Ort:

Berlin, Mainz/Rheinland Pfalz

Wer:

  • WorldCitizen
  • 2009 in Berlin gegründet
  • bundesweit stattfindende Seminare
  • 4 Initiatoren und 15 aktive Botschafter, Netzwerk umfasst ca. 1.000 WorldCitizen
  • Finanzierung aus Projektförderung, Spenden, einem Stipendium und aus Preisgeldern
  • diverse Auszeichnungen, darunter der Ashoka Changemaker Award 2010
Was:

We are WorldCitizen ist ein Projekt, das im Rahmen von dreistufigen Workshops das Konzept einer WorldCitizen-Identität vermittelt. Das Ziel dieser Workshops ist es, junge Menschen miteinander ins Gespräch über die Frage zu bringen, wer sie sind und was sie ausmacht. Der Grundgedanke ist dabei, dass zwar alle Menschen unterschiedlich sind, aber viele Gemeinsamkeiten haben und vor allem alle Menschen und Bürger derselben Welt sind.

Unter Weltbürgern

WorldCitizen

„Wir sind alle unterschiedlich, aber wir sind alle Menschen und Bürger dieser Welt“ – so lautet die ebenso einfache wie überzeugende Botschaft der WorldCitizen. Doch einfach heißt nicht simpel: Die Workshops der jungen Leute um Initiator Salah Said vermitteln nicht weniger als das komplizierte, große Ganze der Identitätsfrage. Wer sind wir? Was unterscheidet uns? Was verbindet uns? Das klingt bekannt, doch in der Initiative WorldCitizen ist vieles anders als anderswo – von den Worldaholics  bis zu der Aussage, dass die WorldCitizens sich selbst überflüssig machen wollen.


„Woher kommst Du?“ Diese Frage hat Salah Said schon oft gehört, und meist antwortet er darauf: aus Trier. „Bei manchen Menschen steckt schon Interesse dahinter“, so der WorldCitizen-Initiator, „aber oft schwingen auch Vorurteile mit.“ Und zwar nicht gegen die alte Römerstadt an der Mosel, sondern gegen Menschen mit Migrationshintergrund. Saids Eltern kommen aus Palästina, er selbst wurde in Rheinland-Pfalz geboren und hat einen deutschen Pass. Trotzdem muss er sich immer wieder zu seiner Herkunft äußern, „obwohl das über einen Menschen viel weniger aussagt als seine Interessen und Hobbies zum Beispiel.“ Erfahrungen mit Diskriminierung im Alltag, auch in der Schule, brachten ihn früh dazu, über Identität nachzudenken – und führten ebenso früh zu politischem Engagement. Said hatte maßgeblichen Anteil daran, dass das Gymnasium, das er in Berlin-Kreuzberg besuchte, eine „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ wurde und entschied sich nach dem Abitur bewusst für ein Studium der Politikwissenschaften in Mainz. Die Initiative WorldCitizen liegt direkt auf dieser Linie – und hat eine spannende Vorgeschichte.

„Ich habe mich irgendwann gefragt“, so Said, „wie man ganz unterschiedliche Menschen dazu bringt, sich wirklich persönlich auszutauschen.“ Vor drei Jahren wurde daraus die Idee für ein Projekt: „Ich habe erst einmal meine Freunde und meine Familie gefragt, was sie davon halten, und dann haben wir mit ein paar Jungs ein Konzept entwickelt.“ Die „Jungs“ sind, abgesehen von Said, Cem Baran Keskin, Hans Storck und Amirreza Ohadi – und ihr Berliner Pilotprojekt trägt zunächst einen Namen, der auch ihre eigene Zusammensetzung gut beschreibt: interkultureller Dialog. „Wir haben einen dreitägigen Workshop veranstaltet mit 15 Jugendlichen mit vorwiegend palästinensischem Hintergrund und 15 Schülerinnen und Schülern einer jüdischen Oberschule in Berlin.“ Es geht um Integrations- und Bildungspolitik. Und es geht um ganz persönliche Interessen, um Musik und alles, was angehende junge Erwachsene interessiert. „Das war eine super Erfahrung. Ein echter Kick-off“, so Said.

Der Rest ist schnell erzählt: Said und seine Kollegen überarbeiten das Konzept zu einem dreistufigen Workshop – Gemeinsamkeiten finden, Identitäten erforschen, die WorldCitizen-Ebene herstellen – und bieten es Bildungsträgern, Jugendgruppen und Schulen an. Hier gilt es zunächst einmal, überhaupt zum Zuge zu kommen. Said: „Viele Schulen zum Beispiel werden ja heutzutage überrannt mit Angeboten. Da muss man ein bisschen herausstechen.“ Ein Erfolgsgeheimnis: „Man darf den oft ohnehin schon überlasteten Lehrern keine zusätzliche Arbeit machen.“ Deshalb sind Lehrer und Gruppenleiter bei den Workshops gleichberechtigter Teil der Gruppe ohne Moderationsfunktion – oder halten sich ganz aus dem Geschehen heraus. Der Erfolg gibt den Initiatoren recht. Said: „Die Workshops werden sehr gut angenommen. Und wir bekommen oft die Rückmeldung, dass sich gerade ‚Problemschüler‘ stark beteiligen und danach besser in die Gruppe integriert sind.“

Überhaupt ist Nachhaltigkeit ein wichtiges Thema für die WorldCitizen, die heute von Berlin und Mainz aus agieren: „Wir regen die Teilnehmenden an, in ihrem Umfeld und mit unserer Unterstützung selbst WorldCitizen-Aktionen zu starten und damit weiterzugeben, was sie erfahren haben“, so Said über die langfristige Perspektive. Aktuell etwa unterstützen die WorldCitizen ein Berliner Kunstprojekt mit Jugendlichen auf ihrem Weg zu Weltbürgern. Wer das offen verfügbare WorldCitizen-Konzept auf diese oder andere Weise weiterträgt, wird damit ein Worldaholic – und kann sich mit anderen Worldaholics auf der Webseite des Projekts und auf Facebook vernetzen und Erfahrungen austauschen. Je mehr sich beteiligen, desto weiter kann sich die Idee verbreiten, denn Said und seine Kollegen können neben Studium und Job selbst nur eine begrenzte Zahl an Workshops veranstalten. „Unser Ziel ist dann erreicht, wenn alle zu WorldCitizen geworden sind und wir nicht mehr gebraucht werden“, so Said. Als Naivität will er eine solche Aussage nicht missverstanden wissen, wohl aber als Statement: „Das klingt natürlich ein bisschen größenwahnsinnig, aber eine Vision ist einfach sehr wichtig.“

Und so vermessen klingt die Perspektive gar nicht, gemessen daran, dass die WorldCitizen kurz davor stehen, eine Initiative ähnlich der „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ ins Leben zu rufen. „WorldCitizen goes school“ ist der Name des Konzepts, und Schulen, die dieses Zertifikat tragen möchten, werden Said und seine Kollegen dabei unterstützen, Aspekte wie Vielfalt, Toleranz und Weltbürgertum in Lehrpläne zu integrieren und regelmäßige Veranstaltungen zum Thema durchzuführen. Ein ehrgeiziges Ziel – zu dem auch der Plan gehört, engagierte Lehrer finanziell zu unterstützen. Doch auch die eigenen Finanzen sind immer wieder Thema: „Die Workshops veranstalten wir kostenlos, aber es entstehen ja Kosten drum herum.“ Eine bezahlte Stelle für das Projekt ist ein wichtiges Ziel für die Zukunft, denn ab einem bestimmten Zeitpunkt ist auch der zeitliche Aufwand rein ehrenamtlich nicht mehr zu schaffen. Es wäre auch ein sichtbares Zeichen einer Professionalisierung, denn, so Said: „Wir sind ja alle sehr jung, und manche, die uns noch nicht kennen, fragen sich erst mal, wie viel sie uns zutrauen können.“ Letztlich eine Menge – so wie die Partner von AFS – Interkulturelle Begegnungen e.V., für die die WorldCitizen im April 2012 ein komplettes Seminar für 30 Schülerinnen und Schüler durchgeführt haben – aus aller Welt. Die WorldCitizen machen ernst: Es geht ihnen wirklich um Weltbürger.

05.01.2012


Foto: WorldCitizen

Das WorldCitizen-Team auf dem FEZ-Fest zum internationalen Kindertag 2011; © WorldCitizen
WorldCitizen-Logo; © WorldCitizen
Initiator Salah Said; © WorldCitizen
Mitbegründer Cem Baran Keskin; © WorldCitizen
Mitbegründer Hans Storck; © WorldCitizen
Mitbegründer Amirreza Ohadi; © WorldCitizen
DemokratieFest 2012 im Schloss Bellevue: Gastgeber Bundespräsident Joachim Gauck und die WorldCitizen-Begründer machen gemeinsam das WorldCitizen-Handzeichen; © WorldCitizen
Auf dem FEZ-Fest zum internationalen Kindertag 2011; © WorldCitizen
WorldCitizens auf der YouMesse in Berlin im Oktober 2010; © WorldCitizen
Aus einem Workshop; © WorldCitizen
Aus einem Workshop an der Hermann-Hesse-Schule Berlin; © WorldCitizen