuen Logos vor der Friedenskapelle. V.l.n.r.: Gründungsmitglieder Karin Keelan, Ali Tzinali, Rita Kupfer, Agnes Menacher, Dipl.- Grafiker Volker Thehos
; © Bündnis Remagen für Frieden und Demokratie
Klausurtagung des Bündnisses im NS- Dokumentationszentrum EL-DE-Haus in Köln, September 2012; © Bündnis Remagen für Frieden und Demokratie
Luftballon-Aktion mit Friedensbotschaften des Jugendbahnhofs beim Friedensfest, 8. Mai 2010; © Bündnis Remagen für Frieden und Demokratie