Ort:

Jamel, Mecklenburg-Vorpommern

Wer:

  • Birgit und Horst Lohmeyer
  • Kulturelles Engagement für Demokratie und gegen Rechtsextremismus
  • erste Veranstaltung 2007 („Jamel rockt den Förster“)
  • Finanzierung aus Fördergeldern
Was:

Die Autorin Birgit Lohmeyer und der Musiker Horst Lohmeyer erwarben 2004 das Forsthaus Jamel und begannen bald darauf, sich gegen rechtsextreme Umtriebe in Jamel und Umgebung zu engagieren. Zu ihren Aktivitäten gehören das jährliche Musikfestival „Jamel rockt den Förster“ und verschiedene andere kulturelle Veranstaltungen.

Waldrandlage mit Neonazis

Birgit und Horst Lohmeyer

Als Birgt und Horst Lohmeyer 2004 das Forsthaus Jamel beziehen, erfüllen sie sich ihren Traum für die zweite Lebenshälfte: als Kulturschaffende auf dem Land zu leben. Dass zu ihren neuen Nachbarn auch der bekannte Rechtsextreme Sven Krüger gehören wird, ist der Schriftstellerin und dem Musiker bewusst – und sie sind bereit, sich dieser Situation zu stellen. Es bleibt jedoch nicht bei einem „Kameraden“: Schon bald gilt die 40-Seelen-Gemeinde Jamel bundesweit in den Medien als brauner Schandfleck. Für die Lohmeyers beginnt damit ein neues Leben – geprägt vom aktiven Engagement gegen den Rechtsextremismus vor ihrer Haustür.


„Wir sind ja sozusagen ‚Stadtflüchtige‘ aus Hamburg. Und hier stimmt einfach alles, die Landschaft, das Grundstück, das Haus.“ Wer mit der Autorin Birgit Lohmeyer spricht, sieht nach wenigen Worten eine Mecklenburg-Vorpommersche Forsthaus-Idylle vor seinem inneren Auge aufsteigen. Doch das Bild vom guten Leben auf dem Land wird schnell mit einer weiteren Realität konfrontiert: „Da sind dann aber eben auch die rechtsextremen Nachbarn, das ist die weniger schöne Seite.“ Und diese Nachbarn wurden durch gezielte Immobilienkäufe Krügers mit der Zeit nicht nur immer mehr, sie waren und sind auch überaus aktiv – in einschlägiger Weise. Zwar engagiert sich die Gemeinde inzwischen mit eigenen Landkäufen gegen den braunen Zuzug. Was aber eine nach Lohmeyers Schätzung derzeit zu 60 Prozent aus Neonazis bestehende Dorfgemeinschaft im Alltag für diejenigen heißen kann, die sich den Rechtsextremen entgegenstellen, hat man so schon oft gehört oder gelesen: Mist vor der Tür, tote Ratten im Briefkasten, verbale Einschüchterungsversuche, Sachbeschädigung, Nötigung im Straßenverkehr... Für die Lohmeyers sind dies jedoch erlebte Tatsachen und keine bloßen Meldungen in den Medien.

Eine Zeitungsnotiz hingegen war es, die auf dem Forsthof die Dinge richtig ins Rollen brachte: „Jamel ist ja schon eine Zeit lang als Neonazi-Hotspot berüchtigt. Eine Abgeordneten-Delegation des Schweriner Landtags hatte dem Dorf daraufhin einen Besuch abgestattet, und hinterher war in der Zeitung zu lesen: ‚Ein Dorf in rechter Hand‘. Wir sind aber auch das Dorf, und das konnten wir nicht auf uns sitzen lassen“, so Lohmeyer. Es folgte ein Brief an den Innenausschuss mit einer Einladung auf den Forsthof – und die Abgeordneten kamen. „Wir haben gemeinsam überlegt, was wir hier auf unserem Gelände tun können.“ Das Gespräch war die Geburtsstunde des Musik-Festivals „Jamel rockt den Förster“, das 2007 zum ersten Mal stattfand und seither jährlich Stellung bezieht für Demokratie und gegen Rechtsextremismus.

Gerade zu Beginn war es nicht ganz einfach, Musiker und Publikum nach Jamel zu ziehen: „Wir haben anfangs regionale Bands eingeladen, und da mussten wir als Städter erst einmal lernen, wie das auf dem Land läuft. Hier ist ja jeder irgendwie mit jedem um drei Ecken verwandt und man will sich nicht gegenseitig auf den Schlips treten.“ Andere hätten schon so oft bei Konzerten Gewalt durch Rechtsextreme erfahren, dass sie die Neonazi-Hochburg Jamel lieber meiden wollten. Mit einer überregionalen Ausweitung wuchs auch der Zuspruch bei Bands und Publikum: „Wir haben mit 100, 150 Besuchern angefangen, heute sind wir bei 400. Und die Musiker fragen heute von sich aus, ob sie bei uns spielen können“, berichtet Lohmeyer. Und der Gegenwind? Nachdem vor einigen Jahren ein Gast von zwei Rechtsradikalen krankenhausreif geprügelt wurde, geht der größte Teil des Festival-Budgets in den Posten Security. Seither ist Ruhe, aber, so Lohmeyer: „Die Festivalplakate in der Umgebung werden regelmäßig abgerissen, und Besucher werden auf der Straße auch schon mal angepöbelt, wenn sie nach dem Weg zu uns fragen.“ Auch von sich selbst als politisch neutral verstehenden Dorfbewohnern, wird das Paar inzwischen ausgegrenzt, so die Veranstalterin: „Deren Unmut gegen die Medien-Aufmerksamkeit, die Jamel erhält, richtet sich interessanterweise nicht gegen die rechtsextremen Urheber, sondern gegen uns.“

Einen Kurswechsel beobachten sie und ihr Mann hingegen bei den Neonazi-Nachbarn selbst: „Die winken jetzt immer, wenn sie uns sehen, und lächeln scheinbar freundlich.“ Die Lohmeyers vermuten dahinter vor allem einen Grund: „Die wollen diese negative Presse nicht mehr, deswegen ist das Teil ihrer neuen Strategie, nett und freundlich aufzutreten“, so Birgit Lohmeyer. „Die Preise und Ehrungen, die wir erhalten, schützen uns ein wenig vor offenen Übergriffen, denn damit geht ja viel öffentlicher Berichtserstattung einher.“ Stichwort Auszeichnungen: Besonders berührt habe sie der Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage des Zentralrats der Juden in Deutschland, den das Paar 2011 für ihr Engagement erhielt. „Das ist überwältigend, dass wir als Kinder der Täter-Generation einen Preis erhalten von den Kindern der Opfer-Generation“, so Lohmeyer.

Es gab zahlreiche andere Ehrungen – und es gibt neben dem Forstrock viele andere kulturelle Aktivitäten, mit denen die Lohmeyers ihr Statement für Demokratie und Vielfalt untermauern. So nehmen sie, mit Unterstützung von bildenden Künstlern aus der Region, seit 2011 mit Kunstausstellungen auf ihrem Gelände an der Aktion „Kunst : Offen“ teil, während derer in ganz Mecklenburg-Vorpommern Künstler ihre Ateliers zeigen. Ein ganz neues Projekt ist ihre Zusammenarbeit mit umliegenden evangelischen Kirchengemeinden. Mit ihnen organisierten Birgit und Horst Lohmeyer im Sommer 2012 im Rahmen der Interkulturellen Wochen der ökumenischen Kirchen einen bunten Nachmittag auf dem Forsthof: „Wir sind mit ein paar engagierten Pastoren auf die Idee gekommen“, so Lohmeyer, „dass sich die Kirche auch hier zum Thema Rechtsextremismus positionieren sollte. Das sehen ja nicht alle so, dass sich Kirche auch politisch äußern darf, deswegen hat uns diese Kooperation sehr gefreut.“

So entstehen auch neue Netzwerke – die zu den vielen Kontakten hinzukommen, die die beiden inzwischen zu Gemeindevertretern, Politikern, anderen Engagierten und Kulturschaffenden knüpfen konnten. „Wir haben jetzt quasi ein neues Hobby und haben darüber viele neue Freunde gefunden. Das gibt viel Kraft.“ Kraft, die sie nicht zuletzt auch für die oft schwierige Finanzierung ihrer Projekte brauchen. „Wir machen zum Beispiel mit dem Festival jedes Jahr dasselbe. Eine Projektförderung kann man pro Träger aber nur einmal beantragen und muss daher nach immer neuen Töpfen oder gern auch Sponsoren Ausschau halten“ erklärt Lohmeyer die Situation. Hierfür ist ihnen genauso viel Erfolg zu wünschen wie für ihr Engagement selbst – denn das eine kann es ohne das andere nicht geben.

01.10.2012

Foto: Birgit und Horst Lohmeyer

Der Forsthof Jamel; © Birgit und Horst Lohmeyer
Open Air Festival "Jamel rockt den Förster" 2012; © Birgit und Horst Lohmeyer
Jamel in Mecklenburg-Vorpommern; © Birgit und Horst Lohmeyer
Detail Forsthof Jamel; © Birgit und Horst Lohmeyer
Birgit und Horst Lohmeyer; © Birgit und Horst Lohmeyer